Mordversuch im Kreißsaal?

Während der Entbindung: "Mein Horror mit der Hebamme"

Christine P. wäre fast verblutet, auch ihr wurde auf der Entbindungsstation Heparin verabreicht.

München - Christine P. weint. Das, was die Staatsanwältin gerade so nüchtern vorträgt, ist ein Albtraum. Ihr Albtraum. Erlebt hat sie ihn während der Geburt ihrer Tochter.

Christine P. weint. Das, was die Staatsanwältin gerade so nüchtern vorträgt, ist ein Albtraum. Ihr Albtraum. „Die Patientin und ihr Ehemann sind durch die Ereignisse anlässlich der Geburt ihrer Tochter traumatisiert“, referiert die Staatsanwältin. Die Geburt der eigenen Tochter – ein Trauma? Vier Operationen, 44 Bluttransfusionen, Entfernung der Gebärmutter, Todesangst. Christine P. (Name geändert, damals 41) wäre beinahe verblutet an diesem Tag. Jemand hatte ihr ein blutverdünnendes Mittel verabreicht, lebensbedrohlich nach einer Kaiserschnitt-Geburt. Die Staatsanwältin glaubt, dass dieser Jemand Regina K. war: die Hebamme.

Die Angeklagte Regina K. und ihr Anwalt vor Gericht.

Am Dienstag der Prozessauftakt vor dem Schwurgericht. Regina K. (34) wird neunfacher Mordversuch vorgeworfen. Fünf Fälle sollen aus ihrer Zeit in Bad Soden (Hessen) stammen, vier weitere aus Großhadern. Regina K. blickt offen in die Kameras. Sie trägt einen schwarzen Nadelstreifen-Blazer und pinke Sportschuhe mit neongelber Sohle – verstecken will sich K. nicht. Als die Anklage verlesen wird, verfolgt die Angeklagte Wort für Wort auf dem Laptop ihres Verteidigers. Christine P., eine ihrer Patientinnen aus Hessen, die fast verblutet wäre und die nun als Nebenklägerin auftritt, sieht sie nicht an.

Für Christine P. ist der Prozess eine Tortur. Gleichzeitig aber auch eine Chance: Es sei ihr „ein großes Anliegen, die Sache endlich aufzuarbeiten“, erklärt P.’s Anwältin. Ihre Mandantin sei eine kluge und starke Frau. „Aber meine Mandantin will wissen: Warum?“ Warum trachtet eine Hebamme werdenden Müttern nach dem Leben? Möglich, dass es darauf keine Antwort geben wird. Die Angeklagte hat erklärt, keine Angaben zu machen – weder zu ihrer Person, noch zum Fall. Laut den Ermittlern ist die Angeklagte ledig und hat selbst keine Kinder. Geltungsbedürfnis und Machtdemonstration könnten vermutlich eine Rolle gespielt haben, so die Ermittler.

Ihr Verteidiger sieht gute Chancen auf einen Freispruch. Er spricht von einem Indizienprozess: „Das ist eine sehr, sehr dünne Geschichte – und das weiß die Staatsanwaltschaft auch.“ Die Staatsanwältin hält dagegen: 94 Zeugen sind im Prozess geladen. Für die Taten gebe es ausreichend Beweise.

Von den ursprünglich neun Fällen stellte das Landgericht München gestern zwei ein. Die beiden Fälle würden das mögliche Strafmaß nicht sonderlich beeinflussen. Die Vorwürfe bleiben ungeheuerlich: drei Fälle in Hessen und vier versuchte Morde in Großhadern (siehe Text unten). Für den Prozess sind 52 Verhandlungstage angesetzt. 

Ein dunkles Kapitel in Großhadern

Die Vorwürfe gegen Regina K. sind ungeheuerlich: Drei Fälle von versuchtem Mord in Bad Soden und vier im Klinikum Großhadern. Sieben Fälle über drei Jahre! Erst am 18. Juli 2014 wurde Regina K. im Kreißsaal in Großhadern festgenommen. Warum flog die mutmaßliche Täterin nicht früher auf?

In Bad Soden, wo die Angeklagte bis 2012 beschäftigt war, soll sie im April 2012 einer Schwangeren wissentlich falsche Medikamente verabreicht haben. Als das entdeckt wurde, sei die Hebamme sofort freigestellt worden. Ein Rechtsstreit habe dann aber mit einem Vergleich geendet. Danach musste die Klinik eine Abfindung zahlen, die Vorwürfe fallen lassen und ein Zeugnis mit der Note „Gut“ ausstellen.

Erst später wurden weitere Fälle entdeckt. Der Chefarzt der Gynäkologischen Klinik in Bad Soden habe die Hebammenaufsicht über die Vorkommnisse informiert. Als dieser erfahren habe, dass die Frau am Münchner Universitätsklinikum Großhadern eine Stelle gefunden hatte, habe er an seinen Chefarzt-Kollegen in München geschrieben. Das Schreiben zitiert der BR so: „Ich habe die Befürchtung, dass sich Frau K. wieder in unerlaubter und gefährlicher Weise in die geburtshilfliche Betreuung Ihrer Patientinnen involviert.“ Man bat die Hebamme dort zum Gespräch. Sie stritt die Vorwürfe ab. Laut Anklage wurde ihr mitgeteilt, dass sie unter Beaufsichtigung stehe. Konsequenzen gab es offenbar keine.

Erst nach dem vierten Fall in Großhadern wurden die Infusionsschläuche gründlich untersucht: Man fand Spuren von Heparin, einem gerinnungshemmenden Mittel. Das Klinikum Großhadern, in dem die Hebamme seit 2012 arbeitete, erstattete sofort Anzeige. 

Tobias Scharnagl

Tobias Scharnagl

E-Mail:Tobias.Scharnagl@tz.de

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