Ausstellung und Gespräche mit Schülern

Tödlicher Tram-Unfall - so verarbeitet der Bruder die Tragödie

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Tobias Boenke brachte Julias Schatten mit in die Schule.

München - Wegen eines unachtsamen Moments verlor seine Schwester Julia ihr Leben. Nun arbeitet Tobias Boenke die Tragödie und die Folgen mit Schülern auf.

An manchen Tagen konnte Tobias Boenke (20) schon wieder glücklich sein. So glücklich, dass er fast schon ein schlechtes Gewissen hatte. Doch die Trauer kommt in Wellen immer wieder zurück. Die Trauer um Julia (15), seine kleine Schwester, deren Tod einen schwarzen Schatten auf die Familie und all die Menschen warf, die dieses Mädchen so sehr lieben. Nun jedoch hat dieser Schatten Gestalt angenommen. In Form ihrer authentischen Silhouette in Lebensgröße wird Julia künftig Teil einer eindringlichen Ausstellung des ADAC Südbayern sein, der junge Leute vor den tödlichen Gefahren der Ablenkung im Straßenverkehr warnen möchte.

Durch Handys, durch Kopfhörer, auch durch Alkohol, Selbstüberschätzung, Leichtsinn oder nur eine dicke Kapuze auf dem Kopf. Eine Warnung an alle, die immer noch denken: "Mir wird schon nichts passieren…" Speziell gerichtet an die gefährdete Generation der 16- bis 24-Jährigen.

Tobias spricht mit Elft-Klässlern

Am Montag in der Städtischen Berufsschule für Zahntechnik, Chemie-, Biologie- und Drogerieberufe trat Julias Bruder Tobias in den Dialog mit rund 100 jungen Chemie-Absolventen der 11. Jahrgangsstufe und Schulleiterin Marieanne Wagner-Sindelar. Auch der Erste Polizeihauptkommissar Michael Reisch, der schon so viel Unglück sah und dem die Prävention so wichtig ist, war dabei.

Ihnen allen erzählte Tobias, wie er und seine Eltern litten und wie sie heute mit Julias Tod umgehen. Ohne jeden Pathos. Dafür mit einer Eindringlichkeit, die mitten ins Herz trifft. Der grauenhafte Moment, als an jenem Mittwoch zwei Polizisten und ein Seelsorger an der Tür der Familie Boenke klingelten. Wie sie von Julia Abschied nahmen und ihren Sarg mit liebevollen Botschaften schmückten. Wie er selbst die Musik ("Netzwerk - Falls Like Rain") aussuchte.

Dankbar für jeden gemeinsamen Moment

Und oft stellt sich Tobias vor, wie das wohl ist mit dem Tod - "und ob Julia mich dann wohl empfängt in dieser anderen Welt." Dankbar für jeden Moment, den er mit ihr verbringen durfte. Und gereift an der Erkenntnis, "dass wirklich nichts für immer ist". Und manch einer im Publikum kämpfte mit den Tränen. Denn auch unter diesen jungen Leuten hat schon manches Mädchen und mancher Bub einen lieben Menschen bei Verkehrsunfällen verloren, die vielleicht sogar vermeidbar gewesen wären.

Die ADAC-Ausstellung nach einer Idee der Designerin Marlene Schlund mit den Geschichten und Silhouetten von Benjamin († 19), Jasmin († 24), Roccy († 16), Sissi († 16) Sarah († 15) Sascha († 19) und nun auch Julia bleibt bis zum 27. September im Foyer der Berufsschule (Orleansstraße 46). "Ich hoffe meine Botschaft ist angekommen", sagte Tobias zum Abschied - mit einem intensiven Blick in die Gesichter der Schüler.

Sie wollte ins Fitnessstudio

Der Unfallort.

Noch acht Minuten vor dem Unfall hatte Julia († 15) ihrem Bruder eine kurze Sprachnachricht geschickt. Sie war auf dem Weg zum Fitnessstudio auf der Landsberger Straße zu spät dran gewesen an jenem 2. März dieses Jahres. Es war kalt. Darum trug sie eine dicke Kapuze auf dem Kopf, eventuell auch noch Kopfhörer darunter. Das konnte nicht mehr genau geklärt werden. So hörte sie um 16.15 Uhr an der Trambahn-Haltestelle "Am Lokschuppen" - eine der gefährlichsten Kreuzungen Münchens und bis heute nicht entschärft  das Klingeln der mit 35 km/h stadtauswärts heranrauschenden Tram-Linie 19 nicht. Julia wurde vom Zug erfasst. Sie starb noch am Unfallort.

Dorita Plange

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