Reisende am Flughafen München

Darum fliegen sie trotzdem nach Istanbul

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Türkei-Reisende (v.l.): Katharina Willinger, Osman Sahin und Sebastian Schulze.

München - Der Schock nach den Anschlägen in Istanbul sitzt tief. Und trotzdem: Am Mittwoch, nur 24 Stunden nach dem Schrecken, heben wieder Flugzeuge nach Istanbul ab. Auch vom Flughafen München. Fliegt jetzt die Angst mit? Die tz hat sich umgehört.

Bei den Toten in Istanbul handelt es sich um Touristen aus Deutschland. Sie suchten Erholung, Unterhaltung und Kultur im Herzen der türkischen Metropole – und fanden den Tod. Viele türkische Zeitungen titeln am Mittwoch mit deutschen Schlagzeilen. Die Türkei zeigt sich solidarisch mit Deutschland. Der Schock sitzt tief.

„Klar mache ich mir Sorgen“, sagt Osman Sahin (29). „Da wurden unschuldige Menschen grausam getötet!“ Sahin ist in Augsburg geboren, hat aber einen türkischen Pass. „Eine Stornierung der Reise war keine Option. Ich habe Familie in Istanbul, die will ich sehen“, sagt Sahin. Darum wird er fliegen, jetzt erst recht. „Der Anschlag hat die ganze Türkei erschüttert“, sagt Sahin. „Wir sind ein islamisches Land – und trotzdem trifft uns der Terror. Das zeigt, dass Terror nicht gleich Islam ist.“

Jetzt hofft Sahin, dass die ganze Welt Anteil nimmt am Leid der Anschläge. „Genau so, wie vor Kurzem in Paris.“ Denn bisher habe er auf Facebook noch keine Profilbilder mit der türkischen Flagge gesehen. Sahin: „Nach Paris hatten das alle.“

Sie berichtet seit Jahren aus der Türkei

Es ist viel los an Terminal 1, Modul C. Flüge nach Istanbul gehen von hier ab, es landen aber auch Maschinen aus der Türkei. Menschen schließen erleichtert ihre Geschwister, Kinder, Eltern und Freunde in die Arme. Auch Katharina Willinger (29) war in Istanbul. Sie arbeitet als Autorin fürs Bayerische Fernsehen und die ARD, seit Jahren berichtet sie aus Istanbul. Die Stadt ist neben München ihr zweiter Lebensmittelpunkt, alle paar Wochen pendelt sie zwischen den Städten. Sie spricht Türkisch, hat viele türkische Freunde – ihre Wohnung liegt nur wenige Kilometer von Sultanahmet entfernt. Dort, wo sich der Terrorist in die Luft sprengte und zehn Menschen in den Tod riss.

„Da lag ich gerade mit Grippe zu Hause im Bett“, erzählt Willinger. Dann rief ihr Freund aus dem ARD-Studio in Istanbul an, auch er arbeitet dort. „Mensch, was war denn das für ein Knall?“ Willinger hat nichts gehört. Als sie von den Anschlägen weiß, fährt sie ins ARD-Studio. „Die türkische Regierung hatte schon nach etwa einer Stunde eine Nachrichtensperre verhängt“, erzählt Willinger. Gegen 14 Uhr macht sie sich selbst auf den Weg zum Tatort. „Es war alles abgesperrt, viele Menschen waren da.“

Die Stimmung in der Stadt? „Schwer zu sagen, ich war nur kurz draußen. Am Nachmittag hat es heftig geregnet, es war kaum jemand auf der Straße“, sagt Willinger. „Abends bin ich noch mal raus. Im Supermarkt war die Verkäuferin besonders nett zu mir. Sie wusste wohl, dass ich eine Deutsche bin. ­Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.“

Mulmiges Gefühl am Flughafen in Istanbul

„Ich hatte ein ziemlich mulmiges Gefühl im Bauch“, sagt Sebastian Schulze (30) aus München. Zum Glück war der Sportmanager zur Zeit des Anschlags nicht in Istanbul, sondern in Belek nahe Antalya. Gestern Vormittag aber ging es mit dem Flieger heim – über Istanbul. Die Stadt, in der nur wenige Stunden zuvor zehn Menschen getötet wurden. Vom Anschlag selbst hat er nicht viel mitbekommen. „Im Hotel hatte ich kaum Internet“, sagt Schulze. Vom Selbstmordattentäter und den Toten hat er erst erfahren, als seine Freundin ihm eine SMS aus München schickte.

Tobias Scharnagl

Tobias Scharnagl

E-Mail:Tobias.Scharnagl@tz.de

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