Radikale Vereinigung

So lief die Salafisten-Razzia in München

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Die radikal-islamistische Vereinigung ist unter Anderem durch die Verteilung von kostenlosen Koran-Ausgaben bekannt.

München - In München wurden mehrere Durchsuchungen im Rahmen der Großrazzia gegen mutmaßliche Unterstützer des Islamischen Staates durchgeführt.

Am Dienstagmorgen um 6.30 Uhr klingelten zeitgleich in zehn Bundesländern Polizisten an den Türen führender Salafisten. Hunderte Polizisten durchsuchten mehr als 200 Wohnungen und Büros von Anhängern des radikal-islamistischen Vereins „Die wahre Religion“. Er steht hinter den umstrittenen Koran-Verteilaktionen Lies! in Fußgängerzonen deutscher Städte. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) verbot gestern sowohl die Vereinigung als auch die Aktion. Er sagte: „Deutschland ist eine wehrhafte Demokratie. Für radikale, gewaltbereite Islamisten ist kein Platz in unserer Gesellschaft.“ Er wirft den Salafisten Unterstützung der Terrormiliz IS sowie die Rekrutierung von Kämpfern vor. Dass der Spuk in den Innenstädten ein Ende hat, sei ein „klares Signal“ im Kampf gegen islamistischen Terror. Der Verbotsschritt ziele dabei nicht auf Werbung für den islamischen Glauben ab, sondern auf den Missbrauch der Religion.

Einsatzkräfte bei einer Razzia in Hamburg.

Den Chefideologen des Vereins, Ibrahim Abou-Nagie, trafen die Ermittler nicht an. Der 52-jährige Hassprediger, der schon wegen Sozialbetrugs verurteilt wurde, soll sich in Malaysia aufhalten, wo er versucht, sein islamistisches Gedankengut zu verbreiten. Vor gut einem Monat hatte er im Internet per Videobotschaft verkündet, nun auch in Asien mit der Koranverteilung zu beginnen. Dann zog er über Politiker zu Hause her: „Nur in Deutschland haben wir mit barbarischen Politikern zu tun, die einfach keine Moralwerte mehr besitzen und auf Rambo spielen.“ Wer nicht den Islam annehme, dessen Bleibe sei „die ewige Verdammung in der Hölle“. Gut möglich, dass der Mann geahnt hat, dass seine Aktionen in Deutschland bald verboten werden.

Die Großrazzia lief weitgehend friedlich ab: Polizisten händigten die Verbotsverfügungen aus und beschlagnahmten Datenträger sowie rund 25 000 Koran-Exemplare im Zentrallager Pulheim bei Köln. „Heute ist nicht der Koran verboten worden“, betonte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) noch einmal– „aber die führende Organisation für die Rekrutierung von Kämpfern für den Dschihad“.

So verlief die Razzia in München

Bei den Razzien gegen Salafisten in Deutschland hat die Polizei auch in mehreren Großstädten in Bayern Wohnungen durchsucht. Allein in München kam es zu zehn Durchsuchungen. Festplatten und Unterlagen wurden sichergestellt, Festnahmen gab es aber nicht. Weitere Städte in Bayern waren Nürnberg, Augsburg, Fürth, Bamberg, Neu-Ulm, Freising und Herzogenaurach. Einem Sprecher des Innenministeriums zufolge ging es dabei nicht darum, Festnahmen zu erwirken, sondern lediglich um die Aushändigung von Verbotsverfügungen sowie um die Beschlagnahme von Propagandamaterial.

Ein prominenter Fall aus München schockte im Jahr 2015 die Landeshauptstadt. Der junge Erkan (14, Name geändert) verteilte an einem Stand der Salafisten-Aktion Lies! in der Innenstadt erst Koran-Bücher, ehe er sich dann entschloss, nach Syrien auszureisen und sich dem Islamischen Staat (IS) anzuschließen. An der Grenze wurde er aber aufgegriffen und im April 2016 nach Deutschland zurückgebracht.

Wer ist ein Salafist? Eine Erklärung

Salafisten vertreten einen am Koran orientierten besonders konservativen Urislam. Sie lehnen die westliche Demokratie ab und wollen eine Ordnung mit islamischer Rechtsprechung. Die Behörden halten die Vereinigung „Die wahre Religion“ für verfassungsfeindlich und gegen den Gedanken der Völkerverständigung gerichtet. Der Verfassungsschutz wirft Anhängern und Sympathisanten vor, den bewaffneten Dschihad und Terroranschläge zu verherrlichen. Zudem gilt die Vereinigung als bundesweites Rekrutierungs- und Sammelbecken für Anhänger des IS. Mindestens 140 Aktivisten sollen aus Deutschland nach Syrien und in den Irak gereist sein, um sich der Terrormiliz anzuschließen.

tz

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