Der große Faktencheck

Ungerechtigkeit, Flüchtlinge, Kriminalität: Das macht uns Angst

München - Sorgen um die Zukunft und Ängste in Bezug auf Flüchtlinge und Überfremdung beschäftigen die Deutschen. Wir haben mit den Menschen gesprochen und den Faktencheck gemacht.

Immer mehr Menschen der mittleren Generation in Deutschland ­sorgen sich massiv – das zeigt eine Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft. Paradox: Die meisten der Befragten schätzen ihre persönliche Situation als gut ein. Die tz zeigt Ergebnisse der Studie, unterzieht sie einem Fakten-Check und hat die Münchner gefragt, was ihnen Angst macht:

Kluft zwischen eigener Situation und gesellschaftlicher Einschätzung: Die Generation Mitte ist mit ihrer eigenen Lebenssituation äußerst zufrieden. Exakt drei Viertel schätzen diese als gut (64 Prozent) oder gar als sehr gut (11 Prozent) ein. Weniger gut sagen 20 Prozent, gar nicht gut nur 3 Prozent – 2 Prozent können sich nicht entscheiden. Trotz dieser allgemein positiven Stimmung sehen die 30- bis 59-Jährigen äußerst skeptisch in die Zukunft. 43 Prozent sehen den kommenden zwölf Monaten mit Hoffnung entgegen, 42 Prozent mit Skepsis. Noch vor einem Jahr hatte sich ein völlig anderes Bild gezeigt – da waren die Hoffnungsvollen mit 57 Prozent deutlich in der Mehrheit vor 30 Prozent Skeptikern. Die generelle Stimmung war zuletzt zur Finanzmarktkrise 2008 so schlecht.

Die größten Ängste: Auch bei den größten Gefahren für die Entwicklung Deutschlands in den kommenden zehn Jahren gehen die Meinungen erstaunlich weit auseinander. Auf Platz Eins steht die Sorge, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich größer werden (68 Prozent). Ebenfalls 68 Prozent machen sich Sorgen wegen steigender Fremdenfeindlichkeit, während gleichzeitig 64 Prozent befürchten, dass zu viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Ebenfalls besorgniserregend: terroristische Anschläge (65 Prozent), steigender Rechtsextremismus (58 Prozent und die Wirtschaftslage der Eurozone (57 Prozent).

Altersarmut: Obwohl die 30- bis 59-Jährigen ihre aktuelle Situation mehrheitlich positiv bewerten, sorgen sie sich um ihre materielle Absicherung. Die größte Sorge ist, dass sie ihren Lebensstandard im Alter nicht halten können (60 Prozent). 44 Prozent sorgen sich darum, dass ihr Einkommen in den nächsten Jahren nicht ausreichen können und 37 Prozent davor, dass Einkommen und damit Lebensstandard sinken könnten. Interessant: Die Sorge vor Arbeitslosigkeit ist mit 29 Prozent deutlich geringer ausgeprägt. Die wichtigste Forderung für mehr Gerechtigkeit: „Gleiche Bezahlung für gleiche Leistung.“ (72 Prozent)

Kriminalität: 68 Prozent nehmen an, die Zahl der Verbrechen habe zugenommen. Köcher sprach von einer „unglücklichen Situation“, dass die Flüchtlingswelle mit wachsender Besorgnis um die innere Sicherheit zusammengetroffen sei. So sei der Anteil derer, die sich vor wachsender Kriminalität wegen der Zuwanderung sorgen, von 40 vor zwei Jahren auf nun 52 Prozent gestiegen. Fast zwei von drei meinen, dass auch Anhänger terroristischer Gruppen nach Deutschland kommen. Zugleich ist die Zahl derer gestiegen, die sagen, Zuwanderung tue der Gesellschaft gut – nämlich von 23 auf 30 Prozent.

Integration: Skeptisch sind die 30- bis 59-Jährigen hinsichtlich der Integrationschancen für die Flüchtlinge, die in den letzten zwölf Monaten ins Land gekommen sind. 67 Prozent schätzen diese Chance als weniger bis gar nicht gut ein. Interessant: Die befragten Personen mit Migrationshintergrund sind mit 60 Prozent ähnlich skeptisch wie die Gesamtgruppe. Mk

Das empfinden die Menschen

Der Selbstvorsorger
Ganz persönlich beschäftigt mich das Thema Rente besonders. Durch den ­demografischen ­Wandel wird der Staat später ja nicht mehr viel für die Rentner übrig haben. Ich sorge daher lieber selbst vor – alles andere wäre auch wirklich leichtsinnig.

Steffen Hinze (37), Teamleiter, München.

Natalia Schader.

Terror
Ich mache mir Sorgen um die Zukunft meiner Kinder. Es ist nicht gerade die schönste Zeit, um aufzuwachsen. Was in der Welt passiert – vor allem der ganze Terror –, macht mir Angst. Ich wünsche den Kindern ein friedliches Leben.

Natalia Schader (31), Psychologin, München.

Das Alter
Was uns nachdenklich stimmt, sind das Gesundheitssystem und die realitätsfremde Politik. Vorbeugende Untersuchungen werden oftmals nicht von der Krankenkasse bezahlt, Altenheime werden immer teurer. Wir wollen später mal auf keinen Fall unseren Kindern auf der Tasche liegen.

Ellen und Burhan Eyesabuncular (60 und 62), Verkäuferin und Architekt, Bielefeld

Richard Zimniak.

Konkurrenz um Arbeit
Besonders mein weiteres Berufsleben beschäftigt mich sehr. Dadurch, dass Arbeitsplätze immer mehr in Billiglohnländer ausgelagert werden, sehe ich ein großes Problem. Man muss als qualifizierte Arbeitskraft um seinen Platz kämpfen.

Richard Zimniak (49), Selbstständiger, Scharndorf (Österreich)

Ulrike Hellmaier.

Hält das Miteinander?
Die große Zuwanderung in den letzten Jahren macht mir ein mulmiges Gefühl. Ich frage mich, wie es weitergehen soll. Wenn verschiedene Kulturen aufeinander treffen und kein gutes Zusammensein ensteht, gibt es großes Potenzial für soziale Probleme.

Ulrike Hellmaier (40), Arzt­helferin, München

Der Fakten-Check

Kriminalität: Die Kriminalstatistik der Münchner Polizei zeigt: Die Zahl der Straftaten 2015 stieg um 18,7 Prozent auf 145 584 Delikte. Das beruht aber fast nur auf dem Anstieg der Strafanzeigen nach dem Aufenthaltsgesetz, betont die Polizei. Sie ist gesetzlich verpflichtet, jeden Asylbewerber erstmal anzuzeigen. Ohne diesen Fakt ging die Anzahl der Straftaten um 4,2 Prozent auf insgesamt 104 134 Delikte zurück. Für die Polizei ein „bemerkenswerter Tiefstwert“: Denn trotz Bevölkerungszuwachs ist das im Zehnjahresvergleich ein Rückgang um 14,1 Prozent. Polizeipräsident Hubertus Andrä: „München ist und bleibt somit die sicherste Millionenstadt Deutschlands.“

Altersarmut: Vor 13 Jahren waren 258 000 Deutsche im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen – mittlerweile sind es rund 550 000. Sie bekommen also vom Staat einen Zuschuss, damit sie wenigstens das Sozialhilfeniveau von rund 400 Euro im Monat erreichen. Und selbst wer jahrzehntelang in Vollzeit arbeitet, ist heute wegen der geplanten weiteren Absenkung des Rentenniveaus von derzeit 47,9 auf 43 Prozent bis zum Jahr 2030 von Altersarmut bedroht. Beispiel nach DGB-Zahlen: Eine Verkäuferin mit 1948 Euro Monatslohn bekäme, wenn sie im Jahr 2030 nach 40 Arbeitsjahren in Rente geht, nur noch 679 Euro.

Zuwanderung: 2015 kamen mehr als 2,1 Millionen Menschen zu uns, vor allem aus den Kriegsregionen – 672 000 Menschen, bzw. 46 Prozent mehr als 2014. Über zwei Millionen besaßen einen ausländischen Pass, die meisten davon waren Syrer (310 000). Die Mehrheit lebt friedlich hier: Die Zahl der durch Zuwanderer verübten Straftaten ging heuer um 18 Prozent zurück. In mehr als der Hälfte der 69 000 Fälle ging es um Diebstähle und Fälschungsdelikte. Zuwanderung als Jobmotor: Die Zahl der Arbeitsplätze, die durch Selbstständige mit Migrationshintergrund geschaffen wurden, ist zwischen 2005 und 2014 um mehr als ein Drittel auf 1,3 Millionen Stellen gestiegen.

Terrorgefahr: Paris, Brüssel, Nizza – und zuletzt Würzburg und Ansbach: Der Terror hat Deutschland erreicht. Laut Bundeskriminalamt (BKA) steigt die Zahl der Flüchtlinge, die unter Terrorverdacht stehen. Derzeit liegen 410 Hinweise vor. Laut BKA ist die Terrorgefahr bei uns weiter hoch, aktuell lägen aber keine konkreten Hinweise auf Anschläge vor. 840 islamistische Extremisten seien nach Syrien gereist, um mit dem IS zu kämpfen, gut ein Drittel sei wieder hier. Die Ausgaben für Sicherheitsbehörden und Polizei sollen 2017 gegenüber heuer um rund 253,5 Millionen Euro sowie um 2000 neue Planstellen steigen.

Rubriklistenbild: © IMAGO

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