Serie "Mei Münchner Leben"

Wie aus einem Geschäft ein Café wurde

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Alexander Grobitsch

München - In der Serie "Mei Münchner Leben" stellen wir Personen vor, die eine ganz besondere Geschichte zu erzählen haben. Heute: Alexander Grobisch, der seinen Tante-Emma-Laden in ein Café umgewandelt hat.

Die 13, sagt Alexander ­Grobitsch, die war für ihn eine Schicksalszahl, das ganze Leben schon. Es war an einem 13., als er vor mehr als 70 Jahren als Flüchtling in Oberbayern ankam. An einem 13. starb vor acht Jahren auch seine zweite Frau, neun Monate danach erlitt er einen Herzinfarkt, ebenfalls an einem 13. Und seine heutige Lebensgefährtin, die kam natürlich auch einem 13. auf die Welt. Eine Zahl als roter Faden durch bewegte 85 Jahre, bald 86.

Und so war das ganz früher: Das Geschäft an der Sandtnerstraße war ein ganz klassischer Tante-Emma-Laden.

Alexander Grobitsch sitzt bei einem Cappuccino vor dem ­kleinen Café an der Ecke Sandtner- und Geroltstraße. Es ist vormittags, kurz nach neun, die Wirtin Kerstin Lohner hat gerade aufgesperrt, auf den Tischen draußen verteilt sie die Speisekarten. Es wäre falsch zu behaupten, dass Grobitsch an diesem Tag einer der ersten Gäste wäre. Denn Grobitsch ist hier kein Gast, es ist ja sein eigener Laden gewesen, mehr als vier Jahrzehnte lang, fast die Hälfte seines Lebens, und als Kerstin Lohner 2010 das Geschäft übernahm und zu einem charmanten Tagescafé umwandelte, quasi als seine Laden-Hüterin, da verewigte sie ihren Vorgänger auch im Namen. So heißt das Lokal nun „Lohner & Grobitsch“, als Hommage an eine große alte Institution im Westend, den alten Tante-Emma-Laden von Alexander Grobitsch.

Dabei war es ein langer und dorniger Weg, der ihn einst vom Osten ins Westend brachte, von seiner ungarischen Heimat in Sopron. Sopron, die allernordwestlichste Spitze Ungarns, noch westlich vom Neusiedler See gelegen, direkt an der Grenze zu Österreich. Auf Deutsch heißt Sopron Ödenburg, Ödenburg sollte nach dem Ersten Weltkrieg auch die Hauptstadt des Burgenlandes werden, das Volk votierte in einem Referendum dagegen. „Ödenburg“ steht auch noch auf vielen den Urkunden, die Grobitsch in seinem Wohnzimmer hängen hat, Urkunden für seine ehrenamtlichen Engagements. Alexander Grobitsch, geboren am 18. September 1930 in Ödenburg.

„Manchmal träume ich heute noch davon …“

Spricht man mit Menschen seines Jahrgangs, dann hört man oft noch von einer halbwegs unbeschwerten Kindheit, zumindest bis Kriegsbeginn 1939. Bei ihm ist das nicht so. Als er sechs ist, schicken ihn die Eltern zu seiner Tante nach Komárom, jenseits von Györ, denn ihn und die beiden Schwestern Maria und Wilma durchzufüttern, das ist ihnen zu teuer. Die Mutter arbeitet in einer Weberei, der Vater als Maurer, das reicht in jener Zeit nicht für drei Kinder. 1943 soll der 13-jährige Alexander zur Hitler-Jugend, er will aber nicht, also schicken ihn die Nazis zum Arbeitsdienst. Als Dachdecker. Das ist aber noch nicht das Schlimmste, das Schlimmste ist der 6. Dezember 1944, an dem nicht der Nikolaus kommt, sondern ein Luftgeschwader der britischen Luftwaffe. Grobitsch ist gerade mit einem Soldaten unterwegs, als die Bomben fallen, sie schlagen direkt um ihn herum ein, er sieht Häuser zusammenfallen, im Umkreis von sechs Metern liegen sechs Tote neben ihm, auch der Soldat. „Manchmal“, sagt Grobitsch, „träume ich heute noch davon“, man hört, wie seine Stimme stockt, weil ihn die Erinnerung so mitnimmt.

Aus der Luft von Westen her die Alliierten, vom Osten die heranziehenden Russen, es wird allmählich eng in Sopron. 1945 ergreifen sie die Flucht, ohne den Vater, der ist noch im Krieg. Die Mutter, die Schwestern, die Eltern seines Vaters. Erst zu Fuß über die Weinberge nach Mörbisch im Burgenland, dort auf einen Lastwagen, ohne irgendeine Ahnung wohin, dann wieder raus und rein in einen Güterzug, bis nach St. Pölten, wo sie in all dem Durcheinander Wilma verlieren, die jüngere Schwester. Sie ist 13, auf einmal ist sie verschwunden.

Verständigungsprobleme nach der Ankunft in Bayern

Ohne sie geht die Reise weiter, am 13. April 1945 erreichen sie Wörth an der Isar, Niederbayern, untergebracht in einem Klassenzimmer, zusammen mit 25 anderen Flüchtlingen, sie schlafen auf Stroh. Das Nötigste an Verpflegung gibt es von einigen Bauern aus der Umgebung, einmal gehen sie zur nächsten Gaststätte im Ort, dann tritt ihnen die Wirtin entgegen, sie sagt: „Bei mir kriagts Ihr nix zum Fressn.“ Die Mutter übersetzt es dem 14-jährigen Alexander, er versteht ja kein Deutsch, geschweige denn den Dialekt einer niederbayerischen Wirtsfrau.

Aber man schlägt sich durch. Alexander und seine Schwester Maria kommen bei Bauern unter. Für die Arbeit im Stall, auf dem Hof, auf dem Feld gibt es im Monat zehn Reichsmark, dazu Unterkunft und Verpflegung. Und im Frühjahr 1946 schließlich das große Glück: Über eine Suchanzeige beim Roten Kreuz finden sie Schwester Wilma, die auf Irrwegen in Duisburg landete und nun zurück zur Familie nach Niederbayern kommt. Auch der Vater ist aus dem Krieg zurück: Es geht endlich aufwärts.

Er lernt seine erste Frau kennen, im Gasthaus Kandler in Notzing, nach der Hochzeit im Jahr 1950 kommt auch die erste Tochter, die Traudl, zur Welt. Alexander Grobitsch zieht als Arbeiter mit Baufirmen durchs Land, in Stuttgart baut er zum Beispiel riesige Munitionsbunker für die Bundeswehr, und auch nach München kommt er jetzt erstmals, in der Erzgießereistraße baut er einen Wohnblock und eine Werkshalle an einem geschichtsträchtigen Ort. Grobitsch sagt, den Ofen, in dem einst die Bavaria-Statue für die Theresienwiese gegossen wurde, den habe er damals wegreißen müssen.

Teil II lesen Sie am kommenden Wochenende in der tz.

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