Konflikte in der Heimat

Wie Münchner Türken sich hier fühlen

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Yesim Kaya (Name geändert): "Man muss den Menschen in der Türkei, die gerade alles verlieren, helfen."

München - Hadern mit der Heimat: Die Konflikte in der Türkei reichen bis nach Deutschland. Münchner Türken erzählen aus ihrem Alltag zwischen Patriotismus und Anfeindungen.

Die Konflikte in der Türkei dürften nicht in Deutschland ausgetragen werden, hat unter anderen CDU-Generalsekretär Peter Tauber gefordert. Dabei ist es längst soweit: Auch in München gibt es Feindseligkeiten zwischen Anhängern und Gegnern des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Doch so einfach ist es nicht. Ist jeder, der eine türkische Flagge schwenkt, ein Erdogan-Fan? Wie ergeht es Münchner Türken, die ihn kritisieren? Droht auch in der Gemeinschaft türkeistämmiger Münchner ein offener Konflikt?

In Köln versammelten sich am Sonntag Zehntausende, um ein Zeichen zu setzen gegen den jüngsten Putschversuch. Auch in München demonstrierten kürzlich Hunderte vor dem türkischen Generalkonsulat an der Menzinger Straße (wir berichteten). Dabei fragt sich der Westen: Wie kann es sein, dass so viele Türken und Türkeistämmige in Deutschland für einen Staatspräsidenten auf die Straße gehen, der nach Angaben von Amnesty International zehntausende Bürger verhaften, foltern, drangsalieren lässt und in Angst und Schrecken versetzt? Lassen sich die Kundgebungen verkürzen auf das, was ein Twitter-Nutzer schrieb: „Pro-Erdogan-Demo in Köln. Als demonstrierten Freilandhühner für Käfighaltung“?

Sicherlich nicht. Wer sich unter Deutschtürken in München umhört, erhält ein differenziertes Bild. Es gibt Erdogan-Fans, die zu den 60 Prozent Deutschtürken gehören, die seine Partei AKP wählen würden – gegenüber 50 Prozent in der Türkei. Viele Münchner Türken sind Patrioten, die einen Putsch noch mehr fürchten als einen Despoten. Und dann gibt es die Erdogan-Kritiker, die entsetzt sind über das Grauen. Manche sprechen das offen aus, andere fürchten Repressalien.

Rund 40 000 Menschen mit türkischem Pass leben aktuell in der Landeshauptstadt, sie stellen unter den Migranten die größte Gruppe. Wir haben ein paar von ihnen gefragt.

„Die türkische Flagge zu schwenken, heißt nicht automatisch, für Erdogan zu sein.“

Zafer Ertem.

Zafer Ertem, 42 Jahre, ist Interkultureller Trainer. Der Vater dreier Kinder lebt seit 13 Jahren in München. Er hat den Verein German Alliance gegründet, der Geflüchteten hilft. Er sagt: „Wenn hier Menschen die türkische Flagge schwenken, hat das noch nichts mit Erdogan zu tun. Es ist ein Ausdruck von starkem Patriotismus. Die Flagge stammt vom Staatsgründer Atatürk, der die Demokratie eingeführt und das Land zur Einheit geführt hat. Die Türkei ist von vielen Militärputschen traumatisiert. Darum feiern nun unterschiedliche Strömungen, dass der Putsch gescheitert ist.“

Aber wie kann man einen solchen Despoten unterstützen? Ertems Verwandte leben in Izmir. Er sagt, sie seien Kemalisten, also Anhänger Atatürks und der Oppositionspartei CHP. „Aber auch uns geht es um den Zusammenhalt der Türkei. Ein erfolgreicher Putsch hätte jahrelangen Stillstand bedeutet, die Menschen hätten für Brot und Milch anstehen müssen. Und Meinungsfreiheit hätte gar nicht mehr existiert. Also sagen viele: lieber Erdogan als eine Militärdiktatur, trotz der Verhaftungen. Erdogan kommt und geht – Atatürk bleibt.“

Und dass viele Menschen verfolgt werden von Erdogans Anhängern? Ertem ruft auf Facebook dazu auf, Anhänger der Gülen-Bewegung – die von Erdogan für den Putsch verantwortlich gemacht wird – in Ruhe zu lassen. „Ich sage ihnen: Meidet Leute, die nicht eurer Meinung sind, boykottiert ihre Produkte, ihre Schulen – aber bitte seid nicht gewalttätig.“ Viele Deutschtürken seien enttäuscht, dass Deutschland der Türkei nicht zur Seite stehe, um die Verantwortlichen für den Putsch zu finden. „Stattdessen machen sie Erdogan fertig und brüskieren damit das Volk. Viele Türken glauben ihm jetzt, wenn er sagt: Schaut, Europa war immer gegen die Türken. Das ist ein fruchtbarer Boden für Extremisten.“

Doch warum hatte Erdogan vorher schon so viele Wähler? „Er hat gezeigt, dass die Türkei ein großes Ganzes ist und wirtschaftlich wachsen kann“, sagt Ertem. „Ich rede oft mit ungebildeten Leuten auf dem Land. Viele sagen: ,Wir sind gegen Erdogan, aber guck mal, diese Straße hat er gebaut.‘ Und er hat die Renten erhöht.“

Warum ist der türkische Patriotismus hierzulande so stark – hat die Integration versagt? „Die Integration war mehr als erfolgreich“, sagt Ertem. Aber alle Münchner Türken hätten nun mal eine starke Verbindung zur Türkei, auch wegen ihrer Verwandten dort. Sie hätten „zwei Heimaten“, fühlten sich als Deutsche und als Türken. „Bei Integration geht es um Sprache und darum, in der Gesellschaft mitzumachen. Es geht nicht darum, ob ich Börek oder Schweinsbraten esse.“

„Alle, die Erdogan zujubeln, spinnen total. Es ist einfach nur schrecklich!“

Yesim Kaya (Name geändert), 41 Jahre, Erzieherin, ist Mutter eines Sohns und lebt seit 30 Jahren in München. Sie sagt: „Es ist schrecklich! In der Türkei hat eine riesige Hexenjagd begonnen. Jeder, der den Mund aufmacht, kommt ins Gefängnis. Die spinnen total! Erdogan macht, was er will. Er hat so viel Macht. Ich habe Angst, dass es Bürgerkrieg gibt. Sogar Leute, die Erdogan mochten, sagen: Er spinnt.“

Und dass er die Wirtschaft vorangebracht hat? „Er hat gestohlen!“, ruft Kaya. Medienberichten zufolge soll er Milliarden US-Dollar Schmiergeld kassiert haben. „Aber ein Muslim darf nicht stehlen!“ Zudem gebe es unter den Türken zu wenig Höhergebildete. „Dort sitzen alle Akademiker und Journalisten in Haft. Nur die unterste Schicht jubelt Erdogan zu – will nicht mitdenken.“

Freunde am Telefon berichten ihr, dass sie den Job verloren haben, ihre Wohnung räumen müssen, ihre Ersparnisse beschlagnahmt wurden. „Seit zwei Wochen weine ich so viel“, sagt sie. „Man muss sich um die Familien dort kümmern, so viele stehen jetzt vor dem Nichts.“ Hinzu komme die Angst: „Verwandte sagen am Telefon, nenn’ bloß seinen Namen nicht, sie hören uns ab. Es ist wie zu Stasi-Zeiten.“

Ob sie sich hier bedroht fühle? Ja, sagt sie, ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, fotografieren lässt sie sich nur von hinten. Es sei zu gefährlich. „Sobald man sich gegen Erdogan äußert, gilt man als Verräter“, sagt Kaya. „Eine Nachbarin sagte zu mir: Ich hatte dich für eine nette Frau gehalten, doch ich habe mich wohl geirrt.“ Also dürfe sie nur anonym reden. Sonst fürchtet sie ein Einreiseverbot in die Türkei: „Das wäre furchtbar, meine 80-jährige Tante und meinen Bruder nicht mehr besuchen zu können.“

Was sie von Deutschland erwartet? „Die Regierenden sollten sich viel klarer gegen Erdogan aussprechen“, sagt Kaya. „Und wer Andersdenkenden wie mir den Tod wünscht, den muss man stoppen!“

„Wir sind Attacken ausgesetzt, fühlen uns hier im Rechtsstaat aber sicher.“

Mehmed Celik.

Mehmed Celik, 39 Jahre, Geschäftsführer einer mittelständischen Firma, ist Vorsitzender des Münchner Vereins Idizem (Interkulturelles Dialogzentrum). Dieses ist Teil der Bewegung, die sich nach Erdogans Kontrahent Fethullah Gülen benennt oder auch „Hizmet“ (Dienst an der Gesellschaft). Die Bewegung betreibt auch Schulen und Kindergärten, in München gibt es vier Nachhilfezentren.

Celik sagt: „Natürlich sind wir Anfeindungen von Erdogan-Anhängern ausgesetzt. Idizem ist für sie ein rotes Tuch, weil wir uns offen zu Gülen bekennen.“ Nach dem Putschversuch seien fast alle Gülen-Schulen mit Steinen beworfen, mit Graffiti beschmiert worden. Es gebe auch persönliche Anfeindungen, etwa in sozialen Netzwerken: „Texte, dass wir erhängt werden sollten.“ Manche Äußerung bringe man zur Anzeige. Auch an der Religionsausübung werde man gehindert, berichtet Celik: „Ditib-Moscheen machen Aushänge, dass keine Gülenisten reindürfen.“

Er selbst nehme die Bedrohung nicht allzu ernst. „In der Türkei ist es extrem schlimm, aber in Deutschland leben wir in Rechtssicherheit und fühlen uns geschützt.“ Doch teilweise hätten sich Freunde und Verwandte abgewendet.

Trotz allem hat auch Celik Verständnis dafür, „dass die Türkei mit aller Kraft den Schuldigen sucht. Man hält die schlechteste Regierung für besser als einen Putsch – wegen unserer langen Putsch-Erfahrung“, sagt er. „Dass sich die Menschen dagegen wehren, ist gut.“ Dass jedoch Gülen-Anhänger ohne jegliche Beweise verfolgt würden, sei schlimm.

Und der Patriotismus unter Deutschtürken? Der sei stets größer gewesen als in der Türkei, sagt Celik. Türkische Jugendliche hätten oft schlechtere Perspektiven als deutsche. „Das erzeugt Frust.“ Viele sähen Erdogan als Anführer, nicht Angela Merkel oder Joachim Gauck. Was Ertem wundert: „Es fehlt an Einsicht, dass Erdogan kein Demokrat ist. In der Gesellschaft tief verankert ist die Vorstellung, der Putsch sei von außen gesteuert – nicht allein von Gülen, sondern etwa von der CIA. Und Erdogan gilt als starker Mann, er hat ja einiges vorzuweisen: Lange ging es der Wirtschaft blendend.“ So mache sich das Gefühl breit: „Mir geht es besser – und wir Türken sind wieder wer.“ Da nähmen es viele in Kauf, dass Menschen drangsaliert werden, nach dem türkischen Sprichwort: „Wenn ich Holz verbrenne, brennt neben dem trockenen auch feuchtes mit – obwohl es unschuldig ist.“

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