Interview mit Psychologin Babette Gekeler

Tumulte in Flüchtlingsunterkünften: "Die Nerven liegen blank"

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Immer wieder muss die Polizei ausrücken, weil es in großen Flüchtlingsunterkünften und Traglufthallen zu Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen kommt.

München - Die Polizei muss immer wieder wegen Auseinandersetzungen in Flüchtlingsunterkünften ausrücken. Psychologin Babette Gekeler erklärt, wieso sich die Konflikte in Massenunterkünften kaum vermeiden lassen.

Immer wieder muss die Polizei ausrücken, weil es in großen Flüchtlingsunterkünften zu Tumulten kommt. Erst vor drei Tagen sind die Einsatzkräfte bei einer Schlägerei zwischen 20 Flüchtlingen in der Traglufthalle in Karlsfeld (Kreis Dachau) eingeschritten – zum fünften Mal innerhalb von zwei Monaten (wir haben berichtet). Am Mittwoch wäre die Situation in einer Turnhalle in Prien fast eskaliert. Zehn Flüchtlinge hatten zu pöbeln begonnen. Als die Polizei eintraf, stritten bereits 200 Flüchtlinge miteinander. Elf Streifen rückten an, um eine Massenschlägerei zu verhindern. Die Unterbringungssituation ist so belastend, dass Konflikte kaum vermeidbar sind, sagt Babette Gekeler. Sie ist Psychologin mit Forschungsschwerpunkt Gruppenkonflikte und Trauma und sagt: „Die Nerven der Menschen liegen blank – das würde uns allen so gehen.“

Sehr viele Flüchtlinge leben monatelang in Containern, Turnhallen oder Zelten. Auf engem Raum, ohne Privatsphäre. Wie lange hält ein Mensch das aus?

Die Situation in den Massenunterkünften ist wohl der größte Postmigrations-Stressfaktor. Die Menschen flüchten aus Verzweiflung aus ihrer Heimat – und finden sich dann hier in überfüllten Unterkünften wieder, ihr Status ist unsicher, sie müssen monatelang warten, haben Angst vor der Abschiebung. Das ist sehr belastend und schwer auszuhalten – vor allem für Flüchtlinge, die traumatisiert sind. Sie haben in den Unterkünften keinen Raum, ihre schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten. Die Nerven liegen blank – und Angst und Hilflosigkeit schaukeln sich auf. Das würde uns in dieser Situation allen so gehen.

Ist diese Situation für alle Flüchtlinge gleich belastend?

Wie man mit der Situation umgeht, ist weniger eine Typsache. Ganz individuelle Erlebnisse können ausschlaggebend sein.

Oft fällt das Wort Lagerkoller...

Wir müssen uns bewusst machen: Die Menschen haben ihre Heimat aus Verzweiflung verlassen – mit Erwartungen und Hoffnungen. Jetzt kommen sie hier an und sind zwischen Perspektivlosigkeit und Unsicherheit gefangen. Daraus entsteht Verzweiflung. Dazu kommt die Langeweile. Sie dürfen nicht arbeiten, wissen nicht, ob es sich lohnt, die Sprache zu lernen. Das raubt auf Dauer die Motivation.

Konflikte entstehen also aus enttäuschten Erwartungen?

Weniger aus Enttäuschung als aus Frustration. Die meisten Menschen sind hochmotiviert. Sie kommen mit dem Gefühl, dass sie es ihren Angehörigen schuldig sind, hier etwas aufzubauen. Dass sie auf diese Möglichkeit erst Monate warten müssen, frustriert.

Kommt dazu Rivalitätsdenken?

Das Problem sind in erster Linie die Massenunterkünfte per se. Die Menschen fühlen sich eingeschlossen und gesellschaftlich ausgeschlossen. Dadurch können Konflikte gedeihen. Es gibt kaum Möglichkeiten, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. In der Psychologie haben wir eine Kontakt-Hypothese. Sie besagt, dass durch den Kontakt unterschiedlicher sozialer Gruppen Vorurteile schnell abgebaut werden – wenn sich die Gruppenmitglieder auf Augenhöhe begegnen. In den Unterkünften hoffen alle auf Anerkennung – aber durch die Unterteilung in sichere und unsichere Herkunftsländer entsteht ein Konkurrenzdenken. Das verhindert, dass Feindseligkeiten abgebaut werden. 

Welche Rolle spielt die Religion? Würde es die Situation  entschärfen, die Menschen getrennt nach Religionszugehörigkeit unterzubringen, so wie es immer wieder diskutiert wird?

Ich glaube, es würde die Probleme eher verschärfen. Um Vorurteilte abzubauen, müssen Menschen sich austauschen können und miteinander in Kontakt kommen. Sie nach Herkunft oder Religionszugehörigkeit zu kategorisieren, würde Spannungen nur verschärfen. Die Konflikte entstehen eher durch die Unterbringungssituation.

Glauben Sie, diese Konflikte würden auch entstehen, wenn viele deutsche Christen in einer Massenunterkunft monatelang zusammenleben müssten?

Ich glaube schon. Wir Menschen sind uns ähnlicher, als wir denken. Wir schaffen schnell Gruppen, teilweise aus unwichtigen Kategorien, die müssen nicht mal politisch aufgeladen sein. Wir müssen nur versuchen uns vorzustellen, wie es wäre, wenn bestimmte Ressourcen rar wären und wir sie aufteilen müssen – es würde ähnliche Situationen gehen.

Wieso fällt es uns trotzdem so schwer, sich in die Situation der Flüchtlinge zu versetzen?

Die Forschung zeigt, dass Vorurteile unsere Normen und Werte ins Wanken bringen können. Durch tiefsitzende Ängste, dass uns etwas weggenommen werden könnte, entsteht so etwas wie ein In-Gruppen-Schutz. Je mehr Kontakt wir mit Flüchtlingen haben, desto leichter wird es, die Perspektive zu wechseln. Das kann auch indirekter Kontakt sein – durch Menschen, die von ihren Erfahrungen berichten. Wir müssen Flüchtlinge weniger als Opfer sehen, sondern als Überlebende, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen. Wenn wir ihnen das Gefühl geben, dass sie in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen dürfen, werden sich Konflikte weniger stark aufbauen. Dazu brauchen wir aber auch Gesetzesänderungen. Die Menschen brauchen schneller Perspektiven.

Welche Hilfen könnten die Situation in den Massenunterkünften erleichtern?

Die traumatisierten Flüchtlinge brauchen psychologische Betreuung – vor allem die Kinder. Außerdem ist Privatsphäre sehr wichtig, um Stress zu lindern. Aber das ist sicher nur ein Faktor von sehr vielen. Das Wichtigste ist, dass die Menschen schneller aus den Unterkünften rauskommen und aktiv werden dürfen. Traumatische Erfahrungen können schneller bewältigt werden, wenn wir das Gefühl haben, dass unser Leben Sinn hat. Je schneller den Menschen aus ihrer Hilflosigkeit geholfen wird, desto besser funktioniert auch die Integration.

Interview: Katrin Woitsch

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