Das sagt der Filmer

Video: Extremisten beim türkischen "Friedensmarsch"

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München - Ein Skandal-Video vom türkischen "Friedensmarsch" in München am vergangenen Sonntag zeigt offenbar Extremisten. Wir sprachen mit dem Macher des Clips, der zum Facebook-Aufreger wurde.

Diese Szenen aus München sorgen bei Facebook für Aufsehen: Ein Clip dokumentiert, wie junge Männer und Frauen beim türkischen "Friedensmarsch" (gegen den IS und die PKK) den Arm zum Gruß der rechtsextremen und kurdenfeindlichen "Grauen Wölfe" ausstrecken. Den Daumen an Mittel- und Ringfinger gedrückt, soll ihre Hand einen Wolfskopf darstellen.

"Graue Wölfe" sind für Verfassungs- und Staatsschützer sowohl die Anhänger der rechtsextremen türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) als auch andere türkische Ultranationalisten. Alle tragen sie den innertürkischen Konflikt mit den Kurden nach Deutschland. Auch in München demonstrieren etliche Kurden am Sonntag gegen den Friedensmarsch.

Es passt ins Bild von den "Grauen Wölfen", dass mehrere Demonstranten des "Friedensmarsches" in dem Video "Allahu Ekber!" ("Allah ist groß!") brüllen. Einige von ihnen merken, dass sie gefilmt werden.

"Friedensmarsch" türkischer Nationalisten und Rechtsextremisten.

Lacause distanziert sich von Jedem, der dieses Video für rassistische Hetze missbrauchen will!Wie es als Journalist war am Rande des türkischen "Friedensmarsches" in München am 10. April. Viele Demonstranten gaben sich offen als Anhänger der rechtsextremen türkischen "Grauen Wölfe" zu erkennen, indem sie den sogenannten "Wolfsgruß" machten. Meine Begleitung, meine Kollegen und ich wurden mehrfach bedroht und beleidigt und pauschal als "PKK-Terroristen" beleidigt. Kritische Journalisten werden zufällig auch in der Türkei stets als "PKK-Terroristen" diffamiert. Auf Lacause kommt bald eine kurze Reportage zu der Demonstration und ihren Hintergründen. Liket unsere Seite, um die Reportage nicht zu verpassen!Bitte unterstützt Lacause finanziell, damit wir uns nicht mehr unser Equipment ausleihen müssen:PayPal ► paypal.me/Lacause Wir sind dankbar für jede Spende :)Video auf YouTube mit deutschen und englischen Untertiteln Video on Youtube with german and english subtitles! https://www.youtube.com/watch?v=f81cRB-bq1Q

Posted by Lacause - Junger Journalismus on Sonntag, 10. April 2016

Er filmte das Skandal-Video: Noah S. (18) ist Abiturient. Ein gebürtiger Münchner mit türkisch-kurdischen Wurzeln.

Dann wird es brenzlig: Ein bulliger Kerl mit Bart und Baseball-Cap geht auf den Filmer zu. Er droht: "Du Hurensohn. Ich werde die Kamera in dein Auge stecken." Polizisten gehen dazwischen. Ein dicklicher Jüngling mit Lederjacke schlägt nach der Kamera. "Du Bastard!" Ein anderer Demonstrant packt ihn am T-Shirt, zieht ihn zurück. Die Szenen des vorgeblichen Friedensmarsches verbreiten sich viral im Netz. Über 10.000 Mal wurde der einminütige Clip der Seite "Lacause - Junger Journalismus" seit Sonntag bei Facebook geteilt. Fast eine Million User haben das Video schon gesehen. Unsere Onlineredaktion hat mit dem Macher des Clips gesprochen: Noah S. (18) ist Abiturient. Ein gebürtiger Münchner mit türkisch-kurdischen Wurzeln. Sein Berufswunsch steht schon fest: Er will Journalist werden. Vorrangig interessiert ihn die Politik. Schwerpunkt: Extremismus. Mit seinem Blog "Lacause" probiert er sich aus. Er berichtete schon über Pegida-Demonstrationen in München. Am Sonntag wollte er für "Lacause" dokumentieren, wer da eigentlich beim sogenannten "Friedensmarsch für die Türkei und die EU" mitmarschiert. 250 Türken zogen vom Sendlinger Tor zum Goetheplatz. Noah S. hatte bereits im Vorfeld die Vermutung, dass unter ihnen nicht nur überzeugte Demokraten und Pazifisten sind. Rasch stellte sich heraus, dass er mit seiner düsteren Vorahnung richtig lag. "Die Sprechchöre hatten einen ziemlich nationalistischen Tonschlag. Das hatte nichts mit dem zu tun, was man von einer normalen Friedens-Demo kennt."

Als er Teilnehmer befragte, warum sie mitmarschieren, ging ein türkischer Ordner dazwischen. „Er warf mir PKK-Propaganda vor und meinte, er würde schon in meinen Augen sehen, dass ich ein PKK-Mitglied und Terrorunterstützer sei.“

Frau wird beim "Friedensmarsch" bedroht: "Dich ficke ich noch!"

Recht schnell war Noah S. dankbar für die massive Polizeipräsenz neben dem Zug. "Ich wurde ja ziemlich angegangen. Da war ich schon froh, dass sie mich abschirmten. Ein Beamter entschuldigte sich später noch bei mir, dass er mich zur Seite geschoben hatte. 'Aus Sicherheitsgründen!', betonte er." Nicht nur Noah S. bekam den Zorn der Demonstranten ab. Auch eine Bekannte, die neben ihm stand, wurde bedroht. Das Video zeigt, wie ein Bubi ihr zuruft: "Dich ficke ich noch!"

Der Clip vom Friedensmarsch hatte Folgen. "Auf der Facebook-Seite der Demo wurden Fotos von meiner Bekannten und mir hochgeladen. Kommentar: 'PKK-Presse bei der Arbeit'. So sollen wir als Urheber des Videos öffentlich angeprangert werden." Noah S. ist bewusst, dass er nun zum Hassobjekt von Extremisten geworden ist. Seinen Blog hat er sicherheitshalber zeitweise vom Netz genommen. Im Impressum war ursprünglich seine Adresse zu lesen. "Ich will ja meine Familie schützen."

Die Facebook-Seite von "Lacause" zeigt das Aufreger-Video weiterhin. Noah S. will die Skandal-Szenen vom "Friedensmarsch" weiter dokumentieren. Auch wenn der Clip mittlerweile auf deutschen Rechtsaußen-Seiten zu sehen ist. "Dagegen kann man leider nichts machen", sagt der Gymnasiast. "Aber ich möchte schon klarstellen, dass ich mich von allen Extremisten distanziere. Außerdem sollte niemand meinen, dass die Radikalen auf dieser Demo repräsentativ sind für alle Türken."

Von Anzeigen wegen Beleidigungen gegen die Demonstranten sieht Noah S. ab. Der Grund: „Der Anwalt des Beklagten hat Akteneinsicht und kann meine Adresse in Erfahrung bringen.“

Dass sein Video derart viel Aufsehen erregt, stachelt seinen journalistischen Ehrgeiz nur noch an. Noah S. hat noch einiges an unveröffentlichtem Filmmaterial vom "Friedensmarsch" in München. Demnächst will er auf "Lacause" eine längere Video-Reportage von den Vorfällen bei der Demo veröffentlichen.

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