Steiniger Weg für Flüchtlinge

Sie haben ihren Traumjob im Klinikum gefunden

München - Vom Tellerwäscher zum Krankenpfleger: Für Flüchtlinge ist ein Job im Klinikum eine traumhafte Vorstellung. Drei Geschichten vom steinigen Weg zum Traumjob.

Ali Bakhsh (20) aus Afghanistan hat hart dafür gearbeitet, dass er eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer in München machen kann. In der tz erzählen drei Flüchtlinge von ihrem langen Weg zur Ausbildungs- oder Arbeitsstelle am Klinikum Schwabing.

Er kam aus Liebe nach München

Naim Gudaci (45)

Drei Monate wollte Naim Gudaci (45) in Deutschland bleiben, arbeiten, Geld verdienen und in den Kosovo zurückkehren. Das war vor 22 Jahren. Seit 2009 ist er OP-Leiter Pflege im Klinikum Schwabing. „Wo ich in Deutschland hingekommen bin, habe ich Unterstützung erfahren. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Gudaci. Im Kosovo hatte er drei Jahre lang Medizin studiert, bis ihn Krieg und Not nach Deutschland trieben. „Freunde, die ich hier gefunden habe, haben damals das Kultusministerium angeschrieben. Ich hätte weiterstudieren können. Aber ich war finanziell nicht gut gestellt, also habe ich mich für eine Ausbildung entschieden.“ Auch aus der heutigen Perspektive, sagt Gudaci, sei das die richtige Entscheidung gewesen.

Im Schleswig-Holsteinischen Bad Segeberg, wo er bis 1996 lebte, unterstützte ihn ein älteres Ehepaar und brachte ihm Deutsch bei. Kein Wort konnte er, als er hierher kam. Er ließ sich zunächst zum Krankenpfleger ausbilden. In Hamburg arbeitete er im OP, zog der Liebe wegen nach München. Kontinuierlich bildete sich Naim Gudaci weiter, übernahm erst einen OP-Fachbereich in Schwabing und 2009 die Gesamt-Leitung. Lange schon hat er die deutsche Staatsangehörigkeit, reist mit seiner Frau und den zwei Kindern jedes Jahr in den Kosovo. Die Kinder wachsen zweisprachig auf, ihr Freundeskreis ist bunt gemischt. „In Deutschland gibt es so viele Möglichkeiten sich zu entwickeln“, sagt Gudaci. Er hat seine Möglichkeiten genutzt.

Sein Ziel: Die Hilfe für Andere

Matiullah Schinwari (22)

Matiullah Schinwari hatte nie von Sozialhilfe gehört, als er im März 2012 nach Bayern kam: Er wollte arbeiten, eine Wohnung, warmes Wasser und in Frieden leben. Außer Arbeit hatte er alles in Geretsried, wo er mit fünf Flüchtlingen lebte. „Ich konnte den Deutschen nicht in die Augen schauen, weil sie mein Leben bezahlt haben“, erzählt Schinwari (22). Höflich sagte der junge Afghane „Guten Tag“ und „Guten Morgen“ zu den Nachbarn, bis ihn eine Familie zum Kaffeetrinken einlud. Von ihnen lernte er Deutsch und über sie findet er Freunde. Vor Allerheiligen begann er auf dem Friedhof zu arbeiten – der Lohn wurde mit seiner Sozialhilfe verrechnet. Doch der Winter 2012/2013 war kalt, sehr kalt. Schinwari schaufelte ab 6 Uhr die Friedhofswege frei. Ab dem Sommer ging er in eine Förderklasse. Von 8 bis 12 Uhr hatte er Schule, von 13 bis 21 Uhr arbeitete er im Seniorenheim, lernte den Beruf des Altenpflegehelfers. „Mein Ziel war immer, anderen zu helfen.“

Er will Krankenpfleger werden, das geht mit Hauptschulabschluss nur, wenn er zuvor den Pflegehelfer macht. Am 1. Oktober 2015 erfüllt sich sein Traum: Schinwari beginnt seine Ausbildung am Klinikum. „In der Schule sitze ich in der ersten Reihe. Weil ich nicht alle Wörter kenne, muss ich sehr gut zuhören.“ Hilfe gibt’s von älteren Schülern, die Patenschaften übernommen haben, und von einer Sozialarbeiterin. „Besonders die Sprache ist schwer für mich. Aber ich will unbedingt im Krankenhaus arbeiten. Deshalb gebe ich mein Bestes.“

Vom Tellerwäscher zum Pflegehelfer

Der Dialekt, der in seinem kleinen Heimatort in Zentralafghanistan gesprochen wird, ist so speziell, dass Ali Bakhsh (20) viele Wörter gar nicht nachschlagen kann. So wundert es nicht, dass der junge Mann, als er Ende 2011 in München ankam, sehr verschlossen war. Acht Monate lebte er in der Bayernkaserne in einem Haus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Seine Mutter und der kleine Bruder sind noch immer in Pakistan. Er vermisst sie schmerzlich.

Matiullah Schinwari (22)

Eine Lehrerin, die ihm mehrmals die Woche Deutsch-Unterricht gab, entdeckte die Cleverness des nach außen hin stillen Jungen. Sie setzte sich dafür ein, dass Bakhsh auf die Schlauschule gehen konnte, wo Flüchtlinge bis zu ihrem Abschluss begleitet werden. Ali Bakhsh arbeitete nebenher als Küchenhelfer in einem bayerischen Wirtshaus und schaffte in eineinhalb Jahren den Schulabschluss. Direkt danach, im Herbst 2014, begann er ein freiwilliges soziales Jahr im Klinikum Harlaching. „Am Anfang musste ich alles erfragen. Aber ich war motiviert, weil es interessant ist, mit Menschen zu arbeiten.“

Vor zwei Monaten ist er aus seiner betreuten Wohngemeinschaft ausgezogen. Jetzt lebt er mit einer Freundin aus München zusammen. Mitte September ging für Bakhsh die Ausbildung zum Pflegehelfer los. „Ich brauche mehr Zeit als ein Deutscher, um für die Schule zu lernen. Aber ich will danach unbedingt die Pflegeausbildung machen.“ Deshalb sucht Bakhsh jetzt einen Nachhilfelehrer, der ihn unterstützt, seinen lang ersehnten Traum zu verwirklichen.

Jasmin Menrad

Rubriklistenbild: © Westermann

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