tz-Interview mit dem Münchner Gastronom

Richard Süßmeier (85): Meine besten Stammtisch-Gschichtn

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Wirte-Napoleon Richard Süßmeier vor der Gaststätte Großmarkthalle.

München - Gastronom Richard Süßmeier ist einer der letzten bayerischen Mohikaner. Ein Unikat. So wie einst Gustl Bayrhammer, Walter Sedlmayr oder Karl-Heinz Wildmoser. Wir trafen den Wirt, um über alte Zeiten zu plaudern.

Wer mit Richard Süßmeier (85) unterwegs ist, muss keine fünf Minuten warten, bis es passiert: Diesmal ist es ein älteres Ehepaar, das den Wirte-Napoleon auf dem Gehweg bei den Markthallen anspricht: „Sie sind es wirklich, Herr Süßmeier. Schön, Sie zu sehen“, sagt die Unbekannte. „Eine Münchner Berühmtheit“, schwärmt sie. Ihr Gatte nickt. Und Süßmeier? Der lächelt, bedankt sich und geht weiter seines Weges. Ja, der Gastronom ist einer der letzten bayerischen Mohikaner. Ein Unikat. So wie einst Gustl Bayrhammer, Walter Sedlmayr oder Karl-Heinz Wildmoser. Einer, der und den München kennt – und der (fast) alles gesehen hat. tz-Redakteur Armin Geier traf sich mit dem Wirt, um über alte Zeiten zu plaudern:

Grüß Gott, Herr Süßmeier. Was macht ein berühmter Wirt im Ruhestand so?

Richard Süßmeier: Zu Stammtischen gehen. Leider muss ich jetzt aber überall zahlen (lacht).

Sie doch nicht.

Richard Süßmeier: Doch. Aber des passt schon. Im Ernst: In meiner Freizeit lese ich viel. Gut 1000 Bücher hab ich daheim. Da schau i nei – wenn ich ned beim Stammtisch bin.

Und was lesen Sie?

Richard Süßmeier: Viel Zeitgeschichte. Auch viel über München. In meinem Alter hat man den Vorteil, dass man nach einem halben Jahr alles wieder vergessen hat – und dann kann man die gleichen Bücher nochmal lesen.

Als München-Kenner: Ist die Stadt nicht sehr eng geworden. Wie ein Wiesnzelt?

Richard Süßmeier: Teilweise scho. Aber wenn irgendwo Andrang herrscht, geh ich halt ned hin. So wie auf den Weihnachtsmarkt oder am Samstag in die Innenstadt.

Wo verstecken Sie sich dann?

Richard Süßmeier: Naja, es gibt Fleckerl, wo sie einen ned datreten. Die sind aber geheim.

Ihr Lieblingsplatz?

Richard Süßmeier: Der Stammtischplatz in der Gaststätte Großmarkthalle. Da fühl ich mich schon sehr wohl. Ich brauch kein Promi-Gehabe.

Echt? Sie haben doch damals die ganzen Promis hierhergelockt – zumindest auf die Wiesn.

Richard Süßmeier: Stimmt (lacht). Aber aus wirtschaftlichen Gründen. Als ich das Armbrustschützenzelt Ende der 50er übernommen habe, war das eine Baracke. Kein Schwein ist gekommen. Also kamen wir auf die Idee, Promis zum Schießen einzuladen.

Und alle kamen ...

Richard Süßmeier: Ziemlich schnell. Der Gunter Sachs, die Uschi Glas, der Gerd Fröbe, Luis Trenker. Der Vico Torriani. Der aber nur mit Polizeischutz.

Warum das denn?

Richard Süßmeier: Der Torriani hatte Angst, dass ihm ein Masskrug drübergezogen wird. Dass die Wiesn ein riesiges Sauffest ist. Da hat er gefordert, per Polizeiwagen gebracht zu werden.

Das hat geklappt?

Richard Süßmeier: Ned ganz. Aber nach meinem Betteln hat die Polizei zumindest sein Taxi bis zum Zelt begleitet. Und dann fragt mich der Angsthas, ob ich Leibwächter für ihn im Zelt hätte.

Und was haben Sie geantwortet?

Richard Süßmeier: Ja – 5000. Soviel Gäste waren nämlich da.

Opernsängerin Maria Callas war auch zu Besuch.

Richard Süßmeier: Klar, die hat sich Pfifferlinge bestellt. Und an Radi. Da sie mit dem nicht wusste, was sie machen soll – hat sie ihn in die Pfifferling neigschnitten.

Die Promis waren damals mitten unter den Gästen.

Richard Süßmeier: Richtig. Einen VIP-Eingang hat es bei meinem Zelt ned gegeben. Der Moshammer wollte mal seinen Geburtstag in meinem Zelt feiern.

Und hatte Sonderwünsche, nehm’ ich an …

Richard Süßmeier: Logisch. Der wollte, dass seine Tische mit weißen Decken, Kerzenleuchtern und Silberbesteck gedeckt werden. Da habe ich gesagt: „Vergiss es!“ Der war sauer.

Als Großgastronom kennt man ja jeden. Wer war denn so der schwierigste Zeitgenosse?

Richard Süßmeier: Naja, der Walter Sedlmayr war schon sehr eigen. Generell. Wahnsinnig launisch. Und der ist bei jedem Anlass sofort nach den Reden gegangen.

Warum?

Richard Süßmeier: Damit ihn keiner auf die Gerüchte anspricht.

Dass er homosexuell ist?

Richard Süßmeier: Ja, der hat sich so selbst das Leben vermiest. Aber es waren andere Zeiten. Wäre sein Privatleben publik geworden, hätte er wohl seine Werbeverträge verloren. Und Geld war ihm sehr, sehr wichtig. Aber er war ein Münchner Unikat.

Viele davon gibt es ja nicht mehr …

Richard Süßmeier: Der Wildmoser war noch einer. Der hatte viele Kontakte, kannte jeden. Und er war frech. Im positiven Sinne.

Dieses bayerische Bazi-Sein. Ihnen persönlich hat es die Wiesn-Konzession gekostet. 

Richard Süßmeier: Leider. Gauweiler verstand keinen Spaß, als ich ihn 1984 nachgemacht habe.

Sie haben gezeigt, wie man aus einem Hendl drei Halbe macht.

Richard Süßmeier: Ja, weil er immer meinte, ich betreibe Schankbetrug auf der Wiesn. Der wollte meinen Kopf. Den hat er ja dann bekommen.

Haben Sie je wieder mit ihm geredet?

Richard Süßmeier: Nein. Nie wieder. Er ist für mich wie ein Unfall. Ich umfahre ihn weiträumig.

Sein Lieblingsgericht

Was isst eigentlich ein Gastronom am liebsten, der wirklich jedes Schmankerl kennt? Bei Süßmeier sind es die Stockwürst von Ludwig Wallner in der Gaststätte Großmarkthalle, denen er nicht widerstehen kann. „Die Stockwürst sind die kleine, dicke Schwester der Weißwürste“, erklärt der Wirte-Napoleon. Ihn ihr steckt Kalb- und Schweinefleisch und sie ist innen ein bisserl weicher als die Weißwurst.

Das ist Richard Süßmeier

Richard Süßmeier (geboren 1930 in München) ist wohl der legendärste Wirt der Stadt. Schon seine Eltern waren Gastronomen und betrieben unter anderem den Straubinger Hof am Viktualienmarkt (er selbst später auch noch die Gaststätte Großmarkthalle, den Spöckmeier sowie das Fortshaus Wörnbrunn). 1958 übernimmt er das kleine Armbrustschützenzelt auf der Wiesn. Schnell macht der zweifache Vater ein Großunternehmen daraus, lockt Promis ins Zelt und wird Wirtesprecher. 1984 legt er sich mit dem damaligen KVR-Chef Peter Gauweiler (CSU) an. Der Politiker veranlasst eine Razzia in Süßmeiers Zelt. Dabei wird bei Hilfskräften festgestellt, dass sie keine Arbeitserlaubnis haben. Das Wiesn-Aus.

Prost, Napoleon! Wiesn-Legende Richard Süßmeier wird 85!

Armin Geier

Armin Geier

E-Mail:Armin.Geier@tz.de

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