Nockherberg 2016

Brain-Sturm: Donnerwetter in Horst Seehofers Kopf

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Das Nockherberg-Singspiel 2016: Maxi Schafroth als Es-Hofer (l-r), Michael Vogtmann als Joachim Herrmann, Antonia von Romatowski als Angela Merkel, Paul Kaiser als Über-Ich-Hofer, Christoph Zrenner als Horst Seehofer und Stephan Zinner als Markus Söder.

München - Horst Seehofer weht beim Nockherberg starker Wind entgegen. Am Ende gibt es stehende Ovationen für das Rosenmüller-Singspiel.

Herzlich willkommen im Hirn von Horst Seehofer! Hier drin war nämlich der Schauplatz des Nockherberg-Singspiels 2016. Unter dem Titel Brain-Sturm zeigte uns Marcus H. Rosenmüller Mittwochabend Innenansichten des Landesvaters. Das heißt: nicht nur Rosi allein, sondern seine Mannschaft – insbesondere mit Autor Thomas Lienenlüke sowie den Musikern Sebastian Horn und Gerd Baumann. Zusammen haben sie ein Singspiel aus einem Guss hingelegt. Nachdenklicher und ruhiger als in den drei Jahren zuvor, was auch dem Thema geschuldet war. Natürlich: Es geht um Flüchtlinge.

Die Bühne dazu, ebenso klar wie stark, hat Rosis Frau Doerthe Komnick gestaltet. Oben das Oberstübchen, Seehofers Hirn. Hier liefern sich Vernunft (Paul Kaiser) und Gefühl (Maxi Schafroth) heiße Diskussionen – in der Regel ohne große Ergebnisse, ­abgesehen von Kopfschmerzen.

Ebenfalls hier daheim, hinter Türchen und in riesigen Ordnern: jede Menge Gestalten, die durch Horsts Kopf toben. Einschließlich eines schwindligen Beraters namens Karl-Theodor zu Guttenberg (Stefan Murr), der mittlerweile Consultant heißt, weil er ja in den USA einen Professor für irgendwas gemacht hat.

Ein Blick in Seehofers Hirn: Das Nockherberg-Singspiel in Bildern

Die untere Hälfte der Bühne ist tatsächlich das Unterstübchen. Nämlich: Seehofers sagenumwobener Keller mit der Modelleisenbahn. Hier kommen sie nach und nach alle an, die Damen und Herren Politiker. Und hier hören sie immer wieder den Wetterbericht aus einem alten Radio. Alles unter dem Motto: „A Wind kimmt vo rechts und er bringt wos daher. Die weiteren Aussichten: schaut schlecht aus!“

Nockherberg 2016: Der Sturm naht

Der Horst will sein Haus wetterfest machen gegen den Sturm – was aber blöd ist, wenn man ein kaputtes Dach hat und wenn die Handwerker Markus Söder (Stephan Zinner) und Joachim Herrmann (Michael Vogtmann) heißen. Und wenn die beiden sich weniger um die Reparatur kümmern als darum, wer wem die Leiter wegziehen kann … Währenddessen naht der Sturm – zum Schrecken von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ebenfalls in Seehofers Keller gekommen ist („Ich bin es gewohnt, sinnlos neben Dir rumzustehen …“). Merkel alias Antonia von Romatowski ist es auch, die den Höhepunkt des Abends setzt. Auf die Musik von Da da da (Trio) legt sie einen unglaublichen Rap hin mit den Kernbotschaften „Wir schaffen da-da-das“ und „Ihr liebt mich nicht, ich lieb euch schon“.

Hier gibt's den Nockherberg 2016 im Ticker zum Nachlesen 

Überhaupt: die Musik. Sie spielt eine Riesen-Rolle, sie trägt alles. Mit mehr bayerischen Einflüssen als früher, mit glockenreinem Dreigesang und Goaßlschnalzern, mit Gefühl, Zug und Kawumm. Übrigens auch mit einem feinen Solo von Söder auf die Melodie von Ring of Fire: „Rechts von mir, in dem Teich will ich fischen …“

OB Dieter Reiter sorgt für härteste Szene des Abends

Nach einiger Zeit kommt auch OB Dieter Reiter (Gerhard Wittmann) in den Keller. Er sorgt für die härteste Szene des Abends – als Gastgeschenk hat er das Modell eines Flüchtlingsheims dabei. Problem: Wo bringt man das in der Eisenbahnanlage im Untergeschoss unter? Herrmann: „Das geht nicht, weil man im Keller keine leicht entflammbaren Gegenstände lagern darf.“ Sofort sind sie gegenwärtig: die schlimmen Bilder der vergangenen Wochen und Monate, brennende Flüchtlingsheime in Deutschland. Dazu die Feststellung: „Das Volk hat Heimweh. Nach 1933.“ Ja: Es ist düster, dieses Singspiel. Aber es gibt auch Auflockerung – zum Beispiel, als sich Sigmar Gabriel (Thomas Wenke) durch die Katzenklappe ins Haus mogelt, um Asyl bittet und feststellt: „In Bayern ist die Obergrenze für Sozialdemokraten noch längst nicht erreicht.“

Diese Promis gaben sich am Nockherberg die Ehre

Mit von der Partie ist wieder Angela Ascher alias Ilse Aigner („Horsts geistiges Tafelsilber. Wertvoll, aber läuft schnell an“). Ursula von der Leyen (Nikola Norgauer) berichtet von ihrem Einsatz für Flüchtlinge: „Ich habe einem Syrer gezeigt, wie man einen angedeuteten Handkuss macht. Aber mit einer Armlänge Abstand.“ Am Ende sind sie alle, die Aigners, von der Leyens und Hofreiters, doch bloß Statisten in einem großen Spiel, das keine politische Lösung finden kann. So stehen die Politiker denn auch in der Schlussszene alle nebeneinander, und jeder redet vor sich hin. Ein Sprachbrei. Das gipfelt im Schlusslied, wieder auf den Rhythmus von Da, da, da: „Bla, bla, bla – ich wähl mich nicht, Du wählst mich nicht“. Ganz langsam mischen sich die Klänge der Ode an die Freude sowie der Rosenmüller-Klassiker Vorsicht vor Gemütlichkeit darunter. Und obwohl die Politiker ratlos bleiben, kann doch alles gut werden: Zwei weiße und eine schwarze Ballettänzerin zeigen, wie es gehen kann. Indem man sich an den Händen nimmt und den Tanz des Lebens gemeinsam angeht. Dann muss man auch keine Angst vor dem Gewitter haben. Am Ende steht der ganze Saal und applaudiert.

Uli Heichele

Uli Heichele

Uli Heichele

E-Mail:Uli.Heichele@tz.de

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