In der tz sprechen zwei mutige Opfer

Ost-Mafia aufgeflogen: Sie trickste die Betrüger aus

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Hedi R.

München - Die Fälle haben in den vergangenen vier Jahren so sehr zugenommen, dass das zuständige Kommissariat 65 für Trickbetrug schlichtweg überfordert ist. Jetzt ist der Polizei ein Schlag gegen die osteuropäische Trickbetrüger-Mafia gelungen.

Die Fälle haben in den vergangenen vier Jahren so sehr zugenommen, dass das zuständige Kommissariat 65 für Trickbetrug schlichtweg überfordert ist. Die Polizei hat deshalb eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet – vierzehn Mann stark und den dreisten Tätern immer auf der Spur. Im Bereich der Münchner Polizei gab es 2015 über 800 solcher Betrugsfälle. Zu dieser erschreckenden Zahl gesellt sich ein immenser Schaden von 600 000 Euro. Geld, das die im Ausland agierenden Betrüger von den Schwächeren in der Gesellschaft ergaunern. Opfer sind zum Großteil hilflose Senioren.

Jetzt ist der Polizei ein Schlag gegen eine osteuropäische Trickbetrüger-Mafia gelungen. Die tz erklärt ihre Maschen und gibt Einblicke in das System der kriminellen Organisationen. Lesen Sie zudem im Report auf dieser Seite, wie mutig Opfer in solchen Fällen reagiert haben. 

 Trickbetrüger! So gehen die Täter vor

Sie geben sich als Verwandte, Enkel oder alte Bekannte aus, melden sich meist per Telefon und agieren aus dem Ausland. Die perfiden Maschen der Trickbetrüger stellen die Polizei ­bundesweit vor neue Herausforderungen. Das Präsidium in München hat deshalb ein Abkommen mit den polnischen Behörden geschlossen. Seither stehen die Beamten im engen Informationsaustausch mit ihren Kollegen von Staatsanwaltschaft und Polizei in Polen. Warum? In unserem Nachbarland sitzen viele Drahtzieher dieses kriminellen Netzwerkes. Die tz erklärt das System:

Als „drei operative Schaltstellen“ im Netzwerk der Betrüger haben sich die Städte Breslau, Posen und Danzig erwiesen, erklärt Clemens Merkl, Leiter des Kriminalfachdezernates, das sich mit organisierter Kriminalität beschäftigt. 15 Personen wurden in Polen bisher festgenommen, vier davon sitzen dauerhaft im Gefängnis. Mehr als 100 SIM-Karten, 50 Handys, neun Tablet-PCs und mehrere hochwertige Uhren samt Bargeld in verschiedenen Währungen haben die Ermittler bei den Durchsuchungen sichergestellt.

Die Auswertungen der Handy- und Festnetzdaten vor Ort ergaben: Fast im Minutentakt werden alte Menschen in Deutschland von den Tätern angerufen. Alleine in Breslau konnten mehr als 700 solcher Anrufe ausgewertet werden. Dieser Gruppe können mehr als 700 versuchte Straftaten und zehn vollendete Enkeltrickdelikte zugeordnet werden. In der Regel kennen sich die Täter. „Häufig haben wir es mit Familienclans zu tun“, sagt Polizeipräsident Hubertus Andrä. An den Trickbetrüger-Telefonen sitzen in der Regel deutsche Muttersprachler unterschiedlichster Staatsangehörigkeiten. Sie sind professionell geschult und rhetorisch fit. Ihre „Arbeitsplätze“ sind edle Büros und noble Apartments in Polens Metropolen.

Doch es ist Besserung in Sicht! Auch weil es in diesem Jahr noch zu keinem vollendeten Enkeltrickbetrug gekommen ist, lobt Andrä das Abkommen mit den polnischen Behörden. Mit der erfolgreichen Arbeit der Ermittlungsgruppe Enkeltrick wurde dem Polizeipräsidenten „ein Herzenswunsch“ erfüllt.

Sie tricksten die Betrüger aus

Hedi R. (75)

Hedi R. (75) geht zwar am Rollator, aber im Kopf ist sie fit. Als kürzlich an einem Mittwoch ein „Herr Gemse“ von der Firma Schneider & Partner anrief und ihr verkündete, auf einem Sperrkonto würden über 100 000 Euro für sie bereit liegen, war sie zwar skeptisch, tat aber so, als würde sie sich sehr freuen.

„Der Mann hat einwandfrei Deutsch gesprochen. Das war ein Profi“, sagt Hedi R. Ein Dr. Friedrich, der sie unter einer türkischen Nummer anrief, erklärte ihr, sie müsse 1470 Euro überweisen. Angeblich ein normaler Vorgang. Hierbei soll es sich um Anwaltskosten handeln, die rund ein Prozent betragen. „Ich habe dem Mann gesagt, das passe ganz wunderbar, denn ich habe am Nachmittag einen Termin bei der Bank“, sagt Hedi R. Nachdem die Rentnerin von ihrer Bank gesprochen hatte, meldete sich Dr. Friedrich nicht mehr, um ihr die Kontoverbindung mitzuteilen …

„Das waren ganz sicher Betrüger“, sagt R. Deshalb wollte sie der Polizei den Vorfall melden. Die Telefonnummer hat Hedi R. auch und hofft, dass die Polizei so womöglich den Betrügern auf die Spur kommt. Also wählte sie die 089 / 29 100, die zentrale Vermittlung der Münchner Polizei. „Solche Betrügereien passieren täglich“, sagt die Dame in der Polizei-Vermittlung zu Hedi R.

Nächster Versuch: Bei der Polizeiinspektion in Pasing erklärt ihr ein Beamter, dass sie vorbeikommen müsse, um eine Anzeige aufzugeben. Doch für die gehbehinderte Seniorin wäre das eine unüberwindbare Hürde. In solchen Fällen entsenden die Inspektionen Polizisten, die sich vor Ort um die Anliegen der Bürger kümmern.

Hedi R. erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Jetzt wird sich zeigen, ob die Polizei die Betrüger mit Hedi Rs. Hilfe finden kann. 

Haya L. (71)

Der Anrufer dachte, er hätte es mit einem leichtgläubigen Opfer zu tun. Weit gefehlt! Haya L. (71) hat die Trickbetrüger an der Nase herumgeführt. Ihr Instinkt half ihr dabei – und ein bisserl die Erfahrung. Denn schon vor zwei Jahren bekam sie einen ähnlichen Anruf. Zusammen mit der Polizei täuschte sie sogar eine Geldübergabe vor. Die blutjunge Abholerin wird noch vor dem Haus der Rentnerin in Gräfelfing verhaftet. Was für ein Erfolg!

„Hallo, Tante! Kennst du mich eigentlich noch?“, meldet sich eine junge Stimme an jenem 18. August 2015. Haya L. roch den Braten sofort. Doch anstatt aufzulegen, spielte die pfiffige Seniorin das nichtsahnende Mütterchen. Sie sagt: „Das war eine Herausforderung für mich.“ Sie erinnert sich an ihren Neffen. „Bist du der Andi?“, fragt sie naiv. „Genau, liebe Tante“, sagt die unschuldige Stimme. Der Betrüger wähnte sich in Sicherheit. Dann wird er konkret. Der vermeintliche Neffe sitze gerade beim Notar, will sich eine Wohnung kaufen. Doch ihm fehlten dafür mehr als 50 000 Euro. Und die solle Haya L. beisteuern. Sie solle sofort zur Bank gehen und das Geld abheben.

Haya L. reagiert schnell: „Da muss ich mir erst ein Taxi rufen, das kann eine halbe Stunde dauern“, sagt sie dem falschen Andi. Denn: „Er sollte ja nicht misstrauisch werden.“ Inzwischen informierte die frühere Krankenschwester die Polizei, schmiedete zusammen mit den Beamten den Plan. Ein mit Falschgeld präparierter Umschlag, zwei Polizisten im Haus, eine betagte Dame – so stellt man Betrüger. Und dann tatsächlich: Eine junges Mädchen, 17 Jahre alt und hochschwanger, nähert sich dem Haus. Sie ist die Abholerin. „Wir haben nicht viele Worte gewechselt“, erinnert sich Haya L. „Aber sie sprach einwandfreies Deutsch.“ Die Polizei verhaftete sie.

Auch ein Urteil ist schon gesprochen: Zwei Jahre und drei Monate Haft nach Jugendstrafrecht. Über die Auswertung ihres Handys gelangte die Polizei mit Hilfe der Kollegen in Polen auch an die Hintermänner. „Zu diesem Erfolg kann man der Polizei nur gratulieren“, sagt Haya L. bescheiden. Fügt aber dann an: „Da bin ich schon ein bisschen stolz auf mich.“ Und das völlig zu Recht!

Die Tipps der Polizei

So gehen Sie mit Sicherheit keinem Betrüger ins Netz! Oberstes Gebot: Wenn am Telefon jemand Geld von Ihnen verlangt, beenden Sie sofort das Gespräch und informieren Sie die Polizei unter dem Notruf 110! Grundsätzlich ist Vorsicht geboten, wenn sich jemand am Telefon nicht mit seinem Namen vorstellt. Vergewissern Sie sich, ob der Anrufer auch wirklich derjenige ist, der er zu sein vorgibt! Erzählen Sie keine Details zu Ihren familiären oder finanziellen Verhältnissen! Übergeben Sie niemals Geld an unbekannte Personen! Wurden Sie bereits von derartigen Anrufern belästigt, ändern Sie ihre Telefonnummer und lassen Sie Ihren Eintrag aus dem Telefonbuch entfernen! Denn auch im Nachhinein gibt es Möglichkeiten, Täter zu ermitteln.

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