Die Rampensäue reißen’s raus

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Hier wurde der „Ude 2011“ verliehen: Das Singspiel auf dem Nockherberg.

Es war die Bewährungsprobe für Nockherberg-Regisseur Alfons Biedermann. Nach verkorkstem Singspiel-Debüt 2010 sollte gestern der Mix aus Modernem und Altbewährtem zünden. Fazit: Das Singspiel war – dank fulminanter Schauspieler – ein Gewinner. Längen hatte es trotzdem.

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Es läuft natürlich wieder auf das altbekannte Duell raus: Der anmaßende Adlige und der Politproll stehen sich feindselig gegenüber – diesmal aber im Frack, denn sie sind auf einer Preisverleihung. „Jetzt haste deinen Skandal!“, pöbelt Markus Söder den Freiherrn Karl-Theodor zu Guttenberg auf Fränkisch an. „Wir sind jetzt auf Auchenhöhe! Unser Duell fällt jetzt anners aus!“ Guttis überhebliche Replik: „Sie wollen sich intellektuell mit mir duellieren? Ich duelliere mich doch nicht mit einem Unbewaffneten!“

Bilder: Derblecken und Singspiel am Nockherberg

Die Bavaria derbleckt und Doubles parodieren die Polit-Prominenz

Es ist einer der größten Lacher bei diesem Singspiel. Beileibe nicht der einzige, das ist schon mal die gute Nachricht. Im vergangenen Jahr musste mancher Politiker im Saal ja das Gefühl haben, er lasse sich da von einem Unbewaffneten derblecken. Bis auf die großartigen Luise Kinseher und Helmut Schleich – die ihre Parts selbst geschrieben hatten –, war Alfons Biedermanns Singspiel einfallslos, inhaltsarm und statisch über die Bühne gegangen. Ein Fall fast zum Fremdschämen.

Und diesmal? Fremdschämen muss sich niemand mehr, ganz im Gegenteil – aber wackelig ist diese Singspiel-Konstruktion nach wie vor. Politische Spitzen sind weiterhin Mangelware, Harmloses hat die Überhand.

Prominenz beim Derblecken

Prominenz beim Derblecken

Biedermann, erfolgsverwöhnt durch sein Mitwirken an den Bulli-Herbig-Filmen („Der Schuh des Manitu“), hat immerhin Zugeständnisse an die Konventionen des Nockherbergs gemacht. Links auf der Bühne steht jetzt eine Band hinter Musikdirektor Martin Lingnaus Flügel – mit dabei ein Giterrisi mit Sepplhut und eine DJane im Dirndl. Ein Bühnenbild gibt’s immer noch nicht – in Violett- und Blautönen angestrahlte Bögen, eine große LED-Leinwand und ein als großes „U“ gestaltetes Rednerpult sollen zeigen: Heute wird hierder „Ude 2011“ verliehen.

Der erste Gag gibt aber zu schönsten Hoffnungen Anlass. Angela Merkel (Corinna Duhr in einem bemerkenswerten Abendkleid) klärt das Publikum auf: „Wir haben dieses Jahr an jedem Sitzplatz Mikrofone installiert, sodass wir feststellen können, wer an welchen Stellen gelacht hat – damit nicht wieder manche von Euch zwei Tage später sagen können, das sei nicht lustig gewesen!“ Ein schöner Gruß an all die Heuchler, die 2010 Michael Lerchenbergs Bußpredigt erst toll fanden, und sich hinterher darüber entrüsteten. Merkel: „Wenn Sie ein frisches Bier bestellen wollen, sprechen Sie einfach in die Radieschen auf Ihrem Tisch."

Doch genau jetzt sollten die Politiker kein Bier trinken, denn jetzt wird’s auch so verwirrend genug: Um was geht’s heute eigentlich? Aha, der „Ude 2011“ ist ein Preis für den Bürger, so viel wird gerade noch klar bei dem, was Ude-Double André Hartmann da rappt. Die Zuschauer werden zu einer Persiflage von Stefan Raabs „Wadde hadde dude da?“ gehetzt („Ude hat den Ude da!“), und schon hier wird klar, dass Biedermanns Musikauswahl auch heute nicht immer glücklich ist: Denn auch, wenn der Song „If I Were A Boy“ von Beyoncé ein Hit war, so ist er doch kein Evergreen – geschätzte 80 Prozent im Publikum dürften ihn entfernt kennen, wenn überhaupt. Es sitzt die falsche Zielgruppe im Saal. Und Neuling Bernhard Wunderlich als Gesundheitsminister Philipp Rösler kann sich als Mario-Barth-Verschnitt nicht profiliere, auch wenn sein Rap nicht von schlechten Eltern ist. Hartmann wiederum muss sich weiter an Ude-Plattitüden und manchem Drehbuch-Rohrkrepierer abrackern.

Auch wenn die Prominenz freundlich klatscht, so wäre das Ganze also doch eine recht fade Nummernrevue.

Wäre. Aber Alfons Biedermann kann sich auf seine Darsteller verlassen: Michael Krebs als glucksender Horst Seehofer ist eine Bank. Und eine wirklich starke Neuentdeckung Angela Ascher als Christine Haderthauer: Mal im knappen Hosenanzug, mal im Abendkleid lässt sie keine Gelegenheit aus, schrill und mit aufgeklebtem Gebiss auf ihre Vorzüge – Hüften und Brüste – zu pochen. Hinterher, auf der Bühne, freut sich die Echte über ihren ersten Nockherbergauftritt – und raunt dem Double zu: „Manchmal war’s aber ein bisschen anstrengend.“ Und Ascher antwortet: „Genau das wolte ich sein!“

Als echte Rampensäue kennt man Stefan Murr (Guttenberg) und Stephan Zinner (Söder) – und sie reißen’s auch heute raus. Ersterer geht nach seinem Skandal als ergrauter Adliger am Stock und entschuldigt sich mit einem von Biedermann grandios zusammengebastelten Plagiats-Song („ich habe ihn selbst geschrieben“), der sich als Fleckerlteppich aus Chicago, Toten Hosen, AC/DC, Freddie Mercury, Metallica und Guns & Roses herausstellt. Die Politiker klopfen sich auf die Schenkel.

Der Gewinner des Abends ist aber nicht Guido Westerwelle – wie im schwächelnden Finale behauptet wird –, sondern Zinner als Söder: Wie er sich aufspielt, pubertär ins Zeug legt, ganz operettenhaft „O Söder mio!“ singt, danach Ude im Vorbeigehen zuzischt „Dei Olymbia is a Scheißdreck dagegen!“ und am Ende seinen Widersacher Gutti nach dem Duell ins Exil treibt – das ist große Komödie. Der echte Söder staunt hinterher: „Ich wusst gar ned, dass ich so gut singen kann.“

Beim treffenden Abschieds-Duett des Ehepaars Guttenberg (toll bei Stimme: Stéphanie Berger) zeigt Alfons Biedermann letztendlich doch, dass er kein Unbewaffneter ist: Mit dem seifigen Duett „We Are The World“, fallenden Herzen auf der LED-Leinwand und einer singenden Kinderschar lässt er die Medien-Adligen abtreten.

Dass es bei der Verleihung des Bürgerpreises „Ude 2011“ eigentlich gar nicht um die Bürger gegangen ist, hat man da schon fast vergessen. Der „Wutbürger“ und die Migrantin „Deutsche Aische“ – solide bis unterhaltsam dargestellt von Thomas Müller und Murat Topal – bleiben Randfiguren. Aber das spiegelt ja nur die wahren Verhältnisse wider und ist – wer weiß? – womöglich der gelungenste Schachzug des Singspiel-Regisseurs Alfons Biedermann.

Johannes Löhr

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