Besuch im Garten

Gemeinschaftsgarten in Solln: Blütezeit im Sonnengarten

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München - Seit rund zwei Jahren wird im Sonnengarten gewerkelt. Mit sichtbarem Erfolg. Entstanden ist eine grüne und blühende Insel. Ein Gemeinschaftsgarten, der die Menschen zusammenschweißt.

Fast ein Jahr lang liefen sich Mitglieder des Haderner Kulturgartens und Bienengartens die Hacken wund. Wurden bei der Stadt und mehreren Bezirksausschüssen vorstellig. Denn der Pachtvertrag für die beiden Gemeinschaftsgärten wurde nicht verlängert. Um die Projekte vor dem Aus zu bewahren, begann eine lange und mühsame Suche nach Ersatzstandorten. Denn Flächen zum gemeinsamen Gärtnern sind in München kaum noch zu finden. Doch es gelang: In Pasing wurde ein 3000 Quadratmeter großer Nachfolgegarten geschaffen. Und auch in Solln ist ein neues Paradies entstanden.

An der Littmannstraße bleiben Passanten oft stehen. Denn dort fallen zwei bunte Inseln ins Auge. Ein städtischer Krautgarten und südlich davon der Sonnengarten, der Mitglied im Umwelt-Verein Ergon ist. Was dort wächst, sprießt und blüht, macht neugierig. Blumen, Gemüse und Früchte, teils auch Exotisches, all das gedeiht prächtig auf der 1400 Quadratmeter großen Fläche. „Wir wurden sogar schon gefragt, ob man bei uns was kaufen kann“, erzählt Adelheid Lange, Sprecherin des Sonnengartens. Kann man nicht. Aber schauen ist erlaubt. Fragen stellen auch.

Der Neuanfang in Solln war anstrengend. Spaß machte er den Hobbygärtnern trotzdem. Die Arbeiten auf dem seit Jahren brach liegenden Grundstück begannen im April 2014. Zunächst wurde ein Landwirt zum Pflügen, Mulchen und Eggen gefunden. Danach legten die ersten Nutzer unter dem Motto „Gemeinsam. ökologisch. Gärtnern. Neues erproben.“ los. Dabei trat auch einiges zutage, was dort nicht hingehörte. Scherben, Metall- und Betonteile, Bauschutt.

Fast alles ist erlaubt in den Parzellen - fast

Der Sonnengarten hat rund 25 verpachtete Parzellen, die von rund 70 Männern, Frauen und Kindern bewirtschaftet werden. Was sie in ihren 10 bis 90 Quadratmeter großen Gartenabschnitten anbauen, dürfen sie weitgehend selbst entscheiden. Fast alles ist erlaubt. „Das macht die Vielfalt aus“, sagt Lange. Tabu sind zum Beispiel hohe Bäume und Büsche. Und der Einsatz von Chemie bei Düngung und Pflanzenschutz.

Gleichzeitig wird auf die gemeinsame Gartenkultur großer Wert gelegt. Die Mitglieder tauschen sich aus, unterstützen sich, probieren Neues aus: Das Anlegen von Hoch- und Hügelbeeten zum Beispiel. Oder das Pflanzen in Mischkultur. Nicht immer läuft alles rund: „Es gibt, wie überall, auch im Sonnengarten Auseinandersetzungen zwischen einzelnen“, sagt Lange. Doch meist gelinge es, die Konflikte zu beheben. Manche hielten sich generell raus und hätten wenig Kontakt. „Wir sind also im zwischenmenschlichen Bereich recht normal“, sagt Lange mit einem Augenzwinkern.

„Die Nachfrage nach Parzellen in unserem Sonnengarten ist überwältigend“, sagt Lange. Doch im Moment ist bereits alles verpachtet. „Die Warteliste ist lang.“ Die Münchnerin hat vor kurzem in ihrer Parzelle Kümmel geerntet. „Wenn er selbstgezogen ist, hat er eine scharfe Note. Das kennt man sonst gar nicht.“ Das Ergebnis: der Kümmelquark in diesem Jahr ist geschmacklich ein Gedicht.

„Selbstangebautes schmeckt einfach viel besser"

Lange deutet auf eine buschige Pflanze: „Gewürzfenchel. Für Tee“, erklärt sie. Am Rand viele Heil- und Wildkräuter. Ein Thema, mit dem sich die Hobbygärtnerin intensiv beschäftigt hat. Sie weiß, welche wohltuende Kraft in vielen Pflanzen steckt. In Engelwurz zum Beispiel. „Man verwendet Wurzeln und Samen. Oder die Nachtkerze mit ihren schönen gelben Blüten. Sie wurde schon von den Indianern zur Linderung von Hautkrankheiten eingesetzt.

Von Anfang an dabei ist Lisa Pauli. Die Sollnerin hat auch zu Hause einen kleinen Garten. „Aber der reicht nicht“, sagt die 66-Jährige. „Im Ruhestand hat man mehr Zeit.“ Was sie besonders an ihrem Hobby schätzt: „Selbstangebautes schmeckt einfach viel besser.“ Außerdem mag sie die entspannte Atmosphäre im Sonnengarten. „Dort zu sein, ist reinste Meditation.“

Für Thekla Lautenschlager sind es auch die kleinen Erfolge, die den Reiz ausmachen. Der erste geerntete Mangold. Zu sehen wie ein kleiner Kürbis immer größer wird. „Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man im Sonnengarten ist“, erzählt die 61-Jährige. Ein Ort mit Magnetwirkung. „Eigentlich will man nur kurz zum Gießen vorbeikommen und ist doch mehrere Stunden da.“ Weil es so schön ist. Edith Ritter nickt. Sie ist fast jeden Tag im Sonnengarten: „Ich bin mit Leib und Seele Hobbygärtnerin.“

Selbst ist der Mann: Ali Koc repariert ein Gartengitter. 

„Wir verstehen uns hier fast alle gut“, sagt Ali Koc. Anfangs habe er nur Blumen gepflanzt. Später kam immer mehr dazu: Kräuter, Buchweizen, Erd- und Brombeeren, herrlich duftende Pfefferminze, Gurken, Kürbisse. Der 60-Jährige kümmert sich im Sonnengarten nicht nur um seine Parzelle, sondern auch um Handwerkliches. Zum Beispiel hat er beim Verlegen der Wasserleitung entscheidend mit angepackt.

Das Gartenprojekt macht nicht nur Erwachsene glücklich. Die Zwillinge Veronika und Florian sind jedenfalls ganz in ihrem Element. „Sie wollten unbedingt Hobbygärtner werden, dafür wurde das Fensterbrett irgendwann zu klein“, erzählt ihre Mutter Ingrid Winkle. Jetzt pflegen sie alle zusammen eine 18 Quadratmeter große Parzelle. Dass sie dort so viel ausprobieren können, finden die beiden Neunjährigen toll. Stolz sind sie auch. Die Apfelbeere blüht zum ersten Mal. Daneben üppige Zuckererbsen, Jochelbeere, Kohlrabi, Topinambur und mehr. Gerade stoppt wieder jemand am Zaun und staunt. Der Sonnengarten, ein Feld der fast unbegrenzten Möglichkeiten.

Brigitta Wenninger

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