Sterbehilfe: Tod im Kreis der vier Kinder

München - Eine demenzkranke Münchnerin (77) erfüllte sich ihren letzten Wunsch: sie nahm sich das Leben im Beisein ihrer Kinder. Vor ein paar Jahren wäre das noch ein Fall von unterlassener Hilfeleistung gewesen, heute nicht mehr.

Als Anna P. (Name geändert) die Diagnose Alzheimer-Demenz erhält, fasst sie einen Entschluss: Bevor die Krankheit sie komplett erfasst, will die Münchnerin ihr entfliehen. Da es kein Heilmittel gibt, sieht sie als einzigen Ausweg den Tod. Die 77-Jährige will sich das Leben nehmen – und das im Beisein ihrer vier Kinder. Dieser letzte Wunsch wurde ihr erfüllt.

Dass die Kinder von Anna P. jetzt nicht wegen Totschlag oder unterlassener Hilfeleistung belangt werden können, dafür sorgte die Sozietät Putz & Steldinger, die sich auf die Umsetzung des Patientenwillens am Ende des Lebens spezialisiert hat. Über Anna P. sagen die Juristen: „Sie kam im Februar 2009 in unsere Kanzlei und wollte wissen, was wir tun können, damit ihre Kinder sich von ihr in den letzten Stunden verabschieden können“, sagt Rechtsanwalt Wolfgang Putz. Wichtig waren dabei vor allem zwei Dinge. Anna P. brauchte ein ärztliches Attest. In diesem musste ihr nachgewiesen werden, dass sie weder unter seelisch noch geistigen Störungen, wie Depressionen, leidet.

Außerdem musste die 77-Jährige ihre Entscheidung ganz genau schriftlich niederlegen. So seien solche Formulierungen wichtig: „Ich werde mir das Leben nehmen und meine Kinder dürfen mich auf keinen Fall retten.“ Nachdem das Rechtliche geregelt war, kamen die Kinder am Abend des 28. Februar in der Wohnung der Mutter. Zum letzten Mal essen und trinken sie zusammen. Spät am Abend nimmt Anna P. einen Mix aus mehr als 60 Tabletten, putzt sich die Zähne und zieht ihr Nachhemd an. Anschließend geht sie ins Schlafzimmer legt sie sich ins Bett. Die Kinder sitzen im Wohnzimmer und schauen abwechselnd nach der schlafenden Mutter. Als sie gegen 0.30 Uhr beginnt, flacher zu atmen, setzen sich alle gemeinsam um ihr Bett. Die Kinder halten ihre Hände, bis sie zehn Minuten später stirbt.

Vor ein paar Jahren wäre das noch ein Fall von unterlassener Hilfeleistung gewesen. Im Fall der Münchnerin entschied die Staatsanwaltschaft allerdings anders. Das Verfahren gegen die Kinder wurde eingestellt, da nachgewiesen werden konnte, dass Anna P. eigenverantwortlich und bei klarem Verstand die Entscheidung zum Freitod getroffen hat. Ihr letzter Wille konnte ihr also tatsächlich erfüllt werden.

Tanja Wolff

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