Opfer spricht in der tz

"Er wollte mich mit einer Armbrust töten"

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Der Schütze Alexander S. (r.) schoss mit einer Armbrust auf sein Opfer Kais Z. (l.). Der Grund: Eifersucht! Eine Wunde erinnert an die Tat.

München - In Sendling hat sich am Mittwoch ein Drama abgespielt. Aus Eifersucht auf den neuen Freund seiner Ex schoss Alexander S. mit einer Armbrust auf Kais Z. - doch der hat einen aufmerksamen Schutzengel. In der tz spricht das Opfer.

Es sind zwei ­Zentimeter. Winzige zwei Zentimeter, die beim Drama um Kais Z. (36) zwischen Leben und Tod entscheiden. „Wenn ich mit meinem Kopf nicht gezuckt hätte, wäre ich jetzt tot“, sagt der gebürtige Afghane. Der 40 Zentimeter lange Pfeil der Sport-Armbrust verfehlt ihn haarscharf, streift lediglich seinen Hals. Eine rote Narbe erinnert ihn daran, wie viel Glück Kais ­hatte, als der Täter auf ihn zielte – und schoss.

Am Mittwoch um kurz vor sieben Uhr in der Früh nimmt das Drama seinen Lauf: Kais Z. (alle Namen geändert) kommt nach seiner Nachtschicht als Sicherheitsmann nach Hause. Zusammen mit seiner Freundin Lena R. (35) bewohnt er eine kleine Wohnung in Obersendling. Sie sehen sich nicht so oft. Sie arbeitet am Tag, er in der Nacht.

Doch an diesem Tag kommt Kais schon an der Haustür etwas merkwürdig vor: Als er mit seiner Freundin per Headset telefoniert, merkt er, dass ihr Namensschild weggekratzt wurde. Er beugt sich hinunter. Aus dem Augenwinkel sieht er eine Bewegung. Plötzlich blickt er in den wenige Meter entfernten Lauf einer Armbrust. Der Schütze: Alexander S., der ehemalige Ehemann von Kais’ Freundin. „Bitte nicht schießen!“, ruft der 36-Jährige. Doch der Täter bleibt eiskalt, drückt ab. Kais hört ein Zischen, dann zieht er den Kopf zur Seite. „Der Pfeil hätte meine Kehle getroffen!“, ist er überzeugt. Der Afghane reagiert sofort, stürmt auf S. zu. Dieser zuckt zurück. Seine Freundin Lena R. hört das Drama am Telefon mit. „Sie hat sogar das Zischen des fliegenden Pfeils gehört“, sagt der Sicherheitsmann. Lena ruft direkt die Polizei. Währenddessen beruhigt Kais den Mann. „Ich habe auf ihn eingeredet“.

Die Polizei kommt und führt den Schützen ab. Alexander S. soll sich aber noch einmal umgedreht haben. Laut Kais ruft er dem Pärchen auf Russisch entgegen: „Ich bringe euch beide um!“

Alexander S. soll immer wieder handgreiflich geworden sein

Es ist das Ende eines drei Monate lang andauernden Albtraums für das Pärchen. Die beiden sind seit anderthalb Jahren zusammen. Vor ihrer Beziehung war Lena verheiratet – eben mit Alexander S. Drei Kinder haben sie zusammen. Doch Lena ist unglücklich. Sie trennt sich von ihrem Mann, der immer wieder handgreiflich geworden sein soll.

Dann lernt die Deutschrussin Kais kennen. Sie verliebt sich – und zieht zu ihm.

Ihr Ex-Mann kann damit nicht leben: Er soll dem Pärchen nachgestellt haben. Anfang Juni steht er laut Kais Z. in der Nacht um elf mit einem Messer vor dem Haus. Alexander habe zuerst Kais angegriffen, dann seine Freundin. Ein Nachbar ruft die Polizei. „Ich habe den Beamten gesagt, dass wir über Fußball gestritten hätten“, so Kais. Er wollte das Problem mit dem Mann besprechen. Vergeblich. Das Gespräch endet im Streit. Kais kauft seiner Freundin danach ein Pfefferspray. Alexander zeigen sie an, er bekommt ein Kontaktverbot.

Doch der Albtraum geht für die beiden weiter. Alexander schreckt angeblich sogar nicht davon ab, morgens um vier auf den Balkon des Hauses zu klettern – in den zweiten Stock! „Er stand da mit einer Eisenstange bewaffnet“, erinnert sich Kais kopfschüttelnd. Alexander habe sich auf ihn gestürzt und zugeschlagen. „Meine Freundin hat sich im Bad eingesperrt“, sagt der Sicherheitsmann. Kais schafft es, den Angreifer zu überwältigen, doch in einem kurzen Moment springt der auf und rennt davon. Kais muss ins Krankenhaus.

Seitdem schläft er immer mit einem Hammer neben seinem Bett. Beim nächsten Wiedersehen erscheint Alexander dann mit einer Armbrust …

Mit der Festnahme hat das Martyrium der beiden hoffentlich ein Ende: „Jetzt können wir wieder ruhig schlafen!“

Es gab schon ein Kontaktverbot

Da stutzt auch ein erfahrener Kriminalhauptkommissar: „So etwas kommt nicht alle Tage vor“, sagt Herbert Linder von der Münchner Mordkommission, der gleich bei Dienststart vom Armbrust-Angriff in Sendling erfuhr. Das Opfer (36) habe „wahnsinniges Glück“ gehabt, dass ihn der Pfeil nur gestreift hat. „Das war hochgefährlich, eine Sache von Zentimetern, das hätte auch ganz anders ausgehen können.“

Erste Ermittlungen haben ergeben, dass der Täter „offensichtlich gezielt“ auf seinen Nebenbuhler gewartet habe, so Linder. Die Tatwaffe sei eine Sportarmbrust gewesen, die übers Internet frei verkäuflich ist. Mit einem circa 40 Zentimeter langen Pfeil!

Gewalt hat laut Polizei bei dem Ehepaar schon sehr lange eine Rolle gespielt. Linder: „Das war auch der Trennungsgrund im Mai 2015. Die Ehefrau hatte erst am 20. Mai ein Kontaktverbot erwirkt.“ Gebracht hat es leider nichts. 

Florian Fussek, Nina Bautz

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