Serie "Mei Münchner Leben"  Teil II

Vom Laden zum Café: Onkel Emma aus dem Westend

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Alexander Grobitsch und seine Laden-Nachfolgerin Kerstin Lohner.

München - In der Serie "Mei Münchner Leben" stellen wir Personen vor, die eine ganz besondere Geschichte zu erzählen haben. Heute: Alexander Grobisch, der seinen Tante-Emma-Laden in ein Café umgewandelt hat.

In der Maxvorstadt verwirklicht sich Alexander Grobitsch einen Traum, den er schon lange hat: sich selbstständig zu machen, mit einem eigenen Laden. 1964 eröffnet Grobitsch in der Heßstraße sein eigenes kleines Geschäft, 25 Quadratmeter. Teil I der Geschichte können Sie hier nachlesen. Drei Kinder hat Grobitsch mit seiner Frau inzwischen, nach der Traudl kamen 1958 und 1959 noch die Evi und die Monika. Doch nur zwei Monate nach der Eröffnung des Ladens ist Grobitsch allein mit den Töchtern: Die Ehe zerbricht, das Sorgerecht, erzählt er heute, hätten die Richter dann ihm zugesprochen.

Wieder eine harte Zeit, ganz am Anfang einer neuen Existenz, alleine mit drei Kindern, aber Grobitsch arbeitet viel und hart. 1967 schließlich lernt er auf einer Faschingsfahrt nach Bad Aibling seine zweite Frau kennen, Erika, eine Verkäuferin im Café Grass am Harras.

So hat ­alles angefangen: Alexander ­Grobitsch an seinem Laden.

1969 schließlich wird ein großes Jahr, nicht nur das Jahr der Hochzeit, sondern auch das, in dem er mit seinem Geschäft umzieht. In die Sandtnerstraße im Westend, ein alter Milchladen, 64 Quadratmeter, mehr als zweieinhalbmal so viel Fläche als in der Heßstraße. Es ist aber nicht nur die Größe, es ist auch die Gegend, die ihm behagt. „Die Kunden waren von Anfang an viel zugänglicher, viel offener, irgendwie bin ich vom ersten Moment an gut angekommen.“ Das Geschäft läuft gut, bedeutet aber auch viel Arbeit, 16 Stunden am Tag, wenn’s reicht.

Alexander Grobitsch steht mit seiner Frau nämlich nicht nur im Laden, nein, er fährt auch aus, als einer der ersten Lieferdienste der Stadt. Heißt aber auch, aufstehen um drei in der Früh, dann Semmeln schmieren, Brotzeiten herrichten, dann ausfahren, erst in einem VW Bus, in einem Opel Blitz, dann in einem Mercedes Kastenwagen. Er steuert große Unternehmen an wie Siemens und Wacker, oder auch kleinere Firmen in der Tumblinger und in der Tschoggestraße, verkauft hinten aus der Ladefläche raus, mittags ist er dann wieder zurück im Laden. Genau rechtzeitig, bevor der Ansturm der Schulkinder kommt für einen Schokoriegel oder eine Gummischlange oder auch einen Negerkuss, das waren die Zeiten, in denen man noch Negerkuss sagen durfte, bevor die politische Korrektheit Einzug hielt.

Es läuft alles so gut, bis 2001, als die Ärzte bei seiner Frau Krebs diagnostizieren.Es beginnt ein langer Kampf mit Therapien, immer mit der Hoffnung auf Besserung, doch es geht ihr von Jahr zu Jahr schlechter. Grobitsch verkürzt die Öffnungszeiten, am Ende hat er nur von 7 bis 9 in der Früh auf, weil er sich dann um seine Erika kümmert, mit zur Chemo nach Großhadern fährt oder sie zu Hause betreut. Vor acht Jahren dann, am 13. August 2008, stirbt seine Frau, neun Monate später, am 13. April 2009 erleidet er einen Herzinfarkt. Alexander Grobitsch merkt, mit bald 80 ist es Zeit, den Laden aufzugeben. Er übergibt ihn an Kerstin Lohner, die hier ein Tagescafé einrichtet, es ihm zu Ehren „Lohner & Grobitsch“ nennt und für ihn am 18. September 2010 mit einer großen Party eröffnet. Es ist der Tag seines 80. Geburtstags.

Noch heute wohnt Grobitsch in der Wohnung darüber, mit seiner neuen Lebensgefährtin Anneliese, und noch immer ist er viel beschäftigt, vor allem ehrenamtlich. Für das Katholische Jugendsozialwerk legt er bei Senioren und Behinderten in Pasing Tanzmusik auf, Oldies aus den Dreißiger Jahren, viermal im Jahr organisiert er den Flohmarkt auf dem Georg-Freundorfer-Platz, vor kurzem wurde er zudem Vorsitzender vom Kolpingverein St. Theresia in Neuhausen, dem er auch schon 18 Jahre lang angehört. Für seine Verdienste im Ehrenamt bekam Grobitsch vor einigen Monaten auch das Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten verliehen. Eine schöne Würdigung.

Mit ­seinem VW-Bus lieferte er auch Waren aus.

Auch privat ist er noch viel unterwegs, am Montag traf er sich mit seinen beiden Schwestern, Maria, die älteste, feierte ihren 87. Geburtstag, und im August will er sich mit seiner Anneliese den ersten größeren Urlaub überhaupt gönnen, den er jemals hatte. Acht Tage im Bayerischen Wald.

Zum Ende des Besuchs erzählt Alexander Grobitsch noch eine nette Episode. Vor drei Jahren las er in der tz eine Todesanzeige. Ein Alexander Grobitsch aus München, Jahrgang 1930, Kaufmann. Es war ein entfernter Cousin, Grobitsch ging mit ein paar Blumen zur Beerdigung, und er wunderte sich über die vielen Menschen, die gekommen waren, und vor allem wie sie plötzlich erschraken, als sie ihn sahen, lebendig. Sie alle hatten geglaubt, er sei der Tote, ihr Tante-Emma-Grobitsch aus dem Westend. „Dass ich sie so ausgetrickst habe“, sagt Grobitsch schmunzelnd, „das werfen sie mir heute noch vor.“

Nein, mit dem Sterben, da lässt er sich noch reichlich Zeit. Ist ja noch viel zu tun, für den Tante-Emma-Grobitsch aus dem Westend.

Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten – und tz-Autor Florian Kinast schreibt sie jeden Samstag auf. Zusammen mit Ihnen, liebe Leser! Es geht uns um die echten Münchner Gschichten. Um Porträts von Menschen, die über sich und ihr Leben in der schönsten Stadt der Welt erzählen. Was sind Ihre Münchner Gschichten? Erzählen Sie es uns, wir erzählen es dann weiter. Schreiben Sie uns, was passiert ist in Ihrem Leben, legen Sie Fotos bei und schicken alles an die tz, Stichwort „Leser-Biografie“, 80282 München oder per E-Mail an lokales@tz.de.

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