Münchner Verkehrssystem kann nicht mithalten

Stau-Alarm: Zu viele Autos, zu wenig Platz

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Und plötzlich ging nichts mehr: die Oberföhringer Straße am Mittwochabend.

München - Autofahren wird in München und Umgebung immer mehr zur Geduldsprobe: Bauarbeiten und Reiseverkehr sorgen derzeit besonders im Osten der Stadt täglich für Mega-Staus. Verkehrs-Experten warnen: Diese könnten zum Dauerzustand werden.

Schritttempo wäre schnell gewesen, an diesem Mittwochabend im Münchner Osten: „Für zwei Haltestellen hat der Bus auf der Oberföhringer Straße 50 Minuten gebraucht“, sagt Jan Bejenke, 41. Wie dem Mitarbeiter der Max-Planck-Gesellschaft erging es vielen: Baustellen und Unfälle haben den Verkehr im Münchner Osten am Mittwoch lahm gelegt. Rund um Bogenhausen und auf dem Mittleren Ring ging nichts mehr voran, auch der Autobahnring-Ost A 99 war wegen einer spontan eingerichteten Baustelle dicht. Weil ortskundige Autofahrer versuchten, auf Schleichwege auszuweichen, waren auch viele Nebenstraßen rund um München verstopft. Die Folge: Mega-Staus – die in Zukunft in und um München Standard werden könnten. Und das trotz Zusatzspur auf dem Isarring und des Ausbaus des Autobahnrings auf acht Spuren.

Denn das Verkehrssystem in der Region kann mit dem Wachstum der Stadt schon lange nicht mehr mithalten, da sind sich die Verkehrsexperten einig. Die Verkehrspläne für die Region München stammten aus den 70er-, teils 60er-Jahren, inzwischen hätten Siedlungsentwicklung und Bevölkerungszahl aber erheblich zugenommen. Straßenverkehr und der Öffentliche Personennahverkehr hinken da hinterher. „Die paar Isarüberquerungen, die es gibt, sind alle überlastet“, erklärt Josef Seebacher von der Autobahndirektion Südbayern. „Ein kleiner Unfall, ein Pannenfahrzeug reicht manchmal aus, um das komplette Stadtgebiet lahm zu legen.“ Die Kapazitätsgrenzen seien erreicht.

Autobahnring durch Reise- und Ausflugsverkehr schon ausgelastet

Experten wie Josef Seebacher von der Autobahndirektion Südbayern sind sich einig, dass der Ring um München nicht mehr ausreicht, um zusätzlich noch Pendler-Verkehr aufzunehmen und baustellenbedingte Belastungen auszugleichen.

„Wir haben zu viele Autos auf zu wenig zur Verfügung stehendem Platz“, meint auch Andreas Kneißl, Verkehrssachbearbeiter der Bogenhauser Polizeiinspektion. Er muss sich derzeit um die Auswirkungen der Baustelle am Isarring kümmern, wo nur noch eine Fahrspur zur Verfügung steht. Eigentlich sei das Straßennetz kaum mehr für den Alltagsbetrieb ausreichend, sagt Kneißl. Eine Baustelle lässt die Situation schnell eskalieren. „Und der Autobahnring bietet für München längst keine Entlastung mehr“, betont Josef Seebacher von der Autobahndirektion.

Die Autobahnumfahrung A 99 wird in diesen Tagen immer öfter zur Staufalle. 

„Die A99 ist keine München-Spange, sondern eine Transitstrecke“, erklärt Stefan Dorner vom ADAC Südbayern. Sie sei die wichtigste Nord-Süd-Verbindung zwischen Südeuropa und Skandinavien. Mit den Belastungen durch den Reise- und Ausflugsverkehr sei der Autobahnring bereits reichlich ausgelastet. Das Problem seien nun aber die Pendler und die zahlreichen Gewerbegebiete am Rand der Stadt, deren Verkehr auf die A99 fließe, sagt Josef Seebacher. „Die ganze Region hat sich an diese eine Autobahn gehängt und verlässt sich darauf.“ All dies könne die Strecke einfach nicht aufnehmen. „Deshalb sind alle Bypässe zu, die Leute fahren inzwischen sogar über Feldwege.“

Großes Durcheinander am Mittwoch

Am Mittwoch passierte nun der Ernstfall. Auf dem Autobahnring Richtung Nürnberg war im Bereich der Isarbrücke am Vormittag „spontan“ eine Baustelle eingerichtet worden, durch die plötzlich zwei Spuren wegfielen. Bereits am Montag hatte sich der Asphalt verschoben, der großflächig ausgefräst werden musste. Die Arbeiten dauerten bis Donnerstag um 5 Uhr früh. „Unser Ziel war, vor der großen Reisewelle am Wochenende fertig zu werden“, erklärt Seebacher. 

Doch derzeit sind auch zahlreiche Münchner wegen der Baustelle am Isarring wie empfohlen auf die A 99 ausgewichen. Weil allerdings der Verkehr auf dem Ring aufgrund der frühzeitigen Warnungen und Sperren ganz gut läuft, drängten viele kurzfristig wieder zurück ins Stadtgebiet. Ein großes Durcheinander, das am Mittwoch noch verschärft wurde durch zwei Unfälle im Münchner Osten, einer davon auf der Prinzregentenstraße.

"Gestern war man zu Fuß schneller"

Für zusätzlichen Ärger sorgen seit Montag zudem unvernünftige Autofahrer in Bogenhausen. „Wir haben derzeit massive Probleme am Effnerplatz“, sagt Polizist Kneißl. Einige Pkw-Lenker fahren dort in die Kreuzung ein, obwohl sie schon sehen, dass sie nicht weiterkommen. Die Folge: Querverkehr und Abbieger behindern sich gegenseitig, es kommt in allen Richtungen abermals zum Stau.

MVG-Sprecher Matthias Korte bestätigt, dass viele Busse in dieser Situation zu spät kamen. Man habe im Voraus die Wendezeiten an den Endhaltestellen verlängert und mehr Fahrzeuge eingesetzt. „Aber um den Stau können wir leider nicht herum fahren“, sagt Korte. Er gibt zu: „Gestern war man zu Fuß schneller.“

Genau dasselbe dachte sich am Mittwochabend nach 50 Minuten Langeweile im Linienbus Jan Bejenke: Als es ihm zu bunt wurde, stieg er aus und ging den Rest des Wegs zu Fuß nach Hause.

von Carmen Ick-Dietl und Emil Nefzger

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