Hilfe nach dem Unfassbaren

Opfer des Amoklaufs: Benet A. überlebte schwer verletzt

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München - Die Stadt stellt für die Opfer des Amoklaufs im OEZ einen Hilfsfonds mit einer halben Million Euro zur Verfügung. Eines dieser Opfer ist Benet A. (13), der schwer verletzt überlebte.

Tagelang ist Benet A. in der Haunerschen Kinderklinik im künstlichen Koma gelegen. Tagelang bangte Benets Familie um das Leben des Kindes. Tag und Nacht saßen sie am Krankenbett. Der Amokschütze Ali David S. hatte dem 13-Jährigen den Oberkiefer weggeschossen. Eine weitere Kugel hatte Benets Lunge durchschlagen. Er war am 22. Juli zusammen mit drei Freunden im McDonald’s am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ), als der 18-jährige Amokläufer mit seiner Glock zu schießen begann. Der Deutsch-Iraner hatte direkt auf den Kopf des 13-Jährigen gezielt.

Nach vier Tagen holten die Ärzte Benet aus dem künstlichen Koma. Seine Eltern und die Mediziner mussten ihm erklären, dass seine drei Freunde bei dem Amoklauf ums Leben gekommen waren. „Die ganze Familie steht immer noch unter Schock“, sagt Birgit Lauterbach. Sie ist die Chefin der Saniplus-Apotheke im OEZ. Benets Vater, Fati A., arbeitet als Fahrer für die Apotheke. Benet hat zwei jüngere Brüder im Alter von drei und neun Jahren. Die Apothekerin Birgit Lauterbach und ihr Mann Arndt riefen für die Familie aus dem Kosovo eine Spendenaktion ins Leben.

Was nun alles auf Fati und seine Frau Gonxhe zukommen wird, sei derzeit noch schwer abzuschätzen, sagt Birgit Lauterbach. „Wir wollen dazu beitragen, dass die Familie sich zumindest finanziell keine Sorgen machen muss“, erklärt sie.

Stadt will Benet A. und anderen Amoklauf-Opfern und deren Familien mit einem Fonds helfen

Neun Menschen verloren bei der Bluttat ihr Leben, sieben von ihnen entstammen kosovo-albanischen, türkischen oder griechischen Familien. Benet A. ist einer von 35 Menschen, die beim Amoklauf oder in dessen Folge verletzt wurden. Vier erlitten Schussverletzungen. Die Stadt will den Angehörigen der Toten und den Verletzten zumindest finanzielle Sorgen nehmen und hat einen Fonds eingerichtet. Am Mittwoch beschloss der Feriensenat des Stadtrats einstimmig, diesen mit 500 000 Euro auszustatten und bei Bedarf noch Geld nachzuschießen. Die Mittel sollen unter anderem für Therapien verwendet werden, für die die Krankenkasse nicht aufkommt.

Überwältigende Anteilnahme: Dieses Mädchen und unzählige Münchner legten vor dem OEZ Blumen nieder.

Zusätzlich soll ein Sonderstab mit Vertretern aller relevanten Referate eingerichtet werden. Der Stab wird dauerhaft als Ansprechpartner für Betroffene des Amoklaufs fungieren und soll von sich aus auf diese zugehen – dies wenn nötig über Jahre. „Wir können die schreckliche Tat leider nicht ungeschehen machen“, sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). „Deshalb muss es unser Ziel sein, direkt und indirekt von dem Amoklauf betroffenen Menschen schnelle und umfassende Hilfe zukommen zu lassen. Ich danke all denen, die schon Unterstützung geleistet haben – und natürlich auch jenen, die dies in den kommenden Wochen und Monaten noch tun werden.“

Bereits am Wochenende nach dem Amoklauf wurden Opfer auf dem Nordfriedhof und Ostfriedhof beigesetzt. Das Kriseninterventionsteam begleitete die Angehörigen bei ihrem schweren Gang. Drei der jugendlichen Todesopfer sind inzwischen in München bestattet. Die sechs weiteren Opfer wurden in ihre Heimatländer überführt. Die Stadt übernahm sämtliche Bestattungskosten und Grabgebühren der drei in München bestatteten Opfer. Die von vier Familien gewünschte Überführung der Verstorbenen und deren Beisetzung im Heimatland organisierte und bezahlte das BRK aus Eigenmitteln und Spenden. Für zwei weitere Familien übernahm der türkische Staat die Kosten für die Überführung in die Heimat.

Psychische Belastung: Allein am OEZ waren mehr als 1.000 Menschen Zeugen der Gewalttat

Traumatisierendes Ereignis: Die Polizei brachte Besucher des Olympia-Einkaufszentrums in Sicherheit.

Die Stadt rechnet damit, dass viele Bürger in Folge des Amoklaufs eine posttraumatische Belastungsstörung oder andere behandlungsbedürftige Symptome entwickeln. Allein am OEZ waren mehr als 1000 Menschen Zeugen der Gewalttat. Sie hörten Schüsse oder betreuten Verletzte und Sterbende. Darüber hinaus bestand über mehrere Stunden die Unsicherheit, ob es sich nicht um einen Anschlag mit mehreren Tätern und an verschiedenen Orten in München handelte. Dadurch entstanden „panikartige Szenen auch in der Innenstadt“, bei denen ebenfalls Menschen verletzt wurden, schreiben das Gesundheits- und Sozialreferat. Die Atmosphäre der Lebensbedrohung, die vielen Polizisten und Einsatzkommandos, die Stilllegung des öffentlichen Nahverkehrs und andere Vorkommnisse an diesem Abend hätten viele Menschen belastet.

Die Stadt geht deshalb „mit Sicherheit davon aus“, dass noch viele Menschen aufgrund des Amoklaufs psychische Störungen oder andere schwerwiegende Einschränkungen der Alltagsfähigkeit entwickeln werden. Auch diesen nicht unmittelbar betroffenen Personen sollen die Behandlungsangebote und psychosoziale Unterstützung offen stehen. Um diesem großen und bisher nur in Teilen bekannten Personenkreis leicht zugängliche Beratung anzubieten, wird eine Hotline eingerichtet. „Niemand, der Hilfe benötigt, wird allein gelassen“, verspricht Stephanie Jacobs, Referentin für Gesundheit und Umwelt.

Benets Familie ist beeindruckt von der überwältigenden Hilfsbereitschaft. Ein Sammler versteigerte OriginalTrikots von Bundesligaspielern und spendete über 1000 Euro, die Familie wurde in den Urlaub eingeladen, der Sanitäter, der Benet ins Krankenhaus gebracht hatte, organisierte eine eigene Spendenaktion. Benet wurde vergangene Woche noch einmal operiert. Der Lungenschuss verheilt offenbar ganz gut, der Oberkiefer muss abheilen, das linke Auge wird noch untersucht. Apotheker Arndt Lauterbach sagt: „Die Familie muss jetzt erst mal wieder zur Ruhe kommen und versuchen, in die Normalität zurückzukehren.“

Hilfe für Benet

Treuhandkonto Rechtsanwalt Marian Schindler

IBAN: DE 96 700 100 800 786 398 804 BIC: PBNKDEFF Stichwort: Benet/Beihilfe

Anlaufstellen und Spendenkonten

Die Landeshauptstadt München hat für Menschen, die direkt oder indirekt durch den Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum betroffen sind, eine Servicestelle eingerichtet. Diese vermittelt telefonisch unter der Nummer 089/233-8 69 00 und per E-Mail an Hilfe-OEZ@muenchen.de schnell und unbürokratisch denjenigen Menschen Hilfe, die durch das Erlebte psychische oder physische Verletzungen erlitten haben. Die Servicestelle ist Montag bis Mittwoch von 9 bis 16 Uhr, Donnerstag von 9 bis 17 Uhr und Freitag von 9 bis 13 Uhr erreichbar. Die Stadt München hat für die Opfer des Amoklaufs zudem ein Spendenkonto eingerichtet: Stadtsparkasse München, IBAN DE82701500000000424911, Verwendungszweck „Hilfe OEZ 22.07.16“. 

In der Zeit seit dem Amoklauf haben sehr viele Institutionen, Vereine, religiöse Organisationen, Institutionen und Privatpersonen Unterstützung in unterschiedlicher Form sowie Spenden für die vom Amoklauf betroffenen Menschen angeboten und auch schon geleistet. Die Koordinierung hat die Stadt übernommen. 

Unter anderem hat auch das Rote Kreuz Spenden aus München und dem gesamten Bundesgebiet bekommen. Mehr als 90 000 Euro wurden dem BRK für die Opfer des Amoklaufs gespendet. Diese Spendenaktion ist bereits abgeschlossen. Auch die Opferhilfeorganisation „Weißer Ring“ steht Opfern und deren Angehörigen zur Seite. Der Verband hilft unter anderem bei finanziellen Fragen, der psychologischen Betreuung, der Beantragung von Hilfe nach dem Opferentschädigungsgesetz sowie eines Rechtsbeistands. In München ist der „Weiße Ring“ unter der Telefonnummer 01 51 / 55 16 46 87 zu erreichen. Das bundesweite Opfertelefon hat die Nummer 11 60 06. Weitere Informationen im Internet unter www.weisser-ring.de.

Ulrich Lobinger

Ulrich Lobinger

E-Mail:ulrich.lobinger@merkur.de

Stefanie Wegele

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