Aschenbrödel- und Elfenstraße

Münchens 477 Dörfer: In Waldperlach wie im Märchen leben

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Familie Bayer.

München - tz und tz.de zeigt Ihnen, dass München auch geografisch aus 477 Dörfern besteht. Im neuen Teil unserer Serie zeigen wir, dass es sich in Waldperlach wie im Märchen leben lässt. 

Rübezahlstraße: Bei Familie Bayer blüht die Fantasie

Die Bayers sind wahre Profis in Sachen Märchen. Von den Klassikern der Gebrüder Grimm bis zu den griechischen Sagen – in ihrem Bücherregal findet man fast alles. Als Anwohner in der Rübezahlstraße kennt Regina (10), die Älteste der drei Geschwister, die Geschichten um den Berggeist des Riesengebirges aus dem Effeff. Mama Kathrin (39) ist Sozialpädagogin in einer Beratungsstelle für Senioren. Sie hat in der Erziehung viel Wert darauf gelegt, dass ihre Kinder mit Märchen groß werden. „Das ist gut für die Fantasie.“ 

Die Familie wohnt seit 2006 im Märchenviertel von Waldperlach. Wir erinnern uns: Im selben Jahr erlebte ganz Deutschland das Sommermärchen bei der Fußball-WM im eigenen Land. „Für uns war ein Haus mit großem Garten wichtig, damit unsere Kinder auch Platz zum Spielen haben. Überhaupt lebt es sich hier wie im Märchen.“ Warum? „Wir wohnen in guter Nachbarschaft. Jeder kennt den anderen. Man hilft sich gegenseitig. Überall ist Tempo 30. Die Kinder wachsen in einer sicheren Umgebung auf, können auch schon alleine ihre Wege gehen.“ Zum Beispiel die Strecke zur Gänseliesel-Schule oder wenn Marie (8) und Regina ihre Freundinnen besuchen. Und in ein paar Jahren wird auch Nesthäkchen Willi (1) ganz sicher zu den Märchenbüchern greifen.

Rübezahlstraße: Sie floh vor den Bomben

Lieselotte Loher (89).

Nein, märchenhaft waren die ersten Jahre in Waldperlach für Lieselotte Loher und ihren Ehemann wirklich nicht. Während des Zweiten Weltkriegs musste das junge Paar die Innenstadt verlassen. Wegen des Bombenhagels auf München war das Leben dort zu gefährlich. Noch vor Kriegsanfang kauften die Eheleute ein Grundstück am Stadtrand. Lieselotte Loher ist heute 89 Jahre alt, die Erinnerungen an die damalige Zeit sprudeln aber geradezu aus ihr heraus. „Mein Mann“, sagt sie, „wollte vor dem Krieg noch unbedingt in ein Grundstück investieren. Das war im Nachhinein unser Glück.“ 

Die Lohers gehörten damals zu den ersten Bewohnern des Märchenviertels. „Es gab nur vereinzelte Häuser und ein paar Villen.“ Befestigte Straßen? Fehlanzeige. Loher: „Wir haben über den Dreck laufen müssen.“ Ein massives Haus mit gemauerten Wänden hatten die Lohers anfangs nicht. Wie viele ihrer Nachbarn lebte das Paar in einer selbst gebauten Holzhütte. Die Rentnerin erinnert sich: „Es war alles sehr spartanisch. Aber wir waren an einem sicheren Ort.“ Ein Leben in der Stadt war undenkbar. Als die Kinder kamen, musste ein größeres Haus her. Die Holzhütte im Garten gibt es aber immer noch.

Aschenbrödelstraße: Neue Generation

Janine und Thomas mit Lucie.

Im Leben von Janine Hettler (38) und Thomas Jocher (46) verläuft gerade alles wie im Märchen. Seit fünf Jahren wohnt das Paar gemeinsam in der Aschenbrödelstraße. Vor drei Wochen machte schließlich Töchterchen Lucie das Glück perfekt. Mama Janine hat das schmucke Häuschen im Märchenviertel von ihrer Großmutter geerbt. „Ich kenne die Gegend, seit ich denken kann. Früher war ich immer bei Oma zu Besuch. Man kann sagen, dass ich hier ein Stück weit aufgewachsen bin.“ 

Umso schöner ist es für die junge Mutter, ihr Kind in einer vertrauten und harmonischen Umgebung großziehen zu können. Papa Thomas Jocher musste sich anfangs noch an die neue Wohnsituation gewöhnen: „Ich habe jahrelang in der Innenstadt gewohnt. Da hat man hier das komplette Kon­trastprogramm. Heute kann ich mir es gar nicht anders vorstellen.“ In ihren Kindheitserinnerungen hat Mama Janine ein anderes Bild vor Augen: „Damals war das Viertel noch etwas märchenhafter. Überall standen kleine Hexenhäuschen, erst nach und nach entstanden größere Gebäude. Mittlerweile gibt’s auch schon Mehrfamilienhäuser.“

Elfenstraße: Im afrikanischen Skulpturenwald

Ulrich Knispel hat lange in Afrika gelebt.

Mehr Ur- als Märchenwald findet man auf dem Grundstück von Ulrich Knispel in der Elfenstraße. „Nix Märchen, das ist alles afrikanisch“, entgegnet uns der 77-Jährige. Und bei genauerem Betrachten wird schnell klar: Der Mann hat recht. Eine kleine Wildschweinherde aus Alteisen ziert den gepflegten Rasen. Überall im Garten trifft man auf merkwürdige Holzskulpturen. Das Herzstück: eine fast drei Meter hohe Stehle aus Aluminium mit bunten Motiven von alten afrikanischen Kulturen.

Und woher rührt die Leidenschaft für den schwarzen Kontinent? „Ich habe schließlich zwölf Jahre lang dort gelebt“, sagt Knispel. Als Brunnenbau-Ingenieur hat der gebürtige Sachse von 1977 bis 1989 im Auftrag einer Münchner Firma viele Afrikaner mit Trinkwasser versorgt. „Das war die schönste Zeit meines Lebens“, erinnert sich Knispel wehmütig zurück. Das Haus im Märchenviertel hat er schon vorher gekauft. Er sagt: „Eine ruhige Siedlung mit guter Verkehrsanbindung und netten Nachbarn. Ich habe alles, was ich brauche.“ Vor allem hat Ulrich Knispel genügend Platz für seine kleine afrikanische Märchenwelt.

Machen Sie die roten Dörfer grün 

Unser Aufruf an Sie, liebe Leser: Machen Sie die Stadtkarte grün! Leider finden sich auf unserer Karte immer noch rund 60 rote Fleckerl. Sie stehen für die Dörfer, die nach unseren Recherchen noch keinen offiziellen Namen tragen. Auch aus der langjährigen Geschichte gehen keine konkreten Informationen über eine mögliche Namensgebung hervor. Sie wissen es besser, kennen jemanden, der in diesen Stadtteilen lebt oder wohnen gar selbst dort? Dann schicken Sie eine E-Mail mit Ihrer Geschichte an lokales@tz.de oder erzählen Sie uns diese über unser Leserreporter-Tool - damit auch wirklich alle 477 Dörfer einen Namen tragen.

Johannes Heininger

Johannes Heininger

E-Mail:Johannes.Heininger@tz.de

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