Neues Buch

Pfarrer Schießler über Sex, Zölibat, Verhütung, Wandel

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Pfarrer Rainer Maria Schießler (55) auf seiner 1200er-BMW vor seiner Kirche St. Maximilian.

München - Sex, Zölibat, Verhütung, Wandel: Der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler spricht mit der tz über sein neues Buch.

Himmel - Herrgott - Sakrament von Rainer Schiessler (Kösel, 256 S., 19,99 Euro)

Sein Motorrad ist sein Luxus. „Das ist Erotik, wenn du aufsteigst und zwischen deinen Beinen die Kraft von 120 PS spürst, die unter dir vibrieren. Das ist so geil! Und ich gefalle mir natürlich auch in meiner Jugendlichkeit.“ Pfarrer Rainer Maria Schießler (56), zuständig für St. Maximilian und Heilig Geist (Viktualienmarkt), ist quasi das bunte Schaf der katholischen Kirche. Jetzt hat er auch noch ein Buch geschrieben: Himmel, Herrgott, Sakrament (Kösel, 256 S., 19,99 Euro). Schießler lädt uns zu sich nach Hause ein und spricht über …

Kritik an der Kirche

Ich breche eine Lanze für die Kirche. Ich frage sie: Warum bist du immer so schlecht gelaunt, wo du doch eigentlich so gut bist? Ich bin das, was ich bin, durch die Kirche.

Angst vor Jobverlust

Hab ich nicht. Ich bin ein freier Mensch und habe nix verbrochen. Ich kritisiere auch niemanden persönlich. Und wenn ich wirklich Kritik kassiere, dann gibt’s eine Antwort. Außerdem hab ich einen gültigen Taxischein bis 2019 – dann verlänger ich ihn – seit meiner Studentenzeit. Ich bin nicht von der Kirche abhängig. Wenn ein Brief kommt mit einem Lehrverbot, dann bin ich sogar stolz drauf.

Scheidungen

Wer geschieden ist und sich wiederverheiraten will, ist kein Wiederholungstäter! Da stecken schwere Schicksalsschläge dahinter. Die Kirche will in der Mitte der Gesellschaft sein, drängt aber so viele an den Rand. Viele empfinden sie als Verbotsinstitution. Das darf Kirche nicht sein.

Sex vor der Ehe

Ich habe Hunderte getraut, und davon hatten fünf Paare noch keinen Sex vor der Ehe. Die Kirche sieht Sex als etwas Schmutziges. Aber wie kann etwas schmutzig sein, wenn daraus Leben entsteht? Ich kann mit dem Messer Brot schneiden oder dich abstechen. Das Messer an sich ist nicht schlecht. Nur das, was man damit macht.

Verhütung

Temperaturmessen ist erlaubt, Kondome nicht?! Das ist Verarschung. Ob ich das Vieh mit Pfeil und Bogen oder mit dem Maschinengewehr erledige, ist ghupft wie gsprungen. Die Frau ist keine Gebärmaschine. Wer eine Familie gründen will, der muss das Recht haben, selbst zu bestimmen.

Homosexualität

Liebe ist Liebe, die Ausrichtung spielt überhaupt keine Rolle. Neulich hatte ein 17-Jähriger sein Coming Out bei mir. Es fiel ihm wahnsinnig schwer zu akzeptieren, dass er schwul ist. „Und jetzt kommt’s auch noch ihr daher!“, dachte er sich wohl. Wir sind nicht dazu da, zu verurteilen.

Einsamkeit

Wir sind so auf uns zurückgeworfen. Früher waren im Pfarrhaus viele, heute bin ich allein. Ich fühle mich oft einsam, und meine Wohnung ist unbewohnt. Ich vermisse die Gemeinschaft, habe kaum Freunde, weil ich kaum Zeit habe. Ein Freund, dem ich etwa sagen kann, wenn ich schlecht gelaunt aufstehe: „Ich hab heute keinen Bock auf die Dreckskirche! Mir fällt nix für die Predigt ein!“

die eigene Sexualität

Meine Eltern waren sehr konservativ und sehr gläubig. Für meinen Bruder und mich war es selbstverständlich, keinen Sex vor der Ehe zu haben. Nicht als Verbot, sondern als freie Verbindlichkeit. Ich hatte mich mit 17 für meine Berufung entschieden, also spielte das keine Rolle mehr. Du kannst nicht auf zwei Gleisen fahren.

Matthias Bieber

Buch-Zitate

  • Es gibt keine Zufälle im Leben – das Einzige, was zufällt, ist eine Tür, wenn’s zieht.
  • Das Problem am Zölibat ist nicht, dass ich die Turnübungen im Bett nicht ausführen darf. Es besteht darin, dass ich sozial zu vereinsamen drohe.
  • Trauer heilt nicht. Diese Wunden vernarben nur.
  • Ich bete lieber alleine und finde es fast peinlich, wenn bei Versammlungen Vesper gebetet wird und sich die Pfarrer dann die Psalmen zuwerfen. Verkündigung ist nicht Poetry Slam.
  • Ich verachte die Feigheit unserer Politiker, die die Last und die Folgen dieser Massenflucht auf ihre Bürger abladen und immer noch zögern, die Ursachen zu beseitigen und in den Herkunftsländern für Frieden zu sorgen.
  • Die Flüchtlinge sind ab jetzt Deutsche – weil sie hier mitten unter uns ein neues Leben beginnen. Diese Einsicht verlangt wirklich sehr viel Mut.
  • Helfen wir den heimat­losen Gläubigen anderer Religionen und widmen wir unsere leerstehenden Kirchen um: in Moscheen, Tempel, offene Räume des Gebetes für alle Religionen. Warum sollen wir Christen nicht teilen?
  • Das Bordell ist ein anderer Planet – aber ebenso voller Leben und Liebe. Nicht böse, nicht besser – aber auch nicht schlechter.
  • Die jungen Männer im Priesterseminar konnten sich zu meiner Zeit von allen vermeintlich schädigenden Einflüssen fernhalten – und sollen doch später die Beichte abnehmen oder in der Seelsorge Stellung beziehen und Rat geben, obwohl es dahingehend an jeder Form der Lebenserfahrung fehlt. Wie soll das gehen?

Im Wohnzimmer hängt ein geliebtes T-Shirt

Ein Blick ins Wohnzimmer des Geistlichen. Das löchrige T-Shirt im Bilderrahmen ist jahrzehntealt und für Schießler eine geliebte Erinnerung. Als er erfuhr, dass die Haushälterin es entsorgt hat, „wäre fast unsere Freundschaft zerbrochen“. Doch dann bekam er es gerahmt zurück …

60er-Shirt mit ­Autogrammen

Das 60er-T-Shirt mit der „10“ und „Schießler“ drauf hat der Pfarrer vom einstigen Geschäftsführer Robert Schäfer geschenkt bekommen – mit Unterschriften der Spieler drauf. „Auf die kostenlose Dauerkarte wart ich“, grinst Schießler. „Platz wär ja genug im Stadion – das ist wie in einer Kirche …“

Matthias Bieber

Matthias Bieber

E-Mail:Matthias.Bieber@tz.de

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