LKA-Spezialisten retten junge Menschen

In den Fängen des IS: Für Elif kam die Hilfe zu spät

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Elif Ö. aus Neuried ist verschwunden.

München - Erfahren Sie hier, wie Spezialisten helfen, junge Menschen aus den Fängen radikaler Organsiationen zu befreien. Leider gab es das „Kompetenzzentrum für Deradikalisierung“ damals noch nicht, als Elif (15) floh.

An einem Frühlingstag im April 2014 legte das Mädchen Elif (damals 15) das Zungenpiercing ab, zog die High Heels aus und überraschte ihre Eltern und Geschwister mit der Eröffnung, das lange Blond-Haar fortan unter einem Kopftuch zu verbergen. Kein Problem für die moderne, türkische Familie aus dem Landkreis München, die dem Glauben der Tochter nicht im Wege stehen wollte. In den folgenden Monaten jedoch machte Elif eine tiefgreifende Wandlung durch. Sie kümmerte sich nicht mehr um Freunde, Hobbys, Mädchenthemen. Das ganze Denken, Fühlen und Handeln des ehemals lebensfrohen Teenagers kreiste nur noch um den Koran. Zudem zeigte sie unverhohlene Sympathie für radikale und gewaltbereite Organisationen.

Team erarbeitet Hilfestellung für Eltern 

Spätestens an diesem Punkt hätten bei Fachleuten wie Kriminaloberrat Holger Schmidt (42) vom Bayerischen Landeskriminalamt sämtliche Alarmglocken geklingelt. Doch leider gab es das „Kompetenzzentrum für Deradikalisierung“ damals noch nicht. Mit seinem Team erarbeitete Holger Schmidt mittlerweile diverse Hilfestellungen für Eltern, Lehrer und Institutionen, um den gefährlichen Kreislauf der drohenden Radikalisierung von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden zu durchbrechen. Ob die Polizisten Elif damals noch hätten retten können, ist fraglich. Das Mädchen befand sich im Frühjahr 2015 wahrscheinlich schon in der vierten und damit höchsten Stufe des Radikalisierungs-Kreislaufes: der Manifestation.

Fälle wie diese zeigen: Je früher Fachleute zu Hilfe gerufen werden, umso besser. Eine Erkenntnis, die am 1. September 2015 im LKA zur offiziellen Inbetriebnahme des Kompetenzzentrums für Deradikalisierung führte. Es ist Bestandteil des Bayerischen Netzwerkes für Prävention und Deradikalisierung gegen Salafismus – einem in dieser Form bundesweit einmaligen Zusammenschluss von Ministerien, Sicherheitsbehörden und Institutionen.

Hier können sich Betroffene melden

Als Ansprechpartner für den Bürger steht neben jeder Polizeidienststelle und dem Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (Tel.: 0911/9434343) vor allem der Verein Violence Prevention Network (Tel.: 0461/393119) – ein Verbund erfahrener Fachkräfte in der Jugendarbeit – zur Verfügung. Nur in besonders problematischen Fällen schaltet sich das LKA in Gestalt von Holger Schmidt und seinem achtköpfigen Team dazu. Dann wird entschieden, ob tatsächlich die Polizei eingreifen muss oder zunächst Gesprächsangebote greifen könnten.

Das LKA-Team war in den letzten Monaten viel auf Reisen, um das Projekt bayernweit bekannt zu machen. In Schulen und Gefängnissen, in Jugend- und Kirchen-Institutionen, auch bei den Imamen und Moscheekontaktbeamten, die das Vertrauen der muslimischen Gemeinden haben: „Ich bin gerade dort auf große Zustimmung gestoßen. Dies ist ein Projekt, das alle Gesellschaftsschichten anspricht, ganz egal welchen Glaubens. Denn es geht um nichts Geringeres als um unsere Kinder. Und jedes gerettete junge Leben ist jeden Aufwand wert.“

Laut Verfassungsschutzbericht zählen in Deutschland derzeit rund 8500 Menschen zur Szene des extremistischen Salafismus. 800 sind ausgereist nach Syrien und 150 sind schon umgekommen. Allein in Bayern zählen rund 600 Menschen zu dieser Szene, von denen 80 ausgereist und acht tot sind. Anfangs waren es mehr junge Männer, mittlerweile folgen auch Mädchen und Frauen den romantisch idealisierten Verlockungen. Nicht mehr nur als „Bräute“ des IS, sondern auch für den bewaffneten Kampf. Die meisten sind um die 20 Jahre alt, einige minderjährig, viele gerade mitten in der Pubertät und damit sehr empfänglich für Einflüsse von außen. „Vor allem dann, wenn es Probleme in der Schule, in der Familie, in der Entwicklung und vielleicht auch mit der Polizei gab.“ Der Palästinenser Ahmed Mansour, selbst einst Islamist und heute Psychologe in Berlin, prägte den – hoffentlich nie wahr werdenden – Satz: „Salafisten sind die besseren Sozialarbeiter.“

Werbevideos auf Youtube

Auf dem Videoportal Youtube kursieren hochprofessionell gemachte Werbe-Videos, deren waffenstarrende Bilder eine gefährlich romantisierte Propaganda aus Freiheit, Abenteuer und Heldenmut suggerieren. Filme, die per Whatsapp und Facebook auf Schulhöfen kursieren und selbst den idealisierten Märtyrertod nicht aussparen: „Wir kennen Nahaufnahmen von Gesichtern der IS-Kämpfer, denen die Mundwinkel im Tode zu einem entrückten Lächeln hochgezogen wurden. Damit wird suggeriert, dass sie glücklich ins Paradies gegangen sind.“ Nicht jeder Bub, der sich solche Videos anschaut oder jedes Mädchen, das sich für den Koran interessiert, ist automatisch in Gefahr.

„Die Erfahrung lehrt uns: Vier von fünf Schülern wenden sich bald neuen Themen zu. Aber einer ist vielleicht beeindruckt.“ Bei konfliktbeladenen Jugendlichen können die perfiden Willkommens-Botschaften der Extremisten auf fruchtbaren Boden fallen: „Das ist wie das Sekten-Prinzip, das den Schwachen suggeriert: Du bist wichtig. Du wirst gebraucht.“ So kann sich über wenige Wochen und Monate eine gewisse Form der Hirnwäsche verselbstständigen, die sich zunächst über die für Außenstehende kaum erkennbare Stufe 1 der Präradikalisierung zur Identifizierung (Stufe 2) bishin zur Indoktrinierung (Stufe 3) und dann zur kaum noch beeinflussbaren Manifestation (Stufe 4) entwickelt.

So können Eltern und Lehrer eingreifen

Bereits in Stufe 2 können Eltern und Lehrer aktiv und oft auch erfolgreich eingreifen. Ihnen sollte auffallen, dass ein Schüler plötzlich den IS spannend findet, für Waffen und Macht schwärmt, die strengste Auslegung der Scharia (das religiöse Gesetz des Islam) befürwortet oder sich einen muslimischen Namen zugelegt hat. In diesem Stadium können die Mitglieder des Vereins Violence Prevention Network (VPN) hilfreich eingreifen – z. B. mit gezielten Gruppengesprächen in der Schule und der Einbeziehung von Freunden und Vertrauenspersonen. Die Arbeit mit dem Betroffenen und seinen Angehörigen ist die eigentliche Herausforderung und das Ziel der VPN-Mitarbeiter. In den Stufen 3 und 4 – wenn die jungen Leute bereits persönliche Kontakte zu salafistischen Extremisten geknüpft haben, aktiv an Veranstaltungen wie öffentlichen Koranverteilungen von bekannten Salafisten teilnehmen und vielleicht schon heimlich die Ausreise nach Syrien planen, greifen die Mitarbeiter des Kompetenzzentrums ein. Für die mittlerweile 17-jährige Elif kam dieses Konzept zu spät.

Sie floh im Februar 2015 heimlich über die Türkei nach Syrien und heiratete einen IS-Kämpfer. Die einzig gute Nachricht ist, dass sie lebt. Sie meldet sich zuweilen über soziale Netzwerke. Auf ihre Rückkehr zu hoffen, ist derzeit eher unwahrscheinlich. Und doch könnten verloren geglaubte junge Leute wie Elif einmal an einen Punkt geraten, an dem sie zweifeln oder ihre Sehnsucht nach Sicherheit und der verlassenen Familie daheim in Deutschland übermächtig wird. Vielleicht können sie die Wirren des Krieges in Syrien doch eines Tages zur Flucht nutzen. Dann werden Holger Schmidt, seine Kollegen und die VPN-Berater zur Stelle sein.

Dorita Plange

Dorita Plange

E-Mail:Dorita.Plange@tz.de

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