Medien in England und Russland berichten

Mauer in München-Neuperlach: Hass-Mails gegen Lokalpolitiker

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Die Mauer in München-Neuperlach soll Lärmschutz für die Anwohner sein, die auf der anderen Seite hinter einem Grünstreifen wohnen.

Mit seinem Video von der Mauer, mit der Flüchtlinge in München-Neuperlach vom Wohnviertel abgegrenzt werden sollen, hat Guido Bucholtz für Furore gesorgt.

Nach dem Bericht im Münchner Merkur am Wochenende erreichten ihn Anfragen aus ganz Deutschland, aus England, ja sogar aus Russland. Manche Anfrage war wenig erfreulich – ebenso wie die Flut an Hass-Mails, die ihn am Wochenende erreicht hat. Sie erschüttern den parteilosen Vize-Vorsitzenden des Bezirksausschusses Ramersdorf-Perlach fast noch mehr als die Mauer. Mit uns sprach Bucholtz am Sonntag über die Folgen des Video-Drehs und die Lehren daraus.

Herr Bucholtz, warum haben Sie das Video gedreht und es dann öffentlich gemacht?

Bucholtz: Ich habe einen Tag vor dem Dreh von Bekannten erfahren, dass die Mauer dort fast fertig und sehr wuchtig sei. Ich bin hingefahren und habe die Aufnahmen angefertigt. Dort bin ich dann sehr, sehr erschrocken wegen des Ausmaßes dieses „Bauwerkes“. Ich kenne ja die Gespräche und Verhandlungen im Vorfeld und auch, dass da eine vier Meter hohe Mauer hin soll. Aber erst dann wurde mir sehr bewusst, wie hoch vier Meter eigentlich sind, dazu dann noch der massive Verlauf dieser Mauer.

Was wollten Sie mit dem Video erreichen?

Bucholtz: Mir fiel während der Filmerei die nahegelegene, bereits in Betrieb befindliche Gemeinschaftsunterkunft in der Woferlstraße ein. Dort ist eine Mauer zwischen Unterkunft und der achtspurigen Autobahn. Das hat mich sehr beschäftigt, und ich bin dorthin gefahren, um zu messen, wie hoch denn diese Mauer ist: exakt drei Meter. Da war mir bewusst, dass hier etwas nicht stimmen kann: Die Mauer an der Woferlstraße musste nämlich bei einem Ortstermin, bei dem ich dabei war, erstritten werden. Es gab nämlich aus Sicht der Stadt München keine Notwendigkeit für eine Mauer, da ja die Unterkunftsanlage so gut gebaut sei, dass es keinen gesonderten Schallschutz bräuchte.

Welche Abwägungen gab es bei Ihnen vor dem Weg an die Öffentlichkeit?

Bucholtz: Es war die Überlegung, einfach nur den Status Quo zu filmen und diesen Film zu den bereits vorhandenen Filmen zur Nailastraße hinzuzufügen. Es gibt ja auf der Filmseite eine Art Doku, die den bisherigen schleppenden Baufortschritt aufzeigt. Eine Art Abwägung, ob oder wie, war zunächst nicht relevant.

Flüchtlings-Mauer in Neuperlach: Video ging zuerst nur an Medien in München 

War Ihnen klar, welche Symbolwirkung ihr Video hat? Welches Zeichen es für Neuperlach, München, sogar für Deutschland setzen könnte?

Bucholtz: Das Ausmaß und die Auswirkungen des Films – weit über München hinaus – waren mir völlig fern. Damit habe ich wahrlich nicht gerechnet. Zudem hatte ich den Link zum Film nur an die Medien in München geschickt. Die Symbolwirkung kam dann Zug um Zug. Eine riesige Mauer, die vor vermeintlich lauten Flüchtlingen schützen soll. Völlig überzogen. Dass der Film auch in Berlin, Hamburg, Frankfurt und sogar in England auf Interesse stoßen würde, hat mich noch mehr überrascht. Mein Fokus war auf München begrenzt, da ich hier ja auch seit 22 Jahren politisch aktiv bin.

Was wollten Sie damit keinesfalls bewirken?

Bucholtz: Die Entscheidung war: die Mauer einfach so zur Kenntnis nehmen oder aber öffentlich machen, was da ein Gericht und ein Gutachten bewirkt haben. Was ich auf keinen Fall und nach wie vor nicht möchte: dass Neuperlach dafür verantwortlich gemacht wird. Und dass Neuperlach jetzt wieder als sogenanntes Glasscherbenviertel herhalten muss. Ich möchte, das ist mir wichtig, nicht die Kläger, welche ich persönlich bei mehreren Terminen kennenlernen durfte, an den Pranger stellen. Mir geht es um das Ergebnis von Gutachten und Urteil, das ja ein Vergleich war. Unser Rechtssystem bietet jedermann die Möglichkeit zu klagen. Dieses Recht haben die Kläger wahrgenommen. Das kritisiere ich nicht, wenngleich ich deren Argumente von Anbeginn nicht teilen konnte.

Die Resonanz war aber teils sehr hässlich?

Bucholtz: Jede Menge Hass-Mails, meist anonym. Wüste Beschimpfungen, meist nur indirekt gegen mich, meist gegen Flüchtlinge generell. Und so Fragen, warum ich das denn mache, schließlich gebe es ja das Urteil. Es riefen dann auch sehr, sehr viele Redakteure an – Hamburg, Berlin, Frankfurt –, auch Redaktionen von Video-Nachrichten-Portalen, die mir Geld für die Rechte am Film anboten. Da war auch eine bekannte, sehr Kreml-nahe, judenfeindliche und Rechtsradikalen-freundliche dabei. Denen habe ich natürlich die Rechte verweigert. Habe ich alles dokumentiert – wissentlich, dass die das auch ohne mein Einverständnis machen werden. Erfreulicherweise gab es auch einzelne, die sehr sachlich blieben und Vorschläge gemacht haben oder Fragen gestellt haben. Mehreren habe ich dann auch geantwortet.

Video zu Flüchtlings-Mauer in München-Neuperlach: „Völlig hasserfüllte, emotionale Reaktionen“

Was hat Sie am meisten erschüttert? Was hat Sie gefreut?

Bucholtz: Völlig hasserfüllte, emotionale Reaktionen, fremdenfeindlich ohne Ende, Verdrehung von Tatsachen. Ich kam mir vor, als ob ich der Böse bin, weil ich mich für Flüchtlinge einsetze. Ich wurde auch mehrfach als „Gutmensch“ bezeichnet. Was mich gefreut hat: In meinem persönlichen Umfeld gab es sehr viel Zuspruch. Und auch aus Reihen anderer Helferkreise gab es positive Resonanz! Das hat mir sehr gut getan und Kraft gegeben, die anderen Reaktionen zu ertragen!

Sie hatten wirklich keine Vorahnung?

Bucholtz: Nein. Wie gesagt, ich wollte eigentlich nur den Baufortschritt dokumentieren, insbesondere natürlich die Mauer. Ich hatte mir erhofft, dass die Münchner Medien das aufgreifen. Die genauen Hintergründe, warum da jetzt eine Vier-Meter-Mauer steht, sind auch nicht unbedingt flächendeckend bekannt gewesen.

Ist das ein mahnendes Beispiel – für Initiativen, für Anlieger, für die Stadt?

Bucholtz: Ja, für alle, die mit derlei Baumaßnahmen befasst sind. Und vielleicht auch ein Hinweis an Gutachter und Gerichte, sich mal vorab mit einer Test-Karton-Mauer das Ausmaß eines solchen Bauwerkes bewusst zu machen. Leider wird es für Anlieger wohl kein mahnendes Beispiel sein. Eher Motivation, selbst zu klagen, falls Vergleichbares in deren Umfeld gebaut werden soll. Die werden sich womöglich auf das Urteil Nailastraße berufen!

Wie soll es denn jetzt weitergehen?

Bucholtz: Alle Verfahrensbeteiligten sollten das Verfahren zumindest nochmal aufarbeiten und kritisch hinterfragen, warum das so geendet hat. Vielleicht auch mit Anwohnern – egal ob Pro oder Contra! Und einen Wunsch hätte ich schon: Dass die künftigen Bewohner willkommen geheißen werden. Der Helferkreis Nailastraße, Schulen, Jugendeinrichtungen sind in den Startlöchern. Sehr schön wäre es, wenn die Anlieger auch mit anpacken würden. Und dann möchte ich auf jeden Fall wissen, warum in der Woferlstraße laut Fachleuten drei Meter an der Autobahn als ausreichend eingestuft werden.

Interview: Carmen Ick-Dietl

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