Gastbeitrag von Comedian Simon Pearce

An alle Münchner, die glauben, in einer toleranten Stadt zu leben

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Der Comedian Simon Pearce, der in Puchheim aufgewachsen ist und mittlerweile in München lebt, erzählt Geschichten, die er leider wirklich so erlebt hat.

München - Der gebürtige Münchner Simon Pearce ist Sohn der bayerischen Volksschauspielerin Christiane Blumhoff und eines Nigerianers. Vor einem Monat ist der Comedian am Ostbahnhof geschlagen und als "Drecksneger" beschimpft worden. Er hat eine wichtige Botschaft an alle Münchner.

Update: Die Reaktionen auf den Gastbeitrag sind enorm. Simon Pearce' Geschichte bewegt die Menschen. Mehrere andere große Medien haben seinen Beitrag aufgegriffen, bei Facebook gab es Tausende Likes und Shares. Wir haben die Reaktionen zusammengefasst.

Der Gastbeitrag von Simon Pearce

Liebe Münchner,  

es gibt solche und solche Neger. Das hat mir zumindest mein Ex-Kollege Kurti erklärt. Mit ihm arbeitete ich damals auf dem Wertstoffhof. Und ihr müsst wissen: Er war ein richtiger Bayer.

Während er sich auf seinem Besen abstützte, schaute er mich an und brummte: „Simon, das ganze Zeugs, das zu uns nach Deutschland schwappt – Kanaken, Neger... Was hat uns der Neger gebracht? Ich sag' es dir: Aids, Grippe, Krebs, und jetzt klauen sie uns noch die Fernseher.“

Diese Szene werde ich niemals vergessen. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Ich erinnerte ihn daran, dass ich, ein Schwarzer, vor ihm stand.

Doch Kurti widersprach: „Du bist kein richtiger Neger. Du bist doch der Simon.“

Wenn ich anderen Menschen diese Geschichte erzähle, bleibt ihnen meist das Lachen im Hals stecken.

Humor ist das beste Mittel, um auf Rassismus und Intoleranz aufmerksam zu machen – und etwas in den Köpfen zu verändern. Und die meisten Sachen kann ich auch wirklich mit Humor nehmen. Etwa wenn die Nachbarin ihre Tür aufreißt und brüllt: „Wir sind hier nicht im Urwald!“ Sie will, dass meine schwarzen Freunde und ich keinen Mucks von uns geben, wenn wir meine Möbel durch das Treppenhaus tragen.

Ich nehme es auch mit Humor, wenn mir die zahnlose Oma in der Tram ungefragt über mein krauses Haar streicht und kommentiert: „Mei, wie a Schaf.“

Aber leider gibt es Momente, in denen mir das Lachen vergeht. In denen ich einfach nur entsetzt bin. Traurig.

Neulich etwa, als ich am Hauptbahnhof stehe und zwei Polizisten auf mich zukommen. Ich überlege gerade, ob ich mir lieber eine Leberkäs-Semmel beim Vinzenzmurr oder eine Butter-Brezn beim Höflinger kaufen soll.

„Was machen wir denn hier?“, fragen sie. Sie meinen aber mich, nicht sich. Polizisten in München sprechen oft in der Wir-Form.

Wahrheitsgemäß antworte ich, dass ich mich gerade nicht entscheiden könne, was ich lieber essen möchte. Ich sage es absichtlich auf Bairisch, das lässt Polizisten meist wieder abschwirren („Das ist ja einer von uns“), ohne dass ich meinen Personalausweis herauskramen muss. Sie wollen ihn an diesem Tag trotzdem sehen. Offenbar hat mich mein Grübeln über mein Proviant schon von weitem hochgradig verdächtig gemacht. Warum diese Skepsis? Warum diese Schikane?

Ihr findet das übertrieben? Wie findet ihr es dann, dass Frauen in Trams und S-Bahnen plötzlich beschützend ihre Handtaschen umklammern, wenn ich mich neben sie setze? Und nein, es ist NICHT dieses „Ich muss meine Tasche umklammern, weil die Tram um die Kurve fährt“. Ich kenne den Unterschied.

Die Frauen glauben, der schwarze Mann klaut. München, 2015.

Manche Leute wechseln sogar ihren Sitzplatz. Meistens sage ich dann nichts, ich denke mir meinen Teil. Denke mir, krass, wie viele Vorurteile müssen in diesem Menschen stecken? Nur manchmal, da kann ich nicht anders. Dann frage ich ganz direkt: „Sind Sie meinetwegen aufgestanden?“ Die Antwort ist dann immer dieselbe: „Naaa, naaa, naaa.“

Besonders betroffen macht es mich, wenn ich Hilfe anbiete, mir aber Hass entgegenschlägt. Vor ein paar Monaten habe ich am Flughafen Reisenden mein Fünf-Personen-Ticket entgegengestreckt. Ich sagte, ich wolle es ihnen schenken. Doch die Menschen wichen mir mit erhobenen Händen aus, als fuchtelte ich mit einem Messer herum.

Manchmal aber, da weichen sie mir nicht aus. Da schlagen sie zu.

Vor einem Monat haben mich zwei junge Typen in München geschlagen. Am Ostbahnhof, irgendwann nach Mitternacht. Ich hatte mir gerade Chicken Wings gekauft, war auf dem Heimweg. Sie nannten mich „Drecksneger“. Aus dem Augenwinkel sah ich die Faust. Sie erwischte mich zum Glück nicht mit voller Wucht. Ich bin ja eher der Wegrenner, gebe ich zu. Daheim ist mir eiskalt bewusst geworden: Es geht wieder los, München. Ich muss mehr als sonst auf mich Acht geben.

Es ist nicht so, als würde ich brenzlige Situationen nicht kennen. In Puchheim, wo ich aufgewachsen bin, haben sich Skinheads bedrohlich vor mir aufgebaut, mich schikaniert. Im Glockenbachviertel hat mich im vergangenen Jahr ein betrunkener Skinhead wie ein Zombie verfolgt, mir „Drecksneger“ hinterhergerufen.

Es schmerzt mich, liebe Münchner, dass ihr nicht alle tolerant seid. Das merke ich erst jetzt gerade wieder. Münchner hetzen auf Facebook gegen Ausländer und Flüchtlinge, schämen sich nicht einmal, unter ihrem echten Namen diskriminierenden Stuss über Asylbewerber zu schreiben. Es sind mehr, als ihr glaubt, die so etwas machen.

Es sind teilweise Menschen, die ich kenne. Die ich als Bekannte bezeichnen würde, die plötzlich diesen Dreck posten. Ich bin erschrocken.

Aber in diesen Zeiten des Hasses gibt es eine Sache, die mir Mut macht. Leute, die den Mund aufmachen, die nicht weggucken. Menschen, die mir helfen. Es war zugegeben ein seltener Moment, ich möchte ihn euch deshalb erzählen.

Ich saß im ICE von München nach Hamburg. Zwei Polizisten wollten meinen Personalausweis sehen. Sie behaupteten, das sei eine Stichprobe. Ja, ja, diese spontanen Stichproben von Schwarzen. Ich kenne, erlebe sie häufig in München.

Ein Geschäftsmann hinter mir mischte sich ein: „Dann möchte ich bitte auch kontrolliert werden“, sagte er zu den Polizisten. Und auch die Frau neben mir streckte den Polizisten ungefragt ihren Ausweis entgegen.

Ich wunderte mich nicht darüber, dass sich die beiden Polizisten danach sofort ins Bordbistro setzten – statt weitere Reisende nach ihren Ausweisen zu fragen. Weil ich die einzige Stichprobe auf dieser Zugfahrt war.

Mein Vater hat mich darauf vorbereitet, dass ich mein Leben lang unter Beobachtung stehen werde. Er sagte: „Simon, auf uns schauen die Menschen besonders.“ Ich wünsche mir trotzdem, dass das irgendwann aufhört.

Protokolliert von Miriam Sahli

Pearce tourt mit Soloprogramm "Allein unter Schwarzen" durch Bayern

Der Münchner Comedian Simon Pearce ist 34 Jahre alt und tritt mit seinem Soloprogramm "Allein unter Schwarzen" am 1. September im Lustspielhaus München auf. Am 24. Oktober steht er in Erding auf der Bühne, am 21. November in Tegernsee und am 6. Dezember in Dachau. Pearce übernahm diverse Rollen in Filmen, Serien und Theaterstücken. Momentan spielt er den Pfleger Driss in der Bühnenversion des französischen Erfolgsfilms "Ziemlich beste Freunde" am Turmtheater Regensburg.

sah

Lesen Sie hier, was zu tun ist, wenn Ihre Freunde auf Facebook Hass-Kommentare wie "Flüchtlinge raus!" schreiben. Die Fernsehmoderatoren Joko und Klaas haben schon eine Meinung dazu. Sie fordern Flüchtlingshasser dazu auf, ihnen auf Facebook zu entfreunden, auf Twitter zu entfolgen und die TV-Sendung nicht länger anzuschauen. Joko und Klaas wollen keinen Applaus von Leuten, die auch dann klatschen, wenn ein Flüchtlingsboot sinkt.

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