Druck auf die Region wird immer größer

Wohnen, Pendeln, Leben: Studie über "Dampfkessel" München

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München - Der Dampfkessel München: Eine neue Studie analysiert das Wohnen, Pendeln und die Zuzüge in der Region. Die tz erzählt die Geschichten hinter den nackten Zahlen.

Seine Warnung ist heute aktueller denn je: Der vor eineinhalb Wochen verstorbene Alt-OB Georg Kronawitter (88) verglich die Entwicklung Münchens einst mit einem „Dampfkessel“, der zu platzen drohe …

Die Tabelle zeigt die wichtigsten Werte der Landkreise der Region München (ab Dachau bis Starnberg) und der Landeshauptstadt. Zum Vergleich sind die Nachbar-Landkreise aufgeführt (ab Bad Tölz-Wolfratshausen). Zum Vergrößern hier klicken.

Der Druck auf die Region wird immer heftiger: Das zeigt auch eine neue Studie des Planungsverbands Äußerer Wirtschaftsraum. Einerseits zieht es immer mehr Menschen zu uns. Andererseits besteht beim Wohnungsbau ein extremer „Nachholbedarf“. Zahlen, die unser Leben bedeuten - die wichtigsten Punkte der Statistik im Überblick:

- Einwohner: Spitzenreiter in der Region beim Bevölkerungswachstum ist München (7,5 Prozent). Aber auch in allen Landkreisen wird’s kuschelig. Am schnellsten zwischen 2009 und 2014 sind Dachau (6,2 Prozent) und Ebersberg (5,4 Prozent) gewachsen. Schlusslicht ist Starnberg (1,4 Prozent).

- Bis 2034 soll die Bevölkerung laut Prognose in der Region auf 3,2 Millionen Einwohner ansteigen. In München werden dann 1,62 Millionen Menschen leben (plus 13,4 Prozent). 

- Zum Wachstum trägt einmal der Zuzug bei. Außerdem gibt es fast überall in der Region mehr Geburten als Todesfälle. Ausnahme: der Landkreis Starnberg. Hier kamen 2014 auf 8,1 Geburten je 1000 Einwohner 8,7 Sterbefälle.

- Wohnungen: 11.990 Wohnungen wurden in der Region 2014 fertiggestellt - weniger als 2013 (12.400). „Damit die Preise nicht ins Unermessliche steigen, brauchen wir in den Landkreisen der Region mindestens 10 000 neue Wohnungen pro Jahr und ebenso viele in der Stadt München“, sagt der Geschäftsführer des Planungsverbands, Christian Breu.

- Pendler: Anstieg der Pendlerzahlen in allen Landkreisen! Die meisten Auspendler hat Fürstenfeldbruck mit 35.000 mehr Aus- wie Einpendlern. In die Landkreise Starnberg (174), Freising (3400), München (76 000), und die Stadt München(195 000) pendeln dagegen deutlich mehr Menschen rein als raus. 

Der Pendler-Wahnsinn

Seit 16 Jahren Pendlerin: Andrea Hopf (48) kann so schnell nichts schrecken. Von Puchheim fährt die Volkswirtin drei Mal die Woche zur Arbeit an den Odeonsplatz. 

Kennt den Wahnsinn des Pendler-Lebens: Andrea Hopf fährt von Puchheim nach München.

Hopf macht es wie viele Fürstenfeldbrucker - der Landkreis hat in der Region den größten Auspendler-Überschuss: 35 000 Menschen mehr fahren zum Arbeiten raus dem Landkreis wie rein. Zum Vergleich: In Ebersberg sind es „nur“ 18 000. Bei den Bruckern bleiben die meisten Auspendler in der Region - vorzugsweise geht es nach München.

Die lange Fahrtzeit mit S- und U-Bahn sei schon nervig, sagt Andrea Hopf. Eine Stunde braucht sie von Tür zu Tür. Probleme mit dem MVV seien nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Doch: In Puchheim sei die Lebensqualität mit der Familie einfach besser als in der Stadt. Hopf: „Dafür nehme ich das Pendeln gerne in Kauf.

Hier ist der Tod häufig zu Gast

Manchmal muss auch Andreas Freilinger (34) schwer schlucken. Wenn Eltern ins Grab ihrer Kinder schauen müssen zum Beispiel. „Da bin ich genauso wenig abgestumpft wie jeder andere.“ 

Freilinger ist Chef des Bestattungsunternehmens „Abschied“ mit Filialen in Gilching, Starnberg, Gauting und Gröbenzell. Drei von ihnen liegen im Landkreis Starnberg. 

Dem einzigen in der Region mit mehr Sterbefällen als Geburten. Im Jahr 2014 kamen im Landkreis Starnberg 8,1 Geburten auf 1000 Einwohner - dem gegenüber stehen 8,7 Sterbefälle. In München sind es 11,7 Geburten auf 7,5 Sterbefälle, in Freising 9,5 Geburten auf 7,3 Sterbefälle. 

Sie seien das ganze Jahr über gut beschäftigt, sagt Bestatter Freilinger. Ausreißer nach oben gebe es etwa bei starkem Wetterwechsel. 

Bestatter - mit 34? Für Freilinger kein Gegensatz. Die Abwechslung sei das Schöne an seinem Beruf. Und der Umgang mit den Hinterbliebenen. Um sie kümmert er sich, vermittelt auch mal einen Kontakt zu einem Psychologen. 

Denn auch bei längeren Krankheiten: Meist komme der Tod doch unerwartet. „Ich freue mich, wenn ich Angehörigen bei allem Schmerz ein kleines Lächeln entlocken kann.“

Wohnen im 16-qm-„Kabuff“ 

Wenig Platz? Kein Problem! Uwe J. (52) lebt mit seiner Frau Maja (47) in deren 16 Quadratmeter-Miet-Apartment im Olympiadorf. Vor drei Jahren hat sie es über ihre Arbeit im Studentenwerk ergattert. 

Uwe J. fühlt sich pudelwohl „Ich verstehe nicht, dass viele Münchner so hohe Platzansprüche haben.“

Ein Anspruch, der problematisch werden könnte: Die Fläche, die jeder Einwohner und Beschäftigte im Durchschnitt zur Verfügung hat (also der eigene Wohnraum, Erholungsflächen, Straßen …) wächst zwar fast überall in der Region. 

Uwe J. in seiner Mini-Wohnung.

Doch in der Stadt München und im Landkreis hat jeder Einzelne immer weniger Platz. Im Landkreis München etwa sank der Platz pro Kopf von durchschnittlich 277,9 Quadratmetern 1980 auf 250,2 im Jahr 2014. In der City hat man sogar nur 103,9 Quadratmeter zur Verfügung. 

Der Grund: immer dichtere Bebauung, sagt Christian Breu vom Planungsverband. Das Gegenteil ist der Landkreis Erding. Dort nahm 2014 jeder Einzelne 618,6 Quadratmeter in Anspruch. 

Utopisch für das Ehepaar J.: In ihrem Mini-Raum ist eine Küchenzeile, eine Ausziehcouch und ein Tisch. Dazu kommt noch ein Winze-Bad und einer kleiner Balkon. Das war’s!

Zuerst zog Maja ein, jetzt lebt auch Uwe ab und an mit in der Wohnung. Wenn er nicht die gemeinsamen Söhne besucht. Das Paar hat ein Haus in seiner Heimat Thüringen. Mit 160 Quadratmetern Wohnfläche und 3500 Quadratmetern Garten. 

Ein krasser Gegensatz. Doch nach Anfangs-Skepsis wollen die J.s jetzt nicht mehr weg aus ihrem „Kabuff“. Aber: Ende 2017 wird totalsaniert, das Paar muss raus. Jetzt suchen sie eine vergleichbare Bleibe. Sie soll auch wieder klein und günstig sein. Jetzt zahlen sie weniger als 200 Euro warm im Monat.

Glücklich im Neubaugebiet

Sie wohnen nur 300 Meter von der Therme Erding entfernt: Sandy Z. (36) ist mit ihrem Mann und ihren Töchtern Laura (10) und Lisa (6) 2011 in ein Reihenhäuschen im Neubaugebiet Thermengarten in Erding gezogen. 

Der Kreis, in dem im Jahr 2014 laut Statistik am meisten Wohnungen gemessen an der Einwohnerzahl gebaut wurden. 5,6 Wohnungen pro 1000 Einwohner stellte Erding fertig - in München waren es beispielsweise nur 4,4, in Landsberg 3,6. 

Familie Z. wohnt im Neubaugebiet zur Miete und fühlt sich in der Siedlung sehr wohl. Viele Familien wohnen hier. Deswegen sind die Freunde ihrer beiden Madln auch nie weit, sagt Krankenschwester Sandy. 

Ein weiterer Vorteil: „Das komplette Viertel ist ein verkehrsberuhigter Bereich.“ Auch die Mischung aus Zugezogenen und Alt-Erdingern sei sehr angenehm.

Familie Z. wohnt schon seit mehr als 15 Jahren in Erding. Und wollte auch bei einem Umzug in der Gegend bleiben. Das Reihenhaus im Neubaugebiet: ihr persönlicher Glücksgriff. 

Zu teuer: Sie muss wegziehen

Sie muss München verlassen: Hannelore B.s (70) Rente reicht für unsere teure Stadt einfach nicht (tz berichtete). „Und das, obwohl ich nicht mal wenig bekomme.“ 

Ältere werden verdrängt. Eine Tendenz, die sich in der gesamten Region zeigt. Fast über alle Altersgruppen hinweg kommen mehr Menschen hierher als wegziehen. Auffallend: Nur in den Gruppen der 50- bis 64-Jährigen und Ü-65-Jährigen überwiegen die Fortzüge gegenüber den Zuzügen. 

Die Wohnungssituation in München sei einfach furchtbar, findet auch Hannelore B. Für Normalverdiener und Rentner werde es immer schwieriger, hier zu existieren.

Hannelore B. muss München verlassen.

Etwa 1400 Euro pro Monat hat die Seniorin zur Verfügung. Doch ihre 74-Quadratmeter Wohnung (Kleinhadern) kostet 1085 Euro warm. „Da bleibt nichts mehr zum Leben“, sagt Hannelore B. Sie zieht nun in die Nähe ihres Sohnes in Heilbronn (Baden-Württemberg). 

Ein schwerer Schritt für die Münchnerin: Ihr Mann Otto hat 30 Jahre in der Wohnung gelebt, war der erste Mieter. Vor zehn Jahren zog Hannelore B. zu ihm. 

Schon damals war dem Paar klar, dass es die Wohnung als Rentner nicht würde halten können. Ein schwerer Schlag für Otto: „Mein Mann wäre nie freiwillig aus München weggegangen.“ 

Den Umzug muss Hannelore B. nun alleine bewältigen: Otto ist im Dezember an Krebs gestorben. Doch die Seniorin blickt nach vorne. Und hat ihrem Vermieter auch schon Nachmieter vermittelt. „Eine junge Familie mit kleinem Kind - für die ist es hier ideal.

Mustafa liebt an München die Autos 

BMW, Audi, Mercedes: Vor allem die Autos faszinieren Mustafa Battalbakar (28) an seiner neuen Heimat. Seit zwei Jahren lebt der Lagerist aus Kayseri (Türkei) in Giesing - er ist zu seiner Frau gezogen. 

Damit gehört er zu der größten Gruppe an Zuwanderern in der Region: Menschen aus dem Ausland. 163.913 Menschen zogen 2014 von außerhalb der Region zu uns. 97.376 Zuwanderer kam aus dem Ausland. 

Mustafa Battalbakar hatte seine Frau in Istanbul kennengelernt, vor drei Jahren heirateten sie. Dann wurde auch er Münchner. 

Neu-Münchner: Mustafa Battalbakar.

Und startete der BMW-Welt gleich einen Besuch ab. Die Leidenschaft für flotte Flitzer kommt nicht von ungefähr. In seiner Heimat arbeitete der 28-Jährige als Autohändler. 

Die Liebe zu Autos ist das eine - gewöhnungsbedürftig ist für Battalkbakar aber noch unser Wetter. „Es ist so kalt.“

Eine Parallele zur Türkei hat er schon gefunden. „Dort gibt es viele Kaffee- und Teehäuser, hier viele Biergärten.“ Bier trinkt er als Moslem zwar nicht. 

Momentan steht aber eh ein viel wichtigeres Ereignis an: In zwei Monaten wird der Neu-Münchner Papa. „Ein Mädchen“, sagt er - und strahlt.

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