Sie wollen bessere Wohnbedingungen

Bayernkaserne: Flüchtlingsfrauen würgen Heimleiter

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Flüchtlinge vor der Bayernkaserne in München. Immer wieder kommt es zu Protesten wegen der schlechten Wohnbedingungen. 

München - Eine Gruppe Flüchtlinge hat sich bei Betreuern der Inneren Mission über die schlechten Lebensbedingungen in der Bayernkaserne zunächst beschwert - dann wurden die Menschen handgreiflich. Der Betroffene schildert den Vorfall.  

Den grauen Schal trägt George B., 49, auch am Tag danach. Den Schal, mit dem er keine 24 Stunden zuvor gewürgt wurde – von nigerianischen Asylbewerberinnen in einem Haus der Bayernkaserne. „Ich wurde stranguliert“, berichtet B., der als Betriebsleiter der Inneren Mission (IM) München in der Unterkunft arbeitet. „Es war ein Frauenaufstand.“ Er steht noch sichtlich unter Schock. „Aber“, sagt er dann besonnen: „Man darf nicht falsch bewerten, was da passiert ist.“

Was ist da passiert, am Dienstag in Haus 12 der Bayernkaserne? 145 Menschen vieler Nationen leben hier, Männer, Frauen, Kinder „bunt durchmischt“, sagt Andrea Betz, Leiterin der IM-Migrationsabteilung. Die alte Kaserne ist eine Gemeinschaftsunterkunft, wo die Menschen monate- bis jahrelang auf ihren Asylbescheid warten, bevor sie in Deutschland ein neues Leben beginnen dürfen oder zurückgeschickt werden.

George B. leitet die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber.

Unzufriedenheit, auch Verzweiflung unter den Flüchtlingen, die zumal oft traumatisiert sind, ist an der Tagesordnung. Das wissen und sagen alle: die Stadt, die Regierung von Oberbayern, die IM. „Beengte Wohnverhältnisse, fehlende Perspektiven, lange Asylverfahren – es sind immer die gleichen Themen“, sagt Betriebsleiter B. Vor allem Nigerianer warten oft lange auf ihren Asylbescheid. Wenn er einmal wöchentlich vor Ort sei, sagt B., „stürzen immer Menschen auf mich zu und wollen über alles reden, was nicht gut läuft“.

Häufig tut er das auch: mit den Flüchtlingen reden. Doch am Dienstag geht es nicht. Da hat B. in Haus 12 eine Besprechung und muss dann sofort weiter. Bereits während des Treffens hört er vor der Tür Tumulte. Als er gegen 13.30 Uhr heraustritt, stürmen etwa 20 Menschen auf ihn zu. „Ich habe keine Zeit, aber wir können gern einen Termin ausmachen“, ruft B. Junge Nigerianerinnen bedrängen ihn. Er kennt sie, sagt, diese Gruppe reagiere oft „sehr emotional“. Einige der Frauen tragen Babys. Sie umzingeln ihn, ziehen an ihm: „Es tat weh.“

B. versucht, sie zu beruhigen. Er wehrt sich nicht, unbewusst, wohl aus Angst, alles zu verschlimmern. Da greift eine junge Mutter, mit Baby im Tragetuch, nach seinem Schal und würgt ihn. Von hinten wird ein weiterer Schal um seinen Hals geworfen, sagt er. B. bekommt keine Luft. Schließlich lässt sich die Frau auf seine Bitte ein, sich auf eine Bank zu setzen und zu reden. Als die Polizei eintrifft, stürzt sie davon.

Die Situation sei unkontrollierbar gewesen, sagt B. Frauen hätten sich auf den Boden geworfen, geschrien, „sie waren völlig verzweifelt“. Erst die Polizei habe die Lage in den Griff bekommen. Diese rückte mit einem Großaufgebot an, „weil eine Eskalation der Lage zu befürchten gewesen ist“, wie ein Sprecher mitteilt. Die Beamten nahmen vier Angreiferinnen im Alter zwischen 21 und 30 Jahren fest. Gegen sie wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Die Familien der Frauen wurden woandershin verlegt. Die Männer der Frauen, sagt B., seien mittags im Sprachkurs gewesen und hätten nichts mitbekommen.

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IM-Vorstand Günther Bauer zeigt sich erschüttert. Einen solchen Vorfall gegenüber seinen Mitarbeitern habe es noch nie gegeben, sagt er. „Das ist eine komplett neue Dimension.“ Zwar hat die Polizei regelmäßig Einsätze in Unterkünften, doch immer gehe es um kleine Auseinandersetzungen oder Rangeleien. Bauer sagt klar: „Not kann keine Gewalt rechtfertigen, auch nicht hier.“

Auch B. versucht nichts zu beschönigen, dazu sitzt der Schreck zu tief. Man müsse die Grenze aufzeigen, sagt er – darum auch die Verlegung und die Anzeigen. Trotzdem betont B., der die Flüchtlinge und ihre Probleme aus allernächster Nähe kennt, auch am Tag danach: „Ich akzeptiere diese Bedürfnisse, ich habe auch Verständnis.“ Seine Arbeit will er gleich fortsetzen.

Auch die Stadt erwischt der Vorfall überraschend. Gerade Haus 12 sei vor kurzem renoviert worden, so ein Sprecher des Sozialreferats. Die Lebensbedingungen seien ordentlich mit Kochgelegenheiten und Spielmöglichkeiten für Kinder. Schader und Bauer kündigen an, den Vorfall gründlich aufzuarbeiten. Auch die Regierung von Oberbayern, die für die Erstaufnahme in der Bayernkaserne zuständig ist, hat keine negative Veränderung der Stimmung festgestellt. „Aggressionen gegen das Wachpersonal oder unsere Dienstleister“ kämen sehr selten vor.

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