So denken die Münchner

Proteste gegen die neuen Gebühren der Sparkasse

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Ingeborg Staudenmeyer vom Seniorenbeirat gibt sich kämpferisch.

München - Neue Gebühren für Girokonten bei der Stadtsparkasse: Nach dem Einschreiten von OB Dieter Reiter melden sich die Senioren unserer Stadt zu Wort. Und auch die Inhaber kleiner Geschäfte schimpfen.

Das neue Girokonten-System der Stadtsparkasse nimmt das Geld von den Falschen! Nach OB Dieter Reiters (57, SPD) Einschreiten protestieren nun auch die Senioren in unserer Stadt.

Zum 1. Juli wollte die Sparkasse alle Konten auf eines ihrer drei neuen Modelle umstellen. Doch Verwaltungsratsvorsitzender Reiter forderte die Bank auch auf Druck der Stadtrats-CSU auf, ein alternatives Modell zu berechnen, das eine „sozialgerechtere Lastenverteilung“ möglich macht.

Kostenlos im neuen System wäre nur das „Girokonto Online“. Das aber nur ab einem monatlichen Geldeingang von 1750 Euro (sonst 4,95 Euro). Und: Viele Leistungen sind nicht inklusive. Wer kein reines Online-Konto will, wählt das „Girokonto Individual“ (2,95 Euro). Doch hier kostet allein jedes Automaten-Abheben 0,30 Cent. Fast alles ohne Aufpreis gibt’s nur beim „Girokonto Komfort“ (7,95 Euro).

Die Sparkasse fühlt sich in Zeiten der Nullzinsen in der Euro-Zone zu unrecht kritisiert. Sprecher Joachim Fröhler betont, gerade für sozial Schwächere sei das „Girokonto Individual“ geschaffen worden. 

Bei vier bis fünf Buchungen im Monat (je 30 Cent), vier kostenlosen Abhebungen am Schalter sowie einer Gratis-Einzahlung und einer EC-Karte (7,50 Euro im Jahr) würden Kunden mit 5,08 Euro im Monat nur wenig mehr bezahlen als beim bisherigen „Privatgirokonto Classic“ (4,95 Euro). 

Was denken die Münchner? Die tz hat sich beim Seniorenbeirat und drei langjährigen Sparkassenkunden umgehört:

Seniorenbeirat: Die Bank muss sozial denken

Ingeborg Staudenmeyer ist selten zufrieden. Dafür will die Chefin des Münchner Seniorenbeirats einfach zu viele Ziele erreichen. Eins davon ist, die Bankgebühren für die älteren Bürger schlichtweg abzuschaffen: „Unsere Forderung ist, dass Senioren mit Grundsicherung oder auch einer kleinen Rente gar keine Gebühren für ihr Konto zahlen müssen.“

Dass Oberbürgermeister Dieter Reiter nun fordert, die Stadtsparkasse müsse ihre neue, teure Gebührenregelung überarbeiten, freut die Seniorenchefin. „Das ist immerhin etwas. Es kann ja nicht sein, dass jemand, der in München mit 1100 Euro Rente im Monat über die Runden kommen muss, dann noch für sein Konto zahlt. Die Sparkasse muss hier auch sozial denken.“ 

Besonders die älteren Bürger hätten einfach Angst vor dem kostenfreien Online-Banking. „Da kann man nicht verlangen, dass sich die 80-Jährige jetzt ein WLAN einrichtet.“ 

Wie gesagt, Ingeborg Staudenmeyer ist selten zufrieden. So fordert sie auch, dass sich endlich etwas bei dem Problem um die MVV-Seniorentickets tut. „Das ist auch so ein Thema, wo Alte ganz klar diskriminiert werden.“ Es könne nicht sein, dass Senioren erst ab 9 Uhr mit ihrer Monatskarte fahren dürfen. „Auch hier habe ich nicht aufgegeben, dass der OB endlich reagiert.“ 

Ein weiteres Thema, das Ingeborg Staudenmeyer nervt, sind Versicherungsbeiträge. Auch hier werden alte Menschen oft schlechter gestellt: „Warum müssen Menschen ab einem bestimmten Alter - wie beispielsweise bei der Autoversicherung - einfach mehr zahlen?“ Da müsse endlich umgedacht werden. „Ein heute 70- oder 75-Jähriger ist ja meist noch topfit. Das ist ja nicht mehr wie vor 50 Jahren.“ 

Gegen die Benachteiligung von Senioren will Staudenmeyer jetzt noch vehementer vorgehen. Mit einem Antrag im Stadtrat, der den generellen Kampf gegen Altersdiskriminierung in München fordert. Die Grünen hat sie hierbei schon auf ihrer Seite. Sie unterstützen das Vorhaben

Sie (79) will sich jetzt wehren

Christa Bernert (79, r.) mit Tochter Andrea (57). Beide sind seit Jahren Sparkassen-Kundinnen und haben das Gefühl, die Bank wolle vor allem an Rentnern und Kleinverdienern sparen.

Christa Bernert (79) ist nicht der Typ, der schnell aus der Haut fährt. Aber als sie von der Sparkasse einen Brief mit der Aufforderung bekam, sich für eines der drei neuen Gebührenmodelle zu entscheiden, hat sie sich doch ziemlich geärgert. „Ich habe das Gefühl, die Banken wollen an denen verdienen, die wenig haben“, sagt die Rentnerin.

Seit 1961 ist Bernert Sparkassenkundin, bezahlt aktuell 4,95 Euro im Monat mit fast allen Leistungen inklusive. Jetzt hat sie alle drei neuen Modelle für sich durchgerechnet - und ist zu dem Schluss gekommen, dass sich für sie nur das teuerste Konto (Girokonto Komfort) für 7,95 Euro rechnet. 

„Die Sparkasse versucht, einem das Girokonto Individual für 2,95 Euro schmackhaft zu machen - aber dort kostet jede Bewegung auf dem Konto, jedes Abheben am Automaten extra.“ Es könne doch nicht sein, dass gerade ältere Kunden dadurch dazu gedrängt würden, seltener im Monat und dafür mehr Geld abzuheben, sagt auch Bernets Tochter Andrea (57). Gefährlich sei das …

Auch Andrea Bernert ist Sparkassen-Kundin. Sie wird jetzt wohl oder übel auf das reine Onlinekonto ausweichen, bezahlt dann nach dem neuen Modell nichts (ab 1750 Euro Eingang). „Ich muss mich dann aber auch um alles selbst kümmern.“

Für ihre Mutter Christa ist das Onlinekonto - wie für viele ältere Münchner - keine Alternative. „Da quäle ich mich in meinem Alter nicht mehr.“ Sie hofft nun, dass sich durch das Einschreiten von OB Dieter Reiter gerade für Kleinverdiener und Rentner noch etwas bewegt. „Viele genieren sich, sich zu wehren. Aber das ist falsch."

Auch Inhaber kleiner Geschäfte schimpfen

Neues System auch für Geschäftskunden: Wäscherei-Betreiber Bernhard Gsandner rechnet mit höheren Kosten.

Er rechnet damit, monatlich 40 Prozent mehr bezahlen zu müssen: Bernhard Gsandner (54) führt eine kleine Wäscherei in Laim. Seit er denken kann, ist seine Familie Kunde bei der Stadtsparkasse. Auch für Geschäftskunden gibt es neue Tarife. Zwischen denen gebe es für ihn keine großen Unterschiede, sagt der Münchner. „Ich werde so oder so dann mindestens auf 65 Euro im Monat kommen.“

Die letzten Kosten Gsandners im alten Tarif: 46 Euro.   Empfohlen von der Bank wurde ihm das „Geschäftsgirokonto Komfort“. 12,95 Euro Grundgebühr kostet es, beim alten Konto waren es 10 Euro. Doch alleine die Buchungsposten, also alle Bewegungen auf dem Konto, kosten ihn dann pro Posten mit 50 Cent doppelt so viel wie vorher. 

Bei rund 70 bis 80 Buchungen im Monat eine nicht zu unterschätzende Größe. 20 Euro im Monat mehr - „davon kann ich aufs Jahr gerechnet einmal schön mit meiner Familie essen gehen“, sagt Gsandner.

Er überlegt nun, zu einer anderen Bank zu wechseln. Bei der Commerzbank etwa würde er 39,90 Euro im Monat bezahlen - inklusive 500 freien Buchungsposten, sagt er. „Ich verstehe, dass die Leistungen der Sparkasse nicht kostenlos sein können.“ 

Aber er könne in seiner Wäscherei auch nicht einfach die Preise erhöhen, ohne mehr Leistung zu bieten. „Ich versuche erstmal bei mir zu sparen - sonst laufen auch mir die Kunden weg.“

Girokonten im Überblick

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Ramona Weise

Ramona Weise

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Armin Geier

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