Interview mit Martin Niefnecker

"Mich hat diese Sportart vom ersten Tag an nicht mehr losgelassen"

Niefnecker 2010 in München, wo er das Rennen gewann. Das verhalf ihm schließlich zum Weltmeistertitel.
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Niefnecker 2010 in München, wo er das Rennen gewann. Das verhalf ihm schließlich zum Weltmeistertitel.

Fast sein ganzes Leben lang steht Martin Niefnecker bereits auf Schlittschuhen und spielt Eishockey. Was den deutschen Athleten aber am Ice Cross Downhill besonders fasziniert? 

Martin Niefnecker nimmt am diesjährigen Red Bull Crashed Ice Contest teil, der am 8. und 9. Januar 2016 auch nach München kommt. Beim Event 2010 konnte er sich den Weltmeistertitel sichern. Was den Sportler bewegte, Ice Cross Downhill zu beginnen, wie er mit dem Risiko der Sportart umgeht und auch wie er zu Fußball steht, verrät er im Interview:

Das Red Bull Crashed Ice Fieber packte den jungen Martin Niefnecker 2007.

Herr Niefnecker, wie sind Sie zu der Sportart des Ice Cross Downhill gekommen? Ist ja nicht gerade wie Fußball oder Tennis zu spielen... 
Weil mein Vater früher Eishockey gespielt hat, stand ich das erste Mal schon mit sechs Jahren auf Kufen. Eishockey spielt also schon immer eine große Rolle in meinem Leben. Neben dem Eishockey habe ich meine Wintersport-Begeisterung auch auf Skiern ausgelebt. Das Bergabfahren mit hoher Geschwindigkeit beim Ice Cross Downhill war also erst einmal nichts Neues für mich. Zu Red Bull Crashed Ice bin ich letztendlich aber über meinen heutigen Freund Oliver Deby gekommen. Er hat damals die Qualifikation für das Rennen in Prag ausgerichtet und meinte, ich soll mich doch mal an einem Highspeed-Rennen im Eiskanal versuchen. Für den Tipp bin ich Ihm bis heute sehr dankbar, da mich diese Sportart vom ersten Tag an nicht mehr losgelassen hat.

Ist das überhaupt ein ernst zu nehmender Sport oder reine Action-Unterhaltung? 
Ich rate jedem, der mir diese Frage stellt, es selbst auszuprobieren. Spätestens wenn man hinter dem Start Gate steht, merkt man nämlich, dass das Ganze nicht nur Gaudi ist. Unabhängig davon, hat sich die Sportart in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Die Strecken werden immer anspruchsvoller – was nicht nur den Zuschauern, sondern auch uns Fahrern gut gefällt. Auch bei den Athleten hat sich einiges getan: Neben der Tatsache, dass inzwischen auch Frauen am Wettbewerb teilnehmen, steht jetzt auch die Vorbereitung immer mehr im Fokus. Ohne das richtige Training im Sommer und zwischen den Stopps würde man es heutzutage nicht mal mehr in das Mainevent schaffen. Dass inzwischen sogar das Olympische Komitee Interesse an unsere Sportart hat, zeigt einmal mehr, dass Red Bull Crashed Ice mehr ist als eine reine Action-Unterhaltung.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, mit Vollgas eine Eisbahn hinunter zu rasen? 
Das erste Rennen war für mich – wie wahrscheinlich für die meisten anderen Fahrer – eine echte Herausforderung. Schon nach dem ersten Lauf wusste ich aber: Ice Cross Downhill ist genau mein Fall. Jedes Rennen bleibt bis zur Ziellinie spannend. Innerhalb von Sekundenbruchteilen konfrontiert einen der Track mit immer neuen Herausforderungen und dabei gilt es auch noch, gegen drei andere Fahrer zu bestehen. Da das Fahrerniveau mittlerweile wirklich extrem hoch ist, werden dabei auch kleine Fehler sofort bestraft – was das Wettfahren um die ersten Plätze natürlich noch interessanter macht.

Eine ordentliche Portion Mut gehört zu diesem Sport schon dazu, oder? 
Ich denke, mit Angst vor Höhe oder hohen Geschwindigkeiten ist man bei Red Bull Crashed Ice an der falschen Adresse. Solange du - wie im Zeitlauf – alleine auf der Strecke bist, ist das Ganze aber relativ gut berechenbar. Wenn man allerdings im Four Cross Modus mit drei anderen Fahrern konfrontiert ist, kommt man schon in Situationen, die man im Vorhinein nicht planen kann. Daher sind Reaktion, Schnelligkeit, Gleichgewicht und eine gute Körperbeherrschung sehr wichtig in unserer Sportart. Trotzdem gibt es aber auch Situationen, in denen man taktische Entscheidungen treffen muss.

 

Ist es nicht schwierig, sich zu konzentrieren und Ängste beiseite zu schieben, wenn Zigtausende Menschen drumherum grölen?
Ängste gibt es für mich bei dieser Sportart keine. Es ist das beste Gefühl der Welt, mit 60 km/h den Eiskanal runter zu fahren, 15 bis 20 Meter weit zu springen und dabei von tausenden Zuschauern angefeuert zu werden. Leider bleibt während des Laufs kaum Zeit, das Ganze in vollen Zügen zu genießen, weil man sich von der ersten bis zur letzten Sekunde zu 100 Prozent konzentrieren muss. Auf den Stopp in München freue ich mich aber trotzdem schon besonders. Nicht nur, dass ich mich dort wie zu Hause fühle, in München habe ich auch meinen ersten großen Erfolg bei Red Bull Crashed Ice gefeiert. Dass meine Familie und Freunde das Rennen live mitverfolgen werden, gibt mir noch einen zusätzlichen Motivationsschub.

Wie häufig und vor allem heftig mussten Sie schon Stürze verkraften? 
Stürze sind vor allem beim Kontakt mit anderen Fahrern manchmal leider nicht zu vermeiden. Richtig verletzt habe ich mich bisher eigentlich nur einmal. In Quebec vor zwei Jahren habe ich mir im Viertelfinale das Sprunggelenk gebrochen. Dank meines Arztes Dr. Schaller und ein paar Schrauben merke ich davon heute aber glücklicherweise nichts mehr.

Können Sie das Risiko einschätzen? 
Das Risiko ist immer einschätzbar. Wie viel Risiko man eingehen will, muss aber jeder Fahrer für sich selbst entscheiden. Ich denke, ich habe in den letzten Jahren genügend Erfahrung gesammelt, um gut einschätzen zu können, was auf der Strecke funktioniert und was nicht. Manchmal gibt es aber auch Situationen, die man sich nicht aussuchen kann. Wenn ein anderer Fahrer vor oder neben dir stürzt, gilt es einfach, das Beste daraus zu machen.

In Kanada sind Sie ins Viertelfinale gekommen. Können Sie uns beschreiben, wie Sie sich davor, währenddessen und danach gefühlt haben? 
Das erste Rennen der Saison ist sicherlich immer etwas Besonderes. Erst auf dem Eis zeigt sich, ob man im Sommer genug und richtig trainiert hat und gegen die anderen Fahrer bestehen kann. Mit meinem elften Platz in Quebec bin ich eigentlich ganz zufrieden, da mir nur circa ein Meter für den Einzug ins Halbfinale gefehlt hat. Das Rennen vor heimischer Kulisse in München ist für mich aber allein schon Ansporn genug, noch eine Schippe drauf zu legen.

Wie ist Ihre Sportmontur zu beschreiben? Erinnert ja schon sehr an Eishockey. 
Vor fünf bis sechs Jahren war die Ausrüstung noch identisch zum Eishockey. Mittlerweile versucht man, im Rahmen des Regelwerks so viel an Ausrüstung einzusparen wie möglich, um beweglicher zu sein und den Luftwiderstand zu minimieren. Vom Eishockey ist daher eigentlich nur noch der Helm und die Schienbeinschoner übrig. Viele Fahrer setzen aber auch auf Motocrosshelme. Auch die Rückenprotektoren und Hosen kommen heutzutage eher aus dem Downhill-/Motorsportbereich, da hat sicherlich jeder Fahrer so ein bisschen seine Eigenheiten. Auch der Schliff der Kufen ist dabei ein großes Thema, über das bei jedem Rennen mit unserem Schlittschuhschleifteam neu abgestimmt wird.

Was war denn ein Erlebnis, wo Sie dachten: Oha, jetzt wird’s wirklich gefährlich. 
Solche Gedanken hatte ich bisher noch nie. Ich gehe immer mit dem Vorsatz „Scheiß' da nix, dann feit da nix“ an den Start. Trotzdem ist es natürlich am besten, wenn man als Erster aus dem Start Gate kommt. Dann kann man sich gefährliche Überholmanöver sparen und hat bei der Auswahl der Linie freie Fahrt.

Was macht für Sie dennoch den Reiz dieses Sports aus? 
Einen solchen Track herunterzufahren fühlt sich an, als würde man über das Eis fliegen. Nach diesem Gefühl kann man regelrecht süchtig werden. Ansonsten reizt mich besonders die Vielseitigkeit der Sportart. Beim Ice Cross Downhill reicht es nicht, einfach ein guter Schlittschuh-Fahrer zu sein. Neben körperlicher Fitness und der nötigen Sicherheit auf den Kufen ist schon von der ersten Sekunde an Köpfchen gefragt, um die Konkurrenz auf der Strecke hinter sich zu lassen.

Wie gehen Ihre Familie und Freunde damit um, dass Sie einem so actionreichen Sport nachgehen?
Mein Umfeld unterstützt mich, wo es kann, auch wenn ich immer wieder zu Ohren bekomme, dass es von außen sehr gefährlich aussieht, was ich da tue. Auf den Stopp in München freue ich mich natürlich auch deshalb besonders, weil die Anreise für meine Familie und Freunde nicht wie sonst mehrere tausend Kilometer beträgt. Dadurch werde ich hoffentlich im Laufe der zwei Tage viele bekannte Gesichter aus der Heimat an der Strecke sehen.

Wo wollen Sie denn am Ende dieser Saison stehen? 
Ich möchte mich im Vergleich zum Vorjahr wieder verbessern, was mir in Quebec schon ganz gut gelungen ist. In München im Halbfinale zu stehen, ist aber auf jeden Fall weiterhin das große Ziel. Da bei Red Bull Crashed Ice nicht nur die Form, sondern auch eine große Portion Glück über den Sieg entscheidet, bleibt es aber auch beim kommenden Rennen spannend. Ein Ausscheiden im Halb- oder Viertelfinale und ein Podiumsplatz liegen da sicherlich enger beieinander als in vielen anderen Sportarten.

Sind Sie denn generell sportbegeistert? Wie sieht es zum Beispiel mit Fußball aus? Haben Sie einen Lieblingsverein?
Abgesehen von meinem Engagement bei Red Bull Crashed Ice spiele ich im Winter Eishockey und fahre nach wie vor sehr gerne Ski – auch zu Trainingszwecken auf Skicrossstrecken. Im Sommer bin ich viel mit dem Mountainbike oder Rennrad unterwegs und spiele Inlinehockey. Was Fußball angeht, musste ich im Spiel mit Freunden leider immer wieder feststellen, dass ich da ziemlich talentfrei bin. Meine Fußball-Begeisterung hält sich also auch was den Profi-Bereich angeht, eher in Grenzen. Wenn ich mich entscheiden müsste, bin ich aber eher „A Blauer“, auch wenn ich die Leistung von Bayern München immer wieder beachtlich finde.

Wir drücken Ihnen für 9. Januar 2016 die Daumen. Vielen Dank für das Gespräch!

Red Bull Crashed Ice in München: Themenseite und die wichtigsten Fakten

Alle Infos zum Event in München finden Sie auf unserer Themenseite zu Red Bull Crashed Ice. Wir haben bereits die wichtigsten Fakten zu Red Bull Crashed Ice in München zusammengestellt.

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