Knapp drei Monate nach Bluttat in Obergiesing

Stalking-Mord: Roland B. beim Pilgern geschnappt

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Seit August wurde nach Roland B. gefahndet. 

München/Madrid - Roland B. (44), der in Verdacht steht, seine Ex-Freundin im August in Obergiesing getötet zu haben, ist in Spanien verhaftet worden. Das teilte die Polizei München am Donnerstag mit.

Selbst die Münchner Mordkommission hat es kaum mehr für möglich gehalten, den mutmaßlichen Mörder der Obergiesinger Architektin Tsin-ieh L. († 45) noch lebend zu finden. Seit 16. August wurde Roland B. (45) per europäischem Haftbefehl von der Polizei gejagt – alle Spuren verliefen im Sand. Am Dienstag die Sensation: B. flog in Spanien auf!

Nachdem er seine Ex-Freundin nach jahrelangem Stalking-Horror im Flur ihres Wohnhauses brutal niedergestochen haben soll, flüchtete B. zur nächsten U-Bahnstation und tauchte von dort aus unter. Eine Woche später meldete ein Hüttenwirt aus der Nähe von Berchtesgaden, B. hätte für sich und Freunde reserviert. Doch dort tauchte er allerdings nie auf.

Die Ermittler weiteten ihre Suche aus, fahndeten mit Fotos nach dem mutmaßlichen Mörder. Sogar die ZDF-Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst griff den Fall auf. Entscheidende Hinweise blieben aber aus.

Dass B. nun auf dem 2000 Kilometer entfernten Jakobsweg geschnappt wurde, liegt daran, dass er einen entscheidenden Fehler gemacht hat. Mit seinem Personalausweis buchte er eine Unterkunft auf halber Strecke des Jakobswegs. Jetzt will die Staatsanwaltschaft München ihn nach München überführen.

Wir zeigen die Stationen einer rätselhaften Flucht:

München, 16. August: Tsin-ieh L. (†45) wird erstochen

Tsin-ieh L. (†45), die zierliche Architektin aus Obergiesing, ging in den vergangenen Jahren vor ihrem grausamen Tod durch die Hölle.

Ihr Ex-Freund, der heute dringend tatverdächtige Roland B. (45), verfolgte sie nach der Trennung im Jahr 2009 auf Schritt und Tritt. Nach der Trennung zog L. nach Wolfratshausen und wechselte auch danach innerhalb Münchens zwei Mal ihre Wohnung. Zuletzt lebte sie in der Bayerischzeller Straße in Obergiesing.

Doch ihren Ex-Freund wurde sie nicht los. Sie weihte Nachbarn ein, erzählte von ihren Ängsten. B. stellte ihr über das Telefon nach, verfolgte sie im Supermarkt, schickte ihr unheimliche Pakete. Im Sommer 2015 nahmen seine Stalking-Attacken zu. Ein Jahr später schleicht er sich nach Ermittlungen der Mordkommission in das Wohnhaus in Obergiesing, Tsin-ieh L. war da gerade im Flur. Mit einem 25 Zentimeter langen Messer soll B. auf sie eingestochen haben. Die Waffe ließ der Täter zurück. Seitdem war der mutmaßliche Mörder auf der Flucht.

Einige Augenzeugen wollen ihn erkannt haben, als er in Richtung U-Bahnstation Untersbergstraße lief. Später fanden Ermittler in seinem Appartment im Glockenbachviertel seine blutverschmierte Kleidung und sein Handy. Vom Verdächtigen fehlte eine Woche lang jede Spur.

Berchtesgaden, 20.8.

Hatte sich der mutmaßliche Mörder in den Bergen verschanzt? Davon gingen Ermittler zunächst aus. In seiner Wohnung stießen sie auf Hinweise, dass Roland B. die Berge liebt. Weil er sein Handy zurückließ, war eine Ortung unmöglich.

Daher hatte die Polizei auf allen bayerischen Berghütten Fahndungsplakate mit B.s Foto ausgehängt – auch im Purtschellerhaus am Hohen Göll bei Berchtesgaden. Bei Wirt Sepp König hatte B. bereits im März eine Übernachtung für den 20. August – also vier Tage nach dem Mord – gebucht.

Doch aufgetaucht ist B. auf dieser Hütte nie. Die Spur, die so vielversprechend schien, hatte sich in Rauch aufgelöst …

Villadangos, 8. November

Am Donnerstag meldet die Münchner Mordkommission: Roland B. ist gefasst! Wir haben erfahren: Der 45-Jährige ist in Spanien enttarnt worden, als er versuchte, ein Zimmer in einer Pilgerherberge auf dem Jakobsweg zu buchen. Bei seiner Anmeldung schlug die europäische Verbrecherdatenbank Alarm.

„Gesprächig war er nicht“, sagt Jorge Pena, Chef der Pilger­unterkunft im kleinen Örtchen Villadangos del Paramo auf tz-Nachfrage. „Der Mann wollte ein Zimmer. Er war müde von seinem langen Fußmarsch“, erzählt der Spanier. Roland B.flüchtete also offenbar in den Süden und machte sich zu Fuß auf den langen Weg zu einer heiligen Wanderung. Suchte der Mann, der seine Freundin erstochen haben soll, etwa Halt im Glauben?

Es spricht einges dafür: Schon kurz nach der Tat wurde bekannt, dass B. gerne reist. Am liebsten ist er in den Bergen unterwegs. Der rund 800 Kilometer lange Jakobsweg zwischen Pamplona und Santiago de Compostela passt durchaus ins Bild. In der Unterkunft auf halber Strecke tauchte er am Dienstag gegen Mitternacht alleine auf. Er trug einen Rucksack auf den Schultern, sah abgekämpft aus. Als Jorge Pena die Daten von B.s Personalausweis ins System einspeiste, wurde ihm sein Hotelgast als europaweit zur Fahndung ausgeschriebener Verbrecher ausgespuckt. Sofort rief der Inhaber der Herberge die zuständige Polizeidienststelle in der Provinz León.

Doch wie schaffte er es überhaupt, unerkannt 2000 Kilometer quer durch Europa zu reisen? Fragen, die sich jetzt vor allem die Ermittler stellen. „Wir gehen fest davon aus, dass es sich um Roland B. handelt“, sagte gestern Herbert Linder, Vize-Chef der Münchner Mordkommission. Da es von B. allerdings keine verwertbaren Fingerabdrücke gibt, soll eine DNA-Analsyse in Deutschland die endgültige Gewissheit über seine Identität bringen.

Die Staatsanwaltschaft will schnellstmöglich B.s Auslieferung nach München beantragen. Nach Auskunft der spanischen Behörden wurde der mutmaßliche Stalking-Mörder in der Zwischenzeit nach Madrid gebracht, wo er in U-Haft sitzt.

Johannes Heininger, Alejandro Menzel López

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