tz spricht mit Architekten

Neubauten in München: Sind das wirklich Schmuckkästen?

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So sollen die Neubauten an der Welfenstraße aussehen.

München - Schwabinger Tor, Hirschgarten, Campus Süd oder der Königshof: In München wird geklotzt – und zwar buchstäblich. Die tz hat bei zwei Münchner Architekten nachgefragt, ob in der Stadt neue Schmuckkästchen entstehen.

Bock auf Block hat aber nicht jeder! Jüngstes Beispiel sind die Pläne für das Paulaner-Gelände am Nockherberg. Dort will die Bayerische Hausbau 1500 Wohnungen errichten. Auf dem rund neun Hektar großen Areal sollen Familien, Paare und Singles auf 149 000 Quadratmetern unterkommen. Auch Geschäfte und Kitas sind geplant. Die ersten Wohnungen könnten 2019 fertig sein Doch es gibt nicht nur Fürsprecher für das Projekt. Die tz hat bei zwei bekannten Münchner Architekten nachgefragt, ob in der Stadt wirklich neue Schmuckkästchen entstehen. 

Nockherberg

Florian Hufnagl: Tja, das ist sicher nicht tosend – aber vielleicht liegt das Problem gar nicht bei den Architekten, sondern an uns allen, an der Stadt und ihrer Vorgehensweise selbst. Schließlich waren jede Menge Stadtpolitiker in der Jury, es gab Bürgerbeteiligungen im Vorfeld, kurz: Das Vorhaben wurde, wie es so schön heißt, von Anfang an auf eine „breite Ebene“ gestellt. Kein Wunder, der Bauherr will möglichst schnell bauen, keinesfalls Ärger, das verzögert die Genehmigung, alle wollen mitreden, alle verstehen was von Kunst und schließlich will man auch noch schnell dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum. Da bleibt dann halt die Architektur weitgehend auf der Strecke.

Rodenstock Garten

Rainer Hofmann: Das finde ich sehr spannend, die städtebauliche Situation, dass der Roecklplatz an der Nordseite einen Abschluss bekommt. Ich habe zudem einen Übergang von der räumlichen Dichte und intensiven Nutzung und den offenen Isarauen. Eine gute Mischung; auf der einen Seite eine hohe Dichte und auf der anderen eine große Weite.

Hufnagl: Ein Beispiel dafür, dass sich München immer mehr Berlin annähert – das finde ich bedauerlich. Mich erinnert das an die Mietkasernen des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit ihren zweiten, dritten und vierten Hinterhöfen. Das Baurecht wird bis auf den letzten Tropfen ausgepresst. Trostlos.

Schwabinger Tor

Schwabinger Tor.

Hofmann: Das finde ich super gelungen. Es gefällt mir, dass man ein neues Stadtzentrum errichtet, mit einer hohen Dichte – am Rande der historischen Stadt. In der Mitte des Projektes entsteht ein langer, klar definierter Raum. Und der gliedert sich in unterschiedliche Nutzungen wie etwa Büros und Wohnen.

Hufnagl: Zumindest sieht man eine eigene Formensprache, die so in München noch nicht eingesetzt worden ist. Das ist sehr gerade, sehr schlicht und versucht, mit wenigen Details eine Gliederung der Fassade zu bewerkstelligen. Durch das Spiel mit den Winkeln wird die Architektur belebt.

Siemens-Hochhäuser

Hofmann: Hier mischt man die Bestandsgebäude, eine Blockrandstruktur, mit den Hochhäusern. Es entsteht ein klar definierter Innenraum mit einer architektonischen Strenge. Wenn dieser Raum gut umgesetzt ist, kann das funktionieren.

Hufnagl: Schlimm. Klötzchen aus dem Architektur-Baukasten mit etwas überzuckertem Grün. Wer sich an die Stadterweiterung der späten 50er, frühen 60er erinnert fühlt, liegt sicher nicht falsch. Hier soll möglichst schnell möglichst viel Wohnraum entstehen. Man müsste weit oben wohnen, dass man in die Ferne schauen kann.

Königshof

Hofmann: Ein tiefer Griff in die Architekturkiste, ein Zauberwerk. Fragen muss man, ob ein Hotel an so einer Stelle sich derart wichtig machen darf? Auf der anderen Seite gibt es die üblichen bedeutsamen Gebäude nicht mehr so häufig, die einst die Stadtzentren definiert haben. Wir werden keine neue Frauenkirche bauen! Und die Stadt kann sich auch mal etwas Extrovertiertes leisten.

Hufnagl: Ich bin begeistert! Endlich ein mutiger Bauherr, der in zentraler Lage eine fantastische Architektur hinstellt! Ein Bau, dem man ansieht, dass er aus dem 21. Jahrhundert stammt und sich nicht in bloßer Anpassungs-Architektur erschöpft. Ich bin mir sicher, dass der neue Königshof irgendwann einmal zu den bedeutendsten Gebäuden der Stadt zählen wird.

Hirschgarten

Hirschgarten.

Hofmann: Architektonisch ist das ein cooles Teil, das aus dem Erdboden herauswächst. An dieser Stelle darf man ruhig etwas wilder werden. Bauchschmerzen habe ich nur, ob sich das Objekt mit der Umgebung verzahnt. Es entstehen dort nur hochpreisige Wohnungen. Das sehe ich vom sozialen Aspekt her kritisch. Es fehlt ein bisschen die Mischung.

Hufnagl: Ich drücke mich jetzt mal kryptisch-verhalten aus und sage: Passt zur Bebauungsart an der S-Bahnlinie zwischen Hackerbrücke und Pasing. Die Anlage inspiriert mich nicht, auch wenn Grün auf dem Dach ist. Jedenfalls würde ich kein Selfie machen wie die Asiatin auf der Animation.

Das sind die Experten

Florian Hufnagl ist Kunsthistoriker und war 15 Jahre lang Direktor der Neuen Sammlung (Pinakothek der Moderne). Er lehrte Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts am Institut für Kunstgeschichte der Universität München und ist seit 1997 Honorarprofessor an der Akademie der Bildenden Künste in München. Rainer Hofmann ist als Architekt in München niedergelassen. Sein bogevischs buero wurde jetzt für das Projekt wagnisART mit dem Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet. Dabei handelt es sich um eine genossenschaftliche Wohnanlage an der Fritz-Winter-Straße 4-16. Das Objekt hat Clusterwohnungen, die hier zum ersten Mal in München realisiert wurden.

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