Stadtviertelgeschichte

125 Jahre Bergmannschule: Der Spiegel des Westends

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Bildungseinrichtung im proletarischen Stadtteil: die Bergmannschule auf einer historischen Aufnahme.

München - Die Geschichte der Bergmannschule auf der Schwanthalerhöhe ist auch die des Stadtviertels – mit teilweise dunklen Kapiteln. In der Nazizeit diente das Haus sogar als KZ-Außenlager. Auch Migration und Platzmangel sind in der Schule keine neuen Themen. Heute feiert sie ihr 125-jähriges Bestehen.

Freche Polonaise: Buben aus der Bergmannschule mit einer Klosterschwester im Jahr 1946.

Acker, Wiesen, Kiesgruben – mehr war nicht zu sehen, wenn man sich vor 150 Jahren auf zur „Sendlinger Haid“ machte, dem heutigen Westend. Als das Gebiet 1877 Teil der königlichen Residenzstadt München wurde, sollte es eine vornehme Wohngegend werden. Doch statt luxuriöser Villen, derer nur zwei erbaut wurden, siedelten sich hauptsächlich kleine und größere Unternehmen an. Das Metzeler Gummiwerk, die Fass- und Brotfabriken und schließlich die Augustiner-Brauerei durchkreuzten die ehrgeizigen Pläne. Mit Folgen: Denn nun zogen Arbeitsmigranten aus der Oberpfalz, Ober- und Niederbayern in die primitiven Mietwohnungen.

Schon damals konnten die Einheimischen mit den Zugezogenen mitunter wenig anfangen. Die wachsende Arbeiterbevölkerung wurde „mit Besorgnis“ gesehen, da die Landsberger Straße „in schlechten Ruf geriet“, bemerkte ein Chronist. Das Westend wurde zum „Glasscherbenviertel“ und die kleinen Leute bekamen den Namen, der heute mit Stolz getragen wird: Westendler.

Die Bergmannschule, benannt nach dem Münchner Juristen Michael Adam Bergmann, geht auf den noblen Spender zurück, der das Grundstück damals für zehn Pfennige pro Quadratmeter erwarb und der Stadt für den Bau einer Schule spendete. Noch im selben Jahr wurde der Bauantrag gebilligt, die Bergmannschule nahm in Form von Skizzen und Plänen Gestalt an.

Im Jahr 1891 stand die Bergmannschule, damals noch von einer grünen Wiese umgeben. Das Ledigenwohnheim und die Kirche St. Rupert, die heute gegenüber liegen, wurden erst später gebaut. Das Schulgebäude galt unter anderem dank moderner Heiztechnik als „Musterbau“. Das „Tröpferlbad“ im Keller war das erste Bad in einer Münchner Schule, als die Hygiene- und Sanitärzustände für die meisten Münchner noch unzureichend bis miserabel waren. Ein Badezimmer, fließendes Wasser oder eine eigene Toilette kannten die meisten Familien nicht. Einmal pro Woche durften die Buben und Mädchen ins Tröpferlbad, das seinen Namen dem Umstand verdankt, dass mit dem warmen Wasser sehr sparsam umgegangen wurde.

Die Bergmannschule heute: In dem Gebäude soll eine Gedenktafel an die Weiße Rose angebracht werden.

Jeden Morgen nahmen damals in den 30 Klassenräumen 1300 Kinder Platz. Jedes Klassenzimmer, so beschrieb es der erste Schulleiter Joseph Gebele, war für 72 Kinder gedacht. Ziemlich eng. Heute unterrichten die Lehrer in der Bergmannschule 18 Klassen mit insgesamt rund 400 Schülern – und auch heute wird über Platzprobleme geklagt.

Etwa 20 Jahre nach dem Hauptbau kam an der Ecke Tulbeck-/Bergmannstraße eine Holzbaracke hinzu, in der Münchens erste Hilfsschule Platz fand. Dort wurden die vielen „Repenten“, also Sitzenbleiber, unterrichtet. Mit dem Buch „Rettung schwachsinniger Kinder“ trat dort der junge Rupert Egenberger ohne große Fachkenntnis 1902 seine Aufgabe als erster Lehrer an. Später wurde er ein bekannter Sonder- und Heilpädagoge.

Im ersten Weltkrieg wurden die Ridler- und Schrenkschule im Westend vom Militär beansprucht, weshalb ab 1919 ganze 78 Klassen in der Bergmannschule unterrichtet wurden. Im zweiten Weltkrieg lief es umgekehrt. Ab dem 22. Januar 1940 wurde der Schulbetrieb in der Bergmannschule eingestellt, um Kohle zu sparen. Die Schüler mussten nun in die Ridlerschule gehen.

Eine Brandbombe zerstörte die Bergmannschule im Juni 1944 fast vollständig. Nur die Außenmauern blieben stehen. Wenige Monate später internierte das Konzentrationslager Dachau Häftlinge in der Bergmannschule. Als so genanntes „Himmelfahrtskommando“ mussten die Häftlinge fortan nicht detonierte Sprengköpfe entschärfen und unter SS-Bewachung Gebäude vor dem Einsturz absichern und Reparaturarbeiten vornehmen. „Bisher ist kein Wort darüber verloren worden“, sagt der derzeitige Schulleiter Friedrich Fichtner. Auch in der Chronik zum 100-jährigen Jubiläum findet dieser Teil der Schulgeschichte keine Erwähnung.

Musischer Rektor: Friedrich Fichtner leitet die Einrichtung, in der heute etwa 400 Kinder unterrichtet werden.

Fichtner hat sich dafür stark gemacht, mit einer Gedenktafel an diese Zeit zu erinnern. Ebenso möchte er auf die Mitglieder der Widerstandsorganisation „Weiße Rose“ hinweisen. Alexander Schmorell, Hans Scholl und Willi Graf waren in der Studentenkompanie in der Bergmannschule untergebracht und wurden 1943 zum Tode verurteilt.

Heute werden im restaurierten Teil und im Neubau aus den 50ern rund 400 Kinder unterrichtet. Der hohe Migrationsanteil im Viertel spiegelt sich auch in der Schule wider, 68 Nationen sind in der Bergmannschule vertreten. Von „Brennpunktschule“ will Fichtner aber nichts hören. „Natürlich ist es nicht immer einfach“, sagt er, „aber wir arbeiten damit“.

Mit einem Fest der Nationen feiert die Bergmannschule am heutigen Freitag ihr 125-jähriges Bestehen. „Die Schule ist immer eng mit dem Stadtviertel und der Geschichte verbunden gewesen“, sagt Fichtner. In einer Projektwochen haben sich alle Schüler mit der Geschichte der Schule und des Viertels auseinandergesetzt. Zu Besuch kommen heute auch ehemalige Schüler, die ihren heutigen Leidensgenossen mit Fotos und Anekdoten im Gepäck Rede und Antwort stehen. In den vergangenen Tagen haben die Grundschulkinder im Rahmen einer Rallye die Entwicklung des Viertels und der Grundschule erkundet. An geschichtsträchtigen Orten standen Eltern und Lehrer als Laienschauspieler bereit. Auch Friedrich Fichtner erzählte als „alter Mann“ über den Trappentreutunnel. Überhaupt haben die Eltern und Lehrer seit fast einem Jahr unzählige Stunden in die Vorbereitungen investiert.

Das Volk der Schwanthalerhöhe, so schrieb der Münchner Autor Herbert Schneider, habe das Herz am rechten Fleck. Die Bergmannschule scheint das noch heute zu bestätigen.

Mathias Tertilt

Mathias Tertilt

E-Mail:info@merkur.de

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