S-Bahn München

Im Fall des Falles: S-Bahn trainiert den Ernstfall mit Blinden

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Auch tz-Reporter Johannes Heininger legte sich ins Gleis.

München - Weil im täglichen Betrieb die Zeit dazu fehlt, trainiert die S-Bahn München mit blinden und sehbehinderten Menschen das richtige Verhalten bei einem Sturz ins Gleis. Dabei lernt auch die Bahn dazu.

Langsam tastet Andreas Endrich (34) seine Umgebung ab. An seiner rechten Hand spürt er eine schroffe Betonmauer, die linke umklammert ein massives Stahlband. Bäuchlings liegt er auf dem Boden. Unter ihm: Schotter. Darüber: eine S-Bahn. Der Elektromonteur liegt in einem Gleisbett. Das zusätzliche Problem: Er ist fast blind. Die Situation ist nur eine Übung. Eine Übung für den Fall des Falles…

Die S-Bahn München bietet jährlich blinden und sehbehinderten Menschen die Möglichkeit, richtiges Verhalten bei einem Sturz ins Gleis zu trainieren. „Im Normalbetrieb stehen die S-Bahnen immer nur sehr kurz. Es bleibt keine Zeit, Sicherheitseinrichtungen zu begutachten und einen Waggon richtig kennenzulernen“, sagt ­Nicole Eckiert, Sprecherin der S-Bahn München. Was für Menschen mit normaler Sehkraft selbstverständlich ist, müssen Blinde erst lernen.

Am Donnerstagabend zeigten Bahnmitarbeiter einer Gruppe von Sehbehinderten, wie sie sich in einer S-Bahn sicher bewegen: Ein- und Aussteigen, Türöffnen, Betätigen der Notbremse und die Kommunikation mit dem Lokführer. Eine Kooperation des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes mit der Volkshochschule München machte den Termin möglich.

Auch die Bahn lernt viel dazu

„Wir möchten unseren Kunden etwas zurückgeben. Gleichzeitig lernen wir viel dazu“, erklärt Eckiert. Denn erst, wenn man mit den Problemen von behinderten Menschen konfrontiert würde, könne man Rückschlüsse auf die eigene Infrastruktur ziehen. Dazu gehören die Höhe der Bahnsteigkanten, Türöffner, akustische Warnsignale, Haltegriffe und viele andere Helferlein.

Schreckensszenario: der Sturz ins Gleis. Tipp von Notfallmanager Werner Bögl: „Auf keinen Fall aufstehen! Sie wissen nicht, wann der nächste Zug kommt. Warten Sie auf Hilfe. Benutzen Sie ihren Tastsinn. Spüren Sie die Bahnsteigmauer, rutschen Sie dicht ran, legen Sie sich flach auf den Bauch und strecken Sie die Hände nach vorne aus.“ Bögl weiß: „So kann Sie garantiert kein Bauteil eines Zuges erwischen. Auch, wenn der mit 140 Sachen über einen drüberrollt.“

Beängstigend findet das auch Testkandidat Andreas Endrich: „Ich hoffe, dass mir so etwas nie passiert.“

Johannes Heininger

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