In der Trauer vereint

Nach Orlando-Massaker: Ist der CSD in München in Gefahr?

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Menschen legen Blumen und Kerzen nieder in Gedenken an die Opfer des Massakers in Orlando.

München/Orlando - Das Massaker mit 50 Toten und Dutzenden Verletzten in einem Schwulenclub in Orlando schockiert die Welt. Auch Münchens homosexuelle Szene trauert. Kann der Christopher Street Day (CSD) wie geplant stattfinden?

Münchens Schwule und Lesben hatten sich an der Isar und in den Szene-Metropolen der Welt sicher gefühlt. Doch das hat sich am Sonntag schlagartig verändert: Die Community und der Rest der Stadt trauern mit den Toten von Orlando

Die Münchner hielten vor dem Amerika-Konsulat eine Mahnwache ab.

Das Attentat wird einen Schatten auf den diesjährigen Christopher Street Day (CSD) werfen, der am 9. Juli in der Innenstadt gefeiert wird. Bereits am Montag hielten viele Münchner eine Mahnwache am Amerikanischen Konsulat in der Königinstraße ab.

„Ich war fassungslos und geschockt“, sagt Rosa-Liste-Stadtrat und Münchens Aids-Hilfe-Chef Thomas Niederbühl. Sein Fazit: „Unsere Sicherheit hat ihre Unschuld verloren.“ Zwar hatte es bereits 1999 ein Attentat eines Neonazis auf ein schwules Pub in London mit drei Toten und 70 Verletzten gegeben. Dennoch ist die Dimension des Massakers von Orlando neu für die Szene. „Der Mann war ein Einzeltäter“, stellt Niederbühl aber klar. Er will sich auf keine einseitige Diskussion über Homophobie im Islam einlassen: „Es gibt immer mehr gesellschaftliche Kräfte, die einen homophoben Kern in sich tragen. Dazu gehören Islamisten genauso wie Rechtsradikale.“ Ob der CSD heuer wie gewohnt stattfindet? „Es gibt kein gesteigertes Gefahrenpotenzial“, so Niederbühl, gleichzeitig politischer Sprecher des CSD. „Wir werden dennoch in den nächsten Tagen Gespräche mit der Polizei führen.“ Auch Stadträtin Lydia Dietrich (Grüne) ist schockiert: „Ich bin fassungslos wie nach Paris. Ich war gerade beim CSD in Münchens Partnerstadt Kiew und habe dort erlebt, dass es überall Kräfte gibt, die uns Homosexuelle bekämpfen wollen.“

SPD-Stadtrat Christian Vorländer ringt um Fassung: „Mir hat es den Hals zugeschnürt vor Entsetzen. So einen Angriff auf uns Schwule gab es noch nie.“ Doch gibt Vorländer zu bedenken: „Das war die Tat eines Einzelnen. Man darf keine Schlüsse auf eine ganze Gruppe schließen.“ Allerdings beobachtet Vorländer mit Blick auch auf die Rechten: „Die offene Gesellschaft wird derzeit von allen Seiten in die Zange genommen.“ Auch Dietmar Holzapfel, Wirt der Deutschen, ringt um Worte: „Man macht sich schon Gedanken darüber, dass so ein Täter in München unser Lokal als Ziel wählen könnte.“ Vor 20 Jahren habe es einmal einen Droh-Nachricht auf der Homepage des Lokales gegeben. „Das war ein Neonazi, der geschrieben hatte, er wolle unser Haus niederbrennen. Er wurde gefasst und verurteilt.“

Das sagen die Menschen zu dem Attentat  in Orlando

Attentäter verrückt

Magret Heszheimer (71) aus Irland: "Ich glaube der Attentäter war verrückt. Es passiert jeden Tag etwas, da wird man ganz hart und ist nicht mehr ganz so betroffen. Solche Taten werfen ein schlechtes Licht auf die Gesellschaft. Wir dürfen uns davon aber nicht unterkriegen lassen, denn dann leben wir nicht mehr."

Unbegreifliche Tat

Nik Golob (19), Student aus Kanada & Alek Pikl (20), Student aus München: "Das ist wirklich erschütternd. Automatische Waffen müssen in Amerika strenger kontrolliert werden. Der Schütze hat ein homosexuelles Pärchen beim Küssen gesehen und deshalb diese Tat begangen. Das ist unbegreiflich. Wie kann ein kleiner Teil der Muslime so viel Schaden anrichten? Wir kennen auch Muslime, die sind aber ganz anders. Das ist ein Rückschritt für die muslimische Gesellschaft auf der Welt und insgesamt einfach nur sehr traurig."

Traurig für die Familien

Cevin Schopf (20), Auszubildender aus Grafenwöhr: Es sind viele Menschen gestorben. Das ist traurig für die Familien der Opfer. Ich hoffe so etwas passiert nicht hier. Man möchte sich keine Gedanken machen, dass man an einen Platz geht und jemand einfach rumballert – egal ob in Amerika oder woanders. 

J. Welte, I. Maier

Johannes Welte

Johannes Welte

E-Mail:Johannes.Welte@tz.de

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