Dreijähriger dreimal weitergeschickt

Unfassbar! Achtstündige Odyssee für Bub mit Fieberkrampf

+
Haben bange Stunden durchlitten: Familie Rappenglitz mit Mutter Cornelia, Vater Florian und Sohn Moritz.

München - Moritz bekommt hohes Fieber. Die Notärzte schicken den Dreijährigen in die Klinik. Doch damit beginnt für den Bub und seine Familie eine unglaubliche Odyssee.

Um 13.38 Uhr krampft der kleine Körper von Moritz (3), er hat Schaum vor dem Mund, zittert und verdreht die Augen. Seine Eltern rufen sofort einen Rettungswagen. Um 22 Uhr liegt Moritz mit seiner Mama Conny (40) endlich in einem Krankenbett in Harlaching. Der Weg bis dorthin war eine quälende Odyssee für den kranken Buben.

Moritz ist dreieinhalb Jahre alt. Wegen einer Entwicklungsverzögerung spricht der Bub noch nicht und ist wacklig auf den Beinen unterwegs. Am Dienstag, 16. Februar, hat er einen Fieberkrampf, der einem epileptischen Anfall ähnelt. "Wir haben die 112 gerufen und acht Minuten später waren drei Notärzte da, die sich ruhig und routiniert um unseren Sohn gekümmert haben", beschreibt Florian Rappenglitz. Nach der Erstversorgung soll Moritz zur Beobachtung in ein Krankenhaus. Über die Integrierte Leistelle (ILS) der Feuerwehr fragt der Rettungsdienst eine freie Klinik an. Mit Tatütata geht's nach Schwabing. Doch dort wird die Annahme verweigert. Begründung: Kein Bett frei.

Moritz Rappenglitz.

Auf tz-Anfrage erklärt das Klinikum Schwabing, dass es bisweilen zu folgender unglücklicher Situation kommt: Die Notärzte ordnen auf Grund des Krankheitsbildes den Patienten in eine sogenannte Sichtungskategorie ein. Bei ILS ist hinterlegt, in welcher Klinik für die Sichtungskategorie Betten frei sind. Im Krankenhaus kann sich herausstellen, dass der Patient in eine andere Sichtungskategorie fällt. "In Einzelfällen fehlt es schlicht an Kapazität. Sei es Personal, ein Bett, ein MRT oder ein freier Schockraum", sagt Kliniksprecher Marten Scheibel. Sein Tipp an die Münchner: "In vielen Fällen - etwa Bauchschmerzen am Sonntag oder Nasenbluten – können die Patienten auch in eine Notfallpraxis gehen."

Fieberkrampf auf dem Heimweg 

Für Moritz ist das keine Option: Deshalb geht's mit dem Rettungswagen weiter in die Haunersche Klinik. Aber auch dort wird die Annahme verweigert. Weil aber der Notarzt darauf besteht, wird der Bub in die Notaufnahme gebracht und nach langem Warten untersucht. "Nach ewigem Hin und Her meinte die Oberärztin, dass unser Sohn stabil sei und die Klinik verlassen könne. Wir waren überfordert und stimmten der Entlassung zu", sagt Rappenglitz. Ein großer Fehler. Noch auf der Heimfahrt erleidet der Bub einen weiteren Fieberkrampf - wieder kommt der Rettungswagen.

"Der Notarzt telefonierte mehrere Minuten, bis wir die Aussage bekamen, im Dritten Orden sei ein Bett frei", sagt Rappenglitz. Beim Dritten Orden heißt es allerdings: "Grünes Licht für ein freies Bett hat es seitens unserer Notfallambulanz im Vorfeld nicht gegeben. Denn bereits am Nachmittag hatte sich die Intensivstation unserer Kinderklinik bei der Rettungsleitstelle abmelden müssen. In den frühen Abendstunden musste daneben die gesamte Kinderklinik für die stationäre Versorgung von Kindern abgemeldet werden. Zu diesem Zeitpunkt waren alle verfügbaren Betten belegt. Dies kann in dieser Jahreszeit aufgrund von Infekten vorkommen."

Nach acht Stunden im Krankenbett

Der Familie wird jedoch versichert, dass im Klinikum Harlaching ein Bett reserviert sei. So ist es auch. Endlich, nach über acht Stunden, liegt der Bub in einem Krankenbett und kann sich in Ruhe gesund schlafen.

Mittlerweile ist Moritz wieder zu Hause. Es geht ihm gut. Nur wenn er Tatütata hört, dann hält sich der kleine Bub die Ohren zu.

Jasmin Menrad

tz-Stichwort: Fieberkrampf

Bei hohem oder rasch ansteigendem Fieber neigen zwei bis fünf Prozent aller Kleinkinder bis fünf Jahren zu Fieberkrämpfen. Der Fieberkrampf ähnelt einem epileptischen Anfall: Der ganze Körper zuckt unkontrolliert, das Kind wird bewusstlos. Der Krampf ist meist nach wenigen Minuten vorbei. Es bleiben keine Schäden.

Ärztin: "Die Situation ist beängstigend"

Die Not mit der Notaufnahme: Erst am Montag berichtete die tz groß über einen Brandbrief, den 23 Hausärzte an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) geschickt hatten. Die Mediziner befürchten, dass nach der geplanten Verkleinerung des Schwabinger Krankenhauses die Notversorgung vieler Münchner völlig zusammenbricht. "Die Lage ist ja schon jetzt beängstigend", so der Tenor.

Dr. Christa Scholtissek.

Geplant ist, die derzeit 283 Betten auf künftig 95 zu reduzieren."Zu gewissen Jahreszeiten - wie beispielsweise im Winter - wird mir aber schon jetzt oft im Schwabinger Krankenhaus gesagt, dass es keinen Platz in der Notaufnahme für meine Patienten gibt", erklärt Allgemeinärztin Dr. Christa Scholtissek. Dann suche die Integrierte Leitstelle oft verzweifelt nach einer Möglichkeit, die Kranken unterzubringen. Das dauere. "Häufig muss mein Patient dann letztendlich bis zum Dritten Orden gefahren werden." Gerade für ältere Menschen sei diese Warterei und Fahrerei eine zusätzliche Qual. Ein Fall wie der des kleinen Moritz oben, verwundere sie nicht. Die meisten der praktizierenden Ärzte in der Stadt kennen diese langwierige Suche nach einem Platz.

Dass die Notaufnahme in Schwabing zusammengekürzt wird, passt daher so gar nicht ins Bild. Der OB hat auf den Brandbrief der Mediziner noch nicht geantwortet, wolle dies aber tun, wie er der tz mitteilte. Und er fügte an: "Die Notfallversorgung für die Münchnerinnen und Münchner ist sichergestellt." Mag sein - aber man muss halt jede Menge Zeit mitbringen. Zu viel Zeit…

age

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Kommentare