Sie sagte vor Gericht aus

Opfer des Westend-Entführers: So leidet Andrea P. bis heute

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Mario S. wurde 16 Tage nach der Entführung in Thailand gefasst. Seit Anfang Juli wartet er in der JVA Stadelheim auf seinen Prozess.

München - Es müssen schreckliche Stunden für Andrea P. gewesen sein, als Mario S. sie entführte. Am Montag sagte sie nun vor Gericht aus, wie qualvoll die Zeit für sie und ihre Familie war.

Er klingelte mit vorgehaltener Waffe. Entführte eine Bankiers-Gattin aus ihrer Ottobrunner Wohnung. Und drohte, sie als Sex-Sklavin zu verkaufen – wenn ihr Mann nicht Lösegeld in Höhe von 2,5 Millionen Euro bezahlt. Am Montag gestand Westend-Entführer Mario S. (53) seine Taten vor dem Landgericht. Aber der Prozess offenbarte auch die Qualen des Opfers.

„Mir zitterten die Knie, als der Mann mir die Waffe an den Kopf hielt“, schildert Andrea P. (46, Name geändert). Sie hatte Mario S. am 10. Juni 2015 gegen 7.30 Uhr in die Wohnung gelassen. „Ich dachte, es ist die Putzfrau meiner Eltern“, begründet sie. Schnell musste sie aber begreifen, dass sie entführt wird. „Er sagte: ‚Rein in die Wohnung und auf den Boden legen‘. Die Pistole war nur einen halben Meter von mir entfernt. Ich dachte, sie ist echt“, sagt Andrea P. „Ich war wie im falschen Film. Denn in Ottobrunn gibt es Villen und viel reichere Leute als uns.“

Ihr Sohn musste sich an die Heizung fesseln

Zuhause musste sie mit ansehen, wie ihr Sohn sich selbst an die Heizung fesselte – so befahl es der Entführer. „Er drohte ihn mitzunehmen, wenn ich nicht still bin“, sagt Andrea P. Am Ellenbogen habe Mario S. sie aus dem Haus ins Auto geführt. „Auf der Fahrt war ich panisch und habe gebetet. An diesem Tag hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen“, sagt sie. „Denn ich wusste auch nicht, was er mit mir vorhat oder ob es noch Komplizen gibt.“

Ihre Flucht kommt unerwartet auf dem Parkplatz in der Westendstraße. „Meine Augen waren verhüllt, aber ich hörte neben mir eine Frau aus dem Auto aussteigen. ‚Jetzt oder nie‘, dachte ich und riss mich los.“ Andrea P. fällt zu Boden, reißt dem Entführer aber auch die Waffe aus der Hand. „Die Pistole fiel herunter und brach in zwei Teile. Vor mir lag das Magazin, ich nahm es in die Hand.“ Danach flüchtete Mario S.

Ehemann des Opfers nimmt keine Entschuldigung an

Von der Tat erfuhr Ehemann Roland P. (47, Name geändert), als sechs Kripo-Beamte ihn von der Arbeit abholten. „Ich dachte erst an eine Verwechslung“, sagte er aus. „Das Geld hätte ich so schnell auch niemals auftreiben können. Heute sehe ich es als kaltblütige und vorgeplante Tat.“ Eine Entschuldigung des Entführers wollte er, anders als seine Frau, nicht annehmen. Beide leiden bis heute.

„Ich habe zehn Kilo abgenommen. Meine Frau macht eine Traumatherapie. Unser Sohn spricht bis heute nicht über den Tag der Tat“, sagt Roland P. Monatelang sei das Leben der Familie von Unsicherheit und Angst begleitet gewesen. „Noch heute wache ich nachts manchmal panisch auf“, sagt Andrea P. „Aber langsam geht es uns besser. Wir schauen nach vorne.“

Das Geständnis

"Ich möchte mich bei Frau und Herrn P. (Namen geändert) und ihren Kindern für mein absolutes Fehlverhalten entschuldigen. Ich bereue zutiefst, was ich ihnen angetan habe“, ließ Mario S. über seinen Verteidiger Adam Ahmed erklären. Und sagte auch: „Mein Gewissen wird mich mein Leben lang deswegen plagen. Die Tat habe ich nie geleugnet.“ Mario S. vergräbt das Gesicht in den Händen. Sein Motiv für die Entführung: Geldsorgen und gesundheitliche Probleme. Rund 250 000 Euro besaß S. zwar aus einer Abfindung im letzten Job. In Thailand, wo er seit November 2012 lebte, hatte er das Geld aber ausgegeben. „Ende 2014 waren nur noch 2000 Euro übrig. Ich konnte mir das Visum kaum noch leisten.“ Dazu kam eine Augenerkrankung, für die S. eine OP benötigte. „Ich hatte Angst um meine Existenz. Deshalb kam ich auf die dumme Idee mit der Entführung.“ Erst kurz vor dem Flug nach München am 10. Mai 2015 habe er den Plan dafür geschmiedet und vor Ort dann das Haus der Banker ausgespäht sowie eine Softair-Pistole für 40 Euro gekauft. Im Internet sei er auf Roland P. gestoßen, einen Generalbevollmächtigten der Stadtsparkasse. „Ich wollte jemanden finden, der an viel Geld kommt“, sagt S. „Einen einfachen Sachbearbeiter hätte ich nicht gewählt.“ Am Tag der Tat sei er „sehr nervös gewesen“, sagt Mario S. Noch während der Entführung habe er umgedacht. „Ich wollte das nicht durchziehen“, behauptet er – und sein Opfer angeblich noch unterwegs freilassen. „Auf der Autobahn und am Mittleren Ring schien mir das aber zu gefährlich.“ Schließlich hielt er im Westend, unweit seiner angemieteten Entführer-Wohnung. Dort konnte sich Andrea P. aber selbst befreien. Für die Tat drohen Mario S. bis zu 15 Jahre Haft.

Andreas Thieme

Andreas Thieme

E-Mail:Andreas.Thieme@tz.de

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