Konzertsaal-Studie

Deshalb braucht die Stadt ein drittes Haus

Konzertsaal-Studie
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Die Philharmonie bietet Platz für rund 2400 Konzertgäste. Die Akustik gilt als schwierig.

München - Er hat München einen neuen Konzertsaal versprochen, jetzt will er nur noch die Philharmonie sanieren. Eine Studie widerlegt die Pläne von Ministerpräsident Seehofer.

Karsten Witts Agentur erarbeitete die Studie.

Lieber Herr Ministerpräsident, lieber Herr Oberbürgermeister! Grad noch wurden Sie beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg derbleckt. Auch wegen des Themas Konzertsaal, das offensichtlich nicht nur für hochnäsige Hochkulturmenschen interessant ist. Jetzt kommt’s jedenfalls Schwarz auf Weiß: Eine Studie widerlegt den Sinn der Pläne von Horst Seehofer (65, CSU) und Dieter Reiter (56, SPD), die Philharmonie als sanierten, „neuen“ Konzertsaal zu verkaufen, den Herkulessaal zu ertüchtigen und keinen weiteren Saal zu bauen. Die wichtigsten Punkte der Studie, die das Musikmanagement Karsten Witt im Auftrag des Bayerischen Rundfunks erarbeitete:

Jeder braucht ein Zuhause: Fast alle internationalen Top-Orchester haben eigene Säle. Sie proben und konzertieren in dem führenden Konzertsaal ihrer Stadt und haben Erstbuchungsrecht. Die BR-Symphoniker nicht.

Planung ist wichtig: Für ein Weltklasse-Orchester wie die BR-Symphoniker ist Flexibilität wichtig. Da hilft es nicht, wenn man sich danach richten muss, wann der Saal gerade verfügbar ist. Und nur mit Flexibilität kann man internationale Top-Gäste locken.

Der provozierte Abstieg: Die meisten musikalischen Zen-tren der Welt sind grundlegend erneuert oder durch neue Häuser ergänzt bzw. ersetzt worden. „Für das BRSO im Herkulessaal scheint die Zeit dagegen stehen geblieben zu sein.“ Das Orchester riskiert seine internationale Top-Position.

Kein einziger Top-Saal: Die Philharmonie ist kein klassischer Konzertsaal, sondern multifunktionell. Von Eisrevuen über Pop und Musical bis Bruckner und Mahler. Ausdrücklich wird die Philharmonie in der Studie für die Vielseitigkeit gelobt – aber nicht als Top-Saal fürs Klassische: „Sie ist mit den besten Sälen für Symphonieorchester nicht vergleichbar.“

Der Herkulessaal fasst keine 1300 Zuhörer. Zu klein ist er auch akustisch: Große symphonische Werke sind hier nicht möglich. Und wegen des Denkmalschutzes kann er nicht vergrößert werden.

Restlos ausgebucht: Dass der Herkulessaal – wie von der Staatsregierung auf einer Pressekonferenz zu hören war – zu etwa 50 Prozent und die Philharmonie zu 70 Prozent ausgelastet seien, ist falsch. Das würde voraussetzen, dass 365 Tage pro Jahr Betrieb wäre. Das gibt’s nirgends. Fakt ist: Die Philharmonie zählt weltweit zu den am besten ausgelasteten Sälen. In den 203 Tagen Kernsaison finden 186 Veranstaltungen statt. Im Herkulessaal finden in der Kernzeit von 167 Tagen 131 Veranstaltungen statt. 15 freie Abende braucht man für Proben und technische Einrichtungen. Drei Tage pro Jahr dienen Baumaßnahmen. Der Rest der Zeit ist für gesellschaftliche und politische Veranstaltungen reserviert. Fazit: Es gibt „keinerlei Steigerungspotenzial mehr“.

Doppelt hält schlechter: Eine gemeinsame Bespielung von BR und Philis ist nicht machbar, wie schon in früheren Studien festgestellt wurde. „Selbst bei äußerster Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Kapazität wäre es unmöglich, sämtliche Projekte beider Orchester in der Kernsaison in der Philharmonie durchzuführen.“

Das Kreuz der Privaten: Gänzlich unter den Tisch fallen die privaten Veranstalter bei der Doppellösung Philharmonie: Für die attraktiven Zeiten würden „allenfalls noch Dienstagabende und Sonntagvormittage für Gastveranstaltungen zur Verfügung stehen“.

Abonnenten-Schwund mit Ansage: Wenn sich Philharmoniker und BR-Orchester Philharmonie und Herkulessaal teilen würden, verlöre das städtische Orchester Abonnenten, weil der Herkulessaal nur etwa halb so groß ist. Oder man müsste mehr Konzerte durchführen, was wiederum noch weniger Spielraum für die Privaten lässt.

Günstiger Tipp: Laut Studie könnte man die Philharmonie für wenig Geld (zwischen 100.000 und 2,5 Millionen Euro) deutlich aufpeppen. Durch Einbau von variabel entfernbaren Reflektoren und elektroakustisch erzeugtem Nachhall, wie er etwa in Berlin, der Nationaloper in Amsterdam, der Düsseldorfer Tonhalle oder dem Konserthuset Stockholm erfolgreich angewendet wird.

Das lange Warten: Ohne angemessenen neuen Saal können die beiden Orchester und die privaten Veranstaltungen die Schließzeit „nicht ohne nachhaltigen Schaden überstehen“. Dem Gasteig liegt eine Studie vor, wonach eine angemessene Ersatzspielstätte 80 Millionen Euro kosten würde. „Bevor eine solche Summe für ein Provisorium ausgegeben würde, wäre es offensichtlich sinnvoller, sie gleich in einen neuen Saal zu investieren.“

M. B.

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