Musikstars im Interview

Sportis und Niedecken: WIR schaffen das!

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Wolfgang Niedecken (l.) und die Sportfreunde Stiller (r.) machen mit beim WIR-Konzert.

München - Sonntag ab 17 Uhr steigt WIR - das Gratiskonzert für die vielen Flüchtlingshelfer. Vor dem Spektakel auf dem Königsplatz stehen hier die Sportfreunde Stiller und Wolfgang Niedecken Rede und Antwort.

Ganz Deutschland diskutiert über die aktuelle Flüchtlingssituation. „Wir schaffen das!“, macht Kanzlerin Angela Merkel Mut. „Wir schaffen das nicht!“, ächzt Ministerpräsident Horst Seehofer. Während die Politik debattiert und die richtigen Antworten schuldig bleibt, packen die Künstler an und setzen Sonntag ab 17 Uhr auf ein musikalisches Zeichen. WIR – Stimmen für geflüchtete Menschen lockt 24 000 Menschen auf den Königsplatz.

Mit Kleinkunstmacher Till Hofmann und den Sportfreunden Stiller an der Spitze und zusammen mit der Landeshauptstadt München ist es gelungen, ein Gratis-Konzert auf die Beine zu stellen. Es ist als Dankeschön an die vielen Helfer gedacht. Und natürlich steht das Konzert auch unter dem Motto: Refugees welcome – auch Flüchtlinge sind willkommen.

Das WIR-Gespräch mit den Sportis und Niedecken:

24 000! Eine Menschenflut auf dem Königsplatz als beeindruckendes Zeichen, dass die ankommenden Flüchtlinge bei uns willkommen sind. Wie sehr beeindruckt euch diese Resonanz?

Sportfreunde: Erst mal waren wir massiv beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und solidarischen Empathie vor einigen Wochen, als viele Münchner Bürger an den Bahnhöfen und weiteren Empfangsorten für geflüchtete Menschen spontane Hilfe leisteten. Diese anfängliche positive Erkenntnis ebbte durch negative Nachrichten aus verschiedenen Lagern sowie einigen polemischen wie saudummen Aussagen aus politischen Lagern ab. Umso toller, dass wir am Sonntag die positiven humanen Handlungsweisen hochleben lassen. Vielmals danke an alle Beteiligten hierfür!

Niedecken: München hat wirklich ein Zeichen gegeben, für Europa und für die ganze Welt. Was da vor ein paar Wochen bei diesem großen Ansturm am Hauptbahnhof passiert ist, ist ein historisches Ereignis, das auch in einigen Jahrzehnten noch ein Beispiel für grenzenloses Miteinander sein wird. Als mich der Till Hofmann angerufen hat, waren wir gerade auf dem Weg zum Spiel des 1. FC Köln gegen Borussia Möchengladbach. Ich finde die Idee wunderbar und freue mich auf Sonntag!

Was wird es Sonntag von euch alles zu hören geben?

Sportfreunde: Bühnenregel Nr. 666: Verrate nie vor dem Auftritt deine Setliste! Aber: Wir haben ordentlich geprobt. Leute, ihr könnt euch auf tolle und außerordentliche Sportfreunde-Musik freuen. Wir sind zum ersten Mal auf dem Königsplatz – und das zu diesem Anlass: Fantastisch! Wichtig ist, dass ihr alle pünktlich da seid. Denn wer wann drankommt, ist ebenfalls eine Überraschung. Und: Wenn jemand eine Karte hat und nicht kommt: Bitte unbedingt weitergeben, damit es voll wird!

Niedecken: Es gibt Wolfgang Niedecken featuring Schmidbauer & Kälberer. Mit meinen alten Freunden spiele ich Für ne Moment und die Kölner Hymne Arsch huh, Zäng usseinander. Arsch hoch, helfen! Das passt doch, oder? Mit uns auf der Bühne ist der Münchner Brasilianer und Saxofonspieler Marcio Tubino. Auftritte in München sind immer super. Ich freue mich deshalb auch schon, wenn ich auf meiner Tour dort Station mache!

München zeigt immer wieder ein buntes Gesicht, gegen Fremdenhass, gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung. Habt ihr Angst, dass die Stimmung im Land kippt?

Sportfreunde: Angst haben wir nicht. Gerade die in der Frage integrierte Aufzählung beweist, dass wir in Deutschland genügend Antrieb von geistig wachen und vernünftigen Menschen haben. WIR, die ein offenes, friedliches und kulturübergreifendes Leben fern jeglicher Ausgrenzung anstreben, sind viel, viel mehr als der zündelnde Mob. Nichtsdestotrotz muss man die Ängste unsicherer Bürger wahrnehmen, diesen Menschen glaubwürdig Alternativen und Chancen zu einem großen Miteinander aufzeigen. Hierzu muss natürlich die Politik die wegweisenden Beiträge leisten.

Niedecken: Das große Kunststück wird es sein, den rechtsradikalen Lagern keinen Zulauf zu verschaffen. Und deshalb sollten die Politiker der verschiedenen Parteien lieber zusammenarbeiten, anstatt vorgezogenen Wahlkampf zu veranstalten. Die Flüchtlingsfrage hat mit politischen Positionen nichts zu tun. Es erfordert allein der Anstand, dass man diesen Leuten hilft.

Könnt ihr die Bedenken von vielen Helfern und Bürgern verstehen, die sagen: „Die Grenze des Belastbaren ist erreicht“?

Sportfreunde: Aber natürlich. Gerade die Helfer sind durch ihre Nähe am Geschehen bestens im Blick, wie der Stand der Dinge einzuschätzen ist. Darauf muss gehört und reagiert werden. Nur nützt es dann nicht, den stumpfen Parolen der rechtsgelagerten Politiker zu folgen und Mauern und Stacheldraht zu errichten, sondern in spontanen, möglichst schnellen Lösungen in jedem Segment die Einhaltung des Asylrechts eines jeden zu garantieren.

Niedecken: Ja natürlich, denn sie leisten Außergewöhnliches. Sie müssen unterstützt werden. Und allein sie können stolz auf sich sein, was sie da Tag für Tag schaffen. Es ist eine historische Aufgabe, doch das Land hat schon einmal bewiesen, dass so was geht. Meine Schwiegereltern stammen aus Ostpreußen und Schlesien, sie sind nach dem Krieg in Bayern heimisch geworden. Integration funktioniert auch im Freistaat.

Wie zufrieden oder enttäuscht seid ihr von der Politik?

Sportfreunde: Die Haltung der Kanzlerin ist bemerkenswert, ihr gebührt jegliche Unterstützung. Nur darf die ankommende Welle keine rein deutsche Aufgabe sein, sondern eine europäische. Ferner kann man getrost einmal darüber sprechen, wer denn für diese Flüchtlingsströme verantwortlich ist. Somit müssten auch England und Amerika sich schleunigst ihrer Verantwortung bewusst werden.

Niedecken: Es macht mich wütend, wenn die Parteien mit dem Flüchtlingselend vorgezogenen Wahlkampf machen. In dieser Situation kann man nur auf Sicht fahren. Keiner weiß, wie viele morgen kommen oder gar in vier Wochen. Die Kanzlerin schlägt sich gut, da bin ich überrascht. Sie hat sich endlich einmal hingestellt und wie eine Mutti gesagt: „Wir machen das jetzt so, wie es sich gehört!“ Was hingegen die CSU da bei euch in Bayern macht, ist reine Stammtischpolitik. Das macht sie ja gerne, doch das ist populistischer Unfug. Im Freistaat muss man einsehen, dass wir eine Bundesrepublik sind und Bayern ein Teil davon.

Letzte, logische Frage: Schaffen wir das?

Sportfreunde: Jede kleinste Geste hilft, jede große Hilfe sowieso. Dann schaffen WIR das!

Niedecken: Ja! Wenn wir zusammenarbeiten – und zwar in ganz Europa. Das Thema wird uns über Jahre beschäftigen. Vor allem die Länder im Osten müssen kapieren, dass Europa nicht nur eine Zugewinn-, sondern auch Solidargemeinschaft ist.

Sie sind auch dabei

Neben den Sportis und Niedecken bekommen die Musikfans unter anderem The Notwist, Fettes Brot, Dreiviertelblut, Blumentopf und Bosse zu hören sowie Superstar Herbert Grönemeyer! Und Werner Schmidbauer und Martin Kälberer spielen nicht nur mit Niedecken, sondern auch ihr Flüchtlingslied „Die ganz große Kunst“. Einlass ist ab 16 Uhr. „Bitte viel zu früh als kurz zu spät kommen“, empfiehlt Till Hofmann. „Es geht mit einem Knaller los!“ Auf br.de gibt es einen Livestream.

Stefan Dorner

Stefan Dorner

Stefan Dorner

E-Mail:stefan.dorner@tz.de

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