Gerichtsprozess in München

Kommentar zu Abtreibung wegen Down-Syndrom: Uns steht kein Urteil zu

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Unsere Autorin Bettina Pohl.

München - Die kleine Jasmina gilt als "Schadensfall", weil sie Down-Syndrom hat - das wussten ihre Eltern während der Schwangerschaft nicht. Sonst hätten sie sie abtreiben lassen. Steht es uns zu, über das Paar zu urteilen? Ein Kommentar.

„Ich habe mich auf die Ärzte verlassen. Zu 100 Prozent!“, hallen Xenia E.s Worte am Donnerstag im Münchner Oberlandesgericht nach. Sie und ihr Mann klagten gegen den ehemaligen Frauenarzt der heute 33-Jährigen - weil das gemeinsame Kind Jasmina mit Down-Syndrom und einem Herzfehler zur Welt kam. Das kleine Mädchen scheint von dem Gerichtsstreit nicht viel mitzubekommen. Es tollt auf dem Gang herum und wirkt vergnügt.

Die meisten Facebook-User waren sich am Donnerstag fast einig: Die Handlung von Jasminas Eltern können sie nicht verstehen.

Jasmina kann man nur wünschen, dass sie niemals erfahren wird, dass sie in diesen Momenten als "Schadensfall" angesehen wird. Dass sie niemals erfahren wird, wie abfällig Fremde über ihre Eltern schreiben: "Schadensersatz - ich würd mich in Grund und Boden schämen!" Und wie ihre Familie vor Gericht argumentiert: Sie hätte Jasmina abtreiben lassen, hätte sie eher von der Trisomie 21 erfahren.

Wie erfahre ich, ob mein Ungeborenes mit Down-Syndrom zur Welt kommen wird?

Das frühzeitige Erkennen der häufigsten Chromosomenanomalie bei Neugeborenen ist durch einen Bluttest möglich, dem sich die werdende Mutter während der Schwangerschaft unterziehen kann. Dieser stellt jedoch keine 100-prozentige Diagnostik dar. Auch im Ultraschall ist bereits ab dem Ende des ersten Schwangerschafts-Trimesters (um die 13./14. Schwangerschaftswoche) eine Tendenz erkennbar. Dann kann der behandelnde Arzt eine Fruchtwasser-Untersuchung empfehlen. Diese wird seit den 70er-Jahren durchgeführt. Hauptsächlich Frauen ab 35 wird zu dieser Prüfung geraten. Bei Jasminas Mutter blieb der Gen-Defekt jedoch unentdeckt.

So oft wird in Deutschland abgetrieben

Xenia E. und ihre Tochter Jasmina am Donnerstag vor dem Münchner Oberlandesgericht.

Wäre er aufgefallen, hätte sie vermutlich zu den 80 bis 90 Prozent der Schwangeren gehört, die sich dann für einen Abbruch entscheiden. Wer sich zu dieser humangenetischen Untersuchung entschließt, muss anschließend auch bereit dazu sein, die eventuellen Konsequenzen zu tragen. 

Mit eben diesen körperlichen und auch emotionalen Nachwirkungen eines Schwangerschafts-Abbruchs müssen in Deutschland viele tausend Frauen leben. Im Jahr 2014 lagen die Abbruchs-Zahlen erstmals unter 100.000, bestätigt der Berufsverband der Frauenärzte. Durch eine Geburtenrate von jährlich rund 700.000 kommt Deutschland auf eine Quote von 1:7 - somit ist die Bundesrepublik weltweit das Land mit der geringsten Anzahl an Abbrüchen. Eine relativ hohe Rate weist hingegen Großbritannien auf. Nicht, weil Britinnen häufiger abtreiben würden, sondern weil irische Frauen ebenfalls auf das Königreich ausweichen. In Irland herrscht eins der restriktivsten Abtreibungsgesetze der Welt: Auf den illegalen Schwangerschaftsabbruch drohen bis zu 14 Jahre Haft.

Ob der Schwangerschaft ein vorzeitiges Ende gesetzt werden soll, bestimmt die potenzielle Mutter selbst. Bei der Entscheidungsfindung soll ihr ein Beratungsgespräch helfen- ohne dieses dürfte kein Abbruch durchgeführt werden. 

Entscheidung pro oder contra Leben?

Der Wunsch, das Kind nicht zu bekommen, kann neben einer möglichen Behinderung des Embryos viele Gründe haben: wenig bis gar kein familiärer Rückhalt, eine nicht-intakte Partnerschaft, keine finanziellen Möglichkeiten, Lebensumstände, die ein Kind nicht zulassen, und die Angst, als Mutter zu versagen. Diese Sorge muss nicht unbedingt negativ sein. Eine unsichere Mutter ist in manchen Situationen vielleicht sogar wachsamer. Eine gute Mutter ist frau nicht automatisch. Sie wächst Schritt für Schritt in diese großen Schuhe - ob mit oder ohne Partner, ob Einzimmer- oder Dreizimmerwohnung, ob viele oder wenige Ersparnisse.

Was sich viele Menschen nicht bewusst machen: Ein Kind mit Trisomie 21 kann sogar einen Schulabschluss machen und sich in die moderne Gesellschaft integrieren lassen. Immer vorausgesetzt, dass sich die Eltern dafür einsetzen und ihrem Kind in jeder Lebenslage unter die Arme greifen.

Und genau darum sollte es gehen: Dass Eltern ihrem Kind all die Liebe schenken, die es braucht. Das ist die Basis, die nicht verhandelbar ist. Eine schwangere Frau muss sich die Fragen stellen: Bin ich bereit dazu, mein bisheriges Leben gegen Windeln und Baby-Brei einzutauschen? Möchte ich ein Kind großziehen, egal ob es gesund oder krank zur Welt kommt? 

Das ist eine persönliche Entscheidung. Eine Entscheidung, mit der die Schwangere für immer leben muss. So wie Jasminas Mutter für immer damit leben muss, dass sie keine Wahl hatte.

Keinem von uns, der nur den Blick eines Außenstehenden hat, steht eine Bewertung oder gar ein Urteil zu, wenn es um die Frage geht: Darf das Baby leben oder nicht?

Bettina Pohl

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