Star-Verteidiger spricht über seine und andere Fälle

tz-Interview: "Das Urteil gegen Hoeneß war überflüssig"

+
Ufer in seiner Kanzlei.

München - Er ist einer der prominentesten Anwälte der ganzen Republik – und einer der erfolgreichsten Strafverteidiger. Jetzt hat der Münchner Jurist Steffen Ufer (75) ein Buch über seine spannendsten Fälle geschrieben. Das tz-Interview:

Sie haben in 50 Berufsjahren 10 000 Mandanten vertreten. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Fall?

Steffen Ufer: Das war in Bayreuth: der Mord in der Badewanne eines US-Oberstleutnants. April 1966. Ich war noch Referendar und durfte Rolf Bossi tageweise vertreten. Der Staatsanwalt hatte lebenslang gefordert. Am Ende haben wir einen Freispruch erreicht und konnten nachweisen, dass der Soldat schizophren war.

Was waren Ihre größten Erfolge?

Ufer: Dazu gehört sicher der Fall Dr. Mauser. Er war Opfer eines Kunstfehlers und nach einer Routine-OP querschnittsgelähmt. Aber der Orthopäde sagte: „Ihnen ist nicht mehr zu helfen und mir können Sie nichts beweisen.“ Als ich das hörte, war ich motiviert. Wir erreichten, dass er nicht mehr operieren durfte und Mauser erhielt eine halbe Million Mark Schmerzensgeld. Eine Sensation – zu einer Zeit, in der Patienten noch nicht mal Einsicht in die eigene Akte bekamen.

Was noch?

Ufer: Der Fall Klaus Grossart. Er soll seine Frau, eine Edel-Prostituierte, getötet haben. 17 Jahre später stellte sich heraus, dass er unschuldig war, weil man den wahren Täter gefunden hatte. Noch bei seiner Pensionsfeier bedankte sich der Richter bei mir: „Sie haben mich vor dem schlimmsten Fehlurteil meiner Karriere bewahrt.“

Sie haben auf der ganzen Welt verteidigt. Und oft erwähnt, dass die bayerische Justiz am härtesten ist …

Ufer: Das stimmt. Hier wird bei den Strafen kräftig zugelangt. Vielleicht auch, weil ein Staatsanwalt oder Richter Karriere machen will.

Auch bei Hoeneß? Der kommt im Buch nicht vor …

Ufer: Er möchte das nicht. Ich kenne ihn lange – und wir haben ein sehr gutes, persönliches Verhältnis. Ich habe Herrn Hoeneß im Strafvollzug betreut und letztlich zur Entlassung zur Halbstrafe verholfen, die er auch zurecht erhalten hat: aufgrund seiner Selbstanzeige, seines guten Verhaltens als Häftling, seiner Reue und der gesamten Steuerrückzahlung. Ich finde auch seine Lebensleistung beachtlich. In meinen Augen ist er einfach ein guter Typ.

Wie sehen Sie das Urteil gegen Hoeneß im Nachhinein?

Ufer: Es war überflüssig. Weil es auch möglich gewesen wäre, die Selbstanzeige zu akzeptieren. Ich stütze mich da auf die Expertise von Steuerfahndern aus Nordrhein-Westfalen, wo ich auch berühmte Leute verteidigt habe. Das lief völlig geräuschlos ab. Hoeneß wäre dort vom ersten Tag an Freigänger geworden. Bei ihm wurde ein Exempel statuiert. Das Urteil konnte keinem recht gefallen. Die einen fanden es zu milde, die anderen sagten: Das hätte es nicht gebraucht.

Einer ihrer lustigeren Mandanten war Ottfried Fischer.

tz-Reporter Andreas Thieme (r.) beim Gespräch mit Steffen Ufer.

Ufer: Es gibt da eine nette Geschichte. Als ich ihn in meinen 7er BMW zur Justiz fahren wollte, hat er beim Einsteigen nicht reingepasst – nur mit größter Mühe, als er den Sitz in alle Richtungen verstellt hat. Aber anschnallen konnte er sich nicht. Er hatte zurecht Angst vor den Fotografen am Gericht. Im Aufzug stieg dort ein dürrer Wachtmeister hinzu, dann blieben wir stecken. Und was sagt der Otti zu ihm: „Du, du musst fei abnehmen.“ Der Mann ist dann lachend ausgestiegen.

Bevor es zum Prozess kam, hatte Fischer nichts zu lachen …

Ufer: Es ist ihm übel mitgespielt worden. Ich kann bis heute nicht verstehen, dass einige Gerichte den Journalisten verurteilt hatten, der Otti mit dem Sex-Video angeblich nötigen wollte. Und andere haben gemeint, ihn freisprechen zu müssen. Am Schluss habe ich lächelnd gesagt, dass die Bild-Zeitung das Video vom Markt gekauft hat, um Otti zu schützen. Da hat er sich gefreut.

Auch zu Konstantin Wecker haben Sie eine Bindung …

Ufer: Wir kennen uns seit Kindertagen. Zwischen Lukas- und St.-Anna-Kirche sind wir aufgewachsen. Er war ein bisschen kleiner, aber hat dafür immer einen großen Hund dabeigehabt, der die ganze Kinderbande mit betreut hat. Wir haben damals auf der Straße gespielt. Später sind wir uns dann beruflich begegnet.

Sie haben Wecker in dem Koks-Skandal vertreten …

Ufer: Seine Eskapaden hatte er im Buch Uferlos beschrieben, angeblich nicht ganz autobiografisch. Aber der Staatsanwalt hat darin ein Geständnis gesehen und ein Verfahren eingeleitet. Ich habe den Konni rausboxen können, so dass der Prozess eingestellt wurde. Derselbe Staatsanwalt war natürlich überglücklich, als er ein paar Jahre später einen Kronzeugen hatte – die Ehefrau eines Großdealers, der dem Konni 1,5 Kilo Kokain verkauft hatte. Im Laufe von 18 Monaten hatte Konni jeweils per Scheck bezahlt, teilweise ungedeckt.

Am Ende erhielt Wecker Bewährung, bedankte sich mit einem Gedicht …

Ufer: Damit hatte er zunächst den Richter und die Protokollführerin zu bezirzen versucht. Ich hatte durchgesetzt, dass er es vortragen darf und sich in Gedichtform wehren darf gegen die Justizgewalt. Das war sensationell, wie er seine Einsicht und seine Zukunftspläne in wunderschönen Reimen darstellt. Der Protokollführerin kamen schnell die Tränen, der Richter hat auch gedruckst, nur der Staatsanwalt hat getobt. Er wusste, er hat keine Chance. Nach kurzer Zeit kam Konni aus der U-Haft und hat es durchgestanden: Er blieb clean. Und singt bis heute auf meinen Geburtstagen.

Befreundet waren Sie auch mit Rudolph Moshammer …

Ufer: Er war ein Banknachbar in der Herrenschule im Lehel. Wir waren begeistert von seiner riesigen Eisenbahn, er kam aus reichem Hause. Und deswegen haben wir uns gerne einladen lassen von ihm. Später sagte er: „Ich war der Dümmste in der Klasse, aber ich habe es auch weit gebracht.“ Das musste man ihm neidlos lassen.

Herish A. hat Moshammer 2005 ermordet, auch er brauchte Verteidiger. Welchen Mandanten würden Sie ablehnen?

Ufer: Jemand, der einem Kind etwas angetan hat. Der Extremfall war Kindermörder Jürgen Bartsch – so einen Fall habe ich nie vorher oder danach verteidigt. Aber ihn habe ich mit Überzeugung vertreten. Weil ich das Ziel hatte, dass er eine Therapie bekommt – und als kranker Mensch akzeptiert wird, der unfreiwillig zum Monster wurde.

Sie schreiben, der Beruf war Ihr Leben, für den Sie über Grenzen gingen. Und auch krank wurden …

Ufer: Ich leide seit Jahrzehnten unter Schlaflosigkeit, habe schon alle möglichen Therapieversuche unternommen und war bei vielen Ärzten. Ich bin leider ein Mensch, der die Probleme mit in die Nacht nimmt.

Durch den Fall der Brüder LaGrand haben Sie Asthma bekommen. Warum?

Ufer: Ihre Hinrichtung ist mir unter die Haut gegangen: Junge Menschen mit schwierigen Biografien, die einen dilettantischen Raub mit Spielzeugpistole begingen. Beide saßen 17 Jahre in der Zelle und wurden dann hingerichtet.

Da waren selbst Sie hilflos …

Ufer: Ich hatte sogar den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder mobilisiert. Aber der amerikanische Gouverneur überging die Wiener Konvention und sprach harte Strafen aus, um wiedergewählt zu werden. Das war bitter für die Burschen. Ich erinnere mich, als Karl ­LaGrand im Gefängnis telefonieren durfte, da hörte er einen Vogel – aber erkannte das Geräusch nach so vielen Jahren hinter Gittern nicht mehr. Da kamen mir die Tränen.

Jetzt sind Sie 75. Wie viele Jahre liegen noch vor Ihnen?

Ufer: Nicht mehr viele. Ich lasse es langsam ausklingen, vertrete immer weniger Mandanten. Das ist auch der Wunsch meiner beiden Partner. Ihnen habe ich bereits den Großteil meiner Anteile übertragen.

Was machen Sie dann?

Ufer: Ich gehe mit Freunden ins Stadion, spiele Golf, Schach – und viel mit meinen Enkeln.

Räuber und Gendarm?

Ufer (lacht): Nein.

auch interessant

Meistgelesen

Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht

Kommentare