Vernetzt im Viertel

Neue Internet-Plattform für mehr Nachbarschaft

+
Lernten sich über die Plattform „nebenan.de“ kennen: Hedwig Streifeneder (l.) und Elfie Gleixner.

München - Die Münchner leben immer dichter zusammen, aber sie kennen sich immer weniger. Manch einer weiß nicht einmal, wer hinter der Tür nebenan wohnt. Betreiber einer Internet-Plattform möchten das nun ändern. In Sendling gelingt ihnen das bereits.

"Wenn ich früher zu Fuß zum Harras gelaufen bin, dann habe ich auf dem Weg dahin mindestens fünf Mal ,Hallo‘ sagen können“, erzählt die Rentnerin Elfie Gleixner. „Heute kennt man nur noch wenige“, fügt sie hinzu. Die 79-Jährige wohnt schon seit einer gefühlten Ewigkeit in Altsendling. Dass hier alles immer anonymer wird, liege daran, dass die kleinen Läden verschwinden, die es hier früher noch gab, glaubt sie. An die Stelle der Tante-Emma-Läden traten Filialen großer Supermarkt- und Discounterketten. Keine Orte, an denen man sich Zeit zum Ratschen nimmt.

Das Stadtbild verändert sich. Das wird vor allem in den einzelnen Vierteln sichtbar. Doch auch das Medienzeitalter fordert seinen Tribut, meint Hedwig Streifeneder (61), die ein paar Straßen weiter wohnt. „Die wenigsten achten auf der Straße noch auf die Passanten um sich herum. Die meisten starren nur auf ihr Handy.“

Vernetzen mit "nebenan.de"

Das Smartphone kann aber auch helfen, die Anonymität zu überwinden: Als Zugang zur Internetplattform „nebenan.de“, auf der sich Bewohner eines Viertels vernetzen können.

Über die Plattform haben sich auch Elfie Gleixner und Hedwig Streifeneder kennengelernt. „Ich habe Elfie schon öfter auf der Straße gesehen, aber ich wusste nicht, wie sie heißt oder wo sie wohnt“, erzählt Streifeneder. „Dann habe ich sie auf der Plattform entdeckt.“ Ein Handzettel, den sie in ihren Briefkästen fanden, hat die beiden Frauen auf „nebenan.de“ aufmerksam gemacht. „Ich habe mit meinem Smartphone das Ganze erst einmal gegoogelt“, sagt Rentnerin Gleixner. Skeptisch war auch Streifeneder anfänglich. Soziale Medien wie Facebook und Whatsapp – das sei nicht ihre Welt, sagt sie. Doch das Nachbarschaftskonzept hat beide überzeugt.

Erst seit Mitte Februar gibt es Altsendling als Online-Stadtteil, und schon jetzt ist es eine der aktivsten Nachbarschaften in München. Relativ schnell hat sich das „Feierabendbier“ etabliert. Kein Wunder: Es schlägt eine Brücke zwischen virtueller und realer Welt und bringt die Menschen, die sich online kennen lernen, im richtigen Leben zusammen. „Gleich beim ersten Treffen kamen fast 30 Leute“, erinnert sich Elfie Gleixner. Die Stimmung war freundlich und ausgelassen, „alle Altersgruppen“, so sagt die 79-Jährige schmunzelnd, seien vertreten gewesen. Und bei dem ersten Treffen ist es nicht geblieben. Inzwischen kommen die Alt-sendlinger jeden Mittwoch zum „FeierabendBier“-Stammtisch.

"Wenn ich wirklich Hilfe brauche, finde ich die in meinem Viertel"

Aber auch auf der Plattform gibt es einen regen Austausch. In kürzester Zeit haben sich die unterschiedlichsten Gruppen gebildet.

Die Häkel-und Strickgruppe will Elfie Gleixner als nächstes besuchen. „Meine Mutter hat zwar versucht, mir das beizubringen, aber ich kann’s bis heute nicht richtig“, gibt die Rentnerin zu. Von der Gruppe erhofft sie sich nun Hilfe und Praxistipps. In anderen Foren auf „nebenan.de“ finden Sendlinger Katzenhalter und -sitter zusammen, es gibt eine Gruppe für Familien mit kleinen Kindern und eine andere namens „Blumen und Balkon“. Sogar „Männergespräche“ finden im Forum ihren Platz. „Wie genau die aussehen sollten, ist aber noch nicht ganz klar“, sagt Hedwig Streifeneder und lacht.

Egal, warum jemand auf „nebenan.de“ Kontakt mit anderen Sendlingern sucht: „Die Gemeinschaft antwortet immer unglaublich schnell“, sagt Elfie Gleixner. „Letztens wurde ein Fahrrad fürs Wochenende benötigt, und innerhalb von zehn Minuten kam eine Antwort“. Ob auf der Suche nach einer Werkstatt, einem guten Allgemeinarzt oder einer neuen Bleibe – die Nachbarn können meist mit nützlichen Tipps im Viertel aushelfen.

Doch „nebenan.de“ bietet weit mehr als nur Rat und Unterstützung bei konkreten Problemen. Binnen weniger Monate ist hier eine echte Gemeinschaft herangewachsen. Man ist interessiert und kümmert sich. „Zum zweiten Feierabendbier konnte ich nicht kommen. Sofort wurde ich angeschrieben, ob ich das nächste Mal wieder dabei bin“, sagt Gleixner. „Und sollte ich wirklich mal Hilfe brauchen, dann bin ich mir sicher, dass ich die durch die Plattform in meinem Viertel finden würde.“

So funktioniert nebenan.de

Wer auch gerne die Plattform nebenan.de nutzen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. Die gängigste ist der Handzettel im Briefkasten. Diesen haben meistens Nachbarn eingeschmissen und werben damit für das Online-Stadtviertel. Auf dem Handzettel befindet sich ein Code, mit welchem man sich nach der Online-Registrierung im Stadtviertel anmelden kann.

Welche Viertel auf der Plattform nebenan.de schon aktiv sind, ist von außen nicht einsehbar. Wenn man keinen Handzettel im Briefkasten vorgefunden hat, aber trotzdem gerne mitmachen würde, geht das so: Man registriert sich im Internet auf www.nebenan.de. Durch eine Postkarte, das Foto eines an den Nutzer adressierten Briefes oder einen Anruf überprüft nebenan.de, dass es sich hierbei um eine reale Person handelt. Wenn das eigene Viertel noch nicht online existiert, kann man als Nachbar selbst aktiv werden. Durch Mundpropaganda oder durch Handzettel (Vorlage online erhältlich) kann für die Plattform geworben werden. Hat mindestens eine Handvoll Nachbarn Interesse signalisiert, werden in Zusammenarbeit mit nebenan. de der Name und die Grenzen des Viertels bestimmt.

Für Privatpersonen ist die Nutzung kostenlos. Zukünftig soll es auch eine gewerbliche Nutzung geben. In München sind momentan ungefähr 60 Stadtviertel aktiv.

Lisa-Marie Birnbeck

auch interessant

Meistgelesen

Grausiger Job: Tatortreiniger erzählt über seine Arbeit
Grausiger Job: Tatortreiniger erzählt über seine Arbeit
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht

Kommentare