Geheime Akte aufgetaucht

Räuber Kneißl: So halfen die Bürger dem Doppelmörder

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Zwei Krankenpfleger stützen den verletzen Kneißl nach seiner Festnahme.

München - Mathias Kneißl ist einer der berühmtesten Verbrecher aus der Münchner Region. Neu entdeckte Dokumente zeigen, warum der Mörder so schwer zu fassen war. 

Es stehen Sachen drin, die mit Worten anfangen wie diesen: „Gehorsamste Meldung!“ „Schlupfwinkl!“ Klar, das ist eine Sprache nicht aus dieser Zeit, sondern aus der Ära des Prinzregenten Luitpold, jene Zeit also, die amtsgerichtlerisch zur „guaden oiden“ verklärt wird. Es war aber auch die Zeit des Räubers Mathias Kneißl, der im Februar 1902 als 26-Jähriger unter der Guillotine wegen Mordes an zwei Gendarmen seinen Kopf verlor. Nun taucht eine wenig bekannte Akte auf, die ein neues Licht auf den Doppelmörder wirft, die zeigt, wie schwer sich die Polizei tat, des Kneißls habhaft zu werden: Weil ihm die Bevölkerung zwischen Fürstenfeldbruck und Dachau half, wo es nur ging.

Normale Bürger tricksten die Behörden aus

Der Steckbrief, mit dem nach Kneißl gesucht wurde

Ausgegraben hat den Aktenband der Brucker Heimatpfleger Toni Drexler, und zwar im Archiv der Fürstenfeldbrucker Polizeischule. Es handelt sich dabei um Telegramme, die während der viermonatigen Jagd auf Kneißl nach dessen tödlichen Schüssen von Ende November 1900 in Irchenbrunn (Gemeinde Altomünster) geschrieben wurden. Die Depeschen zeigen die Machtlosigkeit der Behörden, weil sich die normalen Leute, die Kleinbauern, Tagelöhner und Handwerker, auf die Seite des Räubers schlugen. Sie schickten die Verfolger gleichzeitig lieber von A nach B oder gleich ins Nirwana. „Im einfachen Volk gab es tatsächlich viel Hass auf die Obrigkeit und Staatsgewalt“, sagt Heimatforscher Drexler. 

Denn, so schreibt etwa das Streif-Oberkommando Althegnenberg am 18. Dezember 1900: „Kneißl soll nach neuesten Erfahrungen sich in obengenannten Ortschaften herumtreiben und dortselbst Unterschlupf bekommen. Die Bevölkerung ist aber leider gar nicht mitteilsam, auch irreführend.“ Versprechungen von Belohnungen seien „wirkungslos“. Die Gegend selbst? Schlechtes Terrain, alles Bekannte des Kneißl. Einen Tag später erfindet ein Schutzmann im Dorf Zillenberg (Kreis Aichach-Friedberg) ein neues Adjektiv für extrem widerborstiges Bürgerverhalten: „Kneislerisch“ – mit einem „s“. Trotz aller Versprechungen komme die Bevölkerung den Sicherheitsorganen nicht im Geringsten entgegen. „Alle Bewohner sind mit Ausnahme von zwei, drei Bauern auf Seiten des Mörders Kneißl.“ Aus Unterweikertshofen berichtet gar ein Gendarm, ein Bauer habe zu ihm gesagt: „Wir zahlen unsere Steuern und scheißen auf die Staatsgewalt.“ 

Tja – trotz der vielen Sympathisanten wurde der Kneißl im März 1901 in Geisenhofen (Kreis Fürstenfeldbruck) dann doch gefangen, „nach Verrate seiner Cousine“. Kneißl lebt aber weiter, ob als Bier oder als Lied. Und neuerdings als 60 Kilometer langer Räuber-Kneißl-Radweg durch die Kreise Fürstenfeldbruck und Dachau. Wer ihn schafft, darf sich ruhig eine Mass gönnen – Dunkles, wie damals.

Das Leben des Mathias K. 

Mathias Kneißl (1875 – 1902) war das älteste von sechs Kindern italienisch-deutscher Gastwirtsleute aus Unterweikertshofen bei Dachau. Nach dem Tod des Vaters ging Kneißl mit seinen Brüdern auf Raubzüge. 1893 wurde er verhaftet und zu fünf Jahren und neun Monaten verurteilt. Sein jüngerer Bruder starb nach vier Jahren im Gefängnis an Schwindsucht. Nach seiner Entlassung setzte er schwerbewaffnet seine Raubzüge fort. Bei einem Festnahmeversuch kam es am 30. November 1900 in Irchenbrunn zu einem Schusswechsel, bei dem zwei Polizisten vermutlich durch Querschläger so schwer verletzt wurden, dass sie später starben. Drei Monate später, im März 1901, stellten ihn 60 Polizisten im Aumacheranwesen in Geisenhofen, wo er sich versteckt hatte. Am 21. Februar 1902 wurde Kneißl in Augsburg mit der Guillotine hingerichtet.

Berühmt ist Kneißl für das Zitat bei der Urteilsverkündung: „De Woch fangt scho guat o.“

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