Wie schlimm es ist, was Bürger fordern, was passieren könnte

Stickoxid-Alarm: Wo in München die Luft am dicksten ist

München - Die Stickoxid-Grenzwerte in München werden stetig überschritten, der Druck für die Stadt steigt. Wir zeigen, wo die Luft schlecht ist, stellen den Bürgerentscheid vor und zeigen, welche Maßnahmen geplant sind.

Die Luft wird dünner – beziehungsweise dicker … Die Stickoxid-Grenzwerte in München werden stetig überschritten – und es wird schlimmer. Das Bayerische Verwaltungsgericht hat die Stadt erst kürzlich wieder zum Handeln verdonnert. Jüngste Messungen des Landesamtes für Umwelt und von Green City zeigen: Die Werte werden nicht nur überschritten – an einigen Messstationen nimmt sogar die Intensität zu. Vor Kurzem hat der Stadtrat eine Entscheidung über den Luftreinhalteplan vertagt. Die Grünen sind sauer, fordern mehr Maßnahmen. Das Umweltreferat verweist auf ein neues Gutachten, das Mitte 2017 vorliegen soll. „Die Stadt ist weder willens noch in der Lage, Maßnahmen anzugehen, die in den nächsten Jahren eine spürbare Verminderung bewirken könnten“, sagt Grünen-Chef Florian Roth.

Handeln will das Bündnis für saubere Luft. Unter dem Motto „Sauba sog i“ ist am Mittwoch das Bürgerbegehren für Luftreinhaltung gestartet. 40.000 Unterschriften sollen es werden.

Der Luft-Druck für die Stadt steigt! Wir zeigen, wo die Luft schlecht ist, stellen den Bürgerentscheid vor und zeigen, was die Stadt an Maßnahmen geplant hat. Außerdem haben wir uns bei Anwohnern umgehört.

Feinstaub in München: Wo wie gemessen wird

Die Stadt misst an offiziellen Messstellen. Als Richtwerte gelten 40 bzw. 50 Mikrogramm pro Kubiktmeter (Jahresmittel- bzw. 24-Stunden-Richtwert). Je dunkler die eingezeichnete Stelle, desto mehr Stickoxid ist in der Luft. Tagesaktuell misst auch das Landesamt für Umwelt. Auf der Seite www.lfu.bayern.de können sich Interessierte über fünf Messstationen in der Stadt informieren. Untersuchungen von Green City anhand der Zahlen des LFU haben im Messzeitraum 1. Januar bis 30. Juni 2016 ergeben: An der Landshuter Allee und auch am Stachus werden die Grenzwerte zum Teil bis um das Dreifache überschritten! Die Landshuter Allee lag an 169 Tagen über dem Richtwert von 50 Mikrogramm. Am Stachus an 132 Tagen, an der Lothstraße an 14 Tagen (siehe Karte oben).

Feinstaub in München: Das tut die Stadt

Stau auf dem Mittleren Ring.

City-Maut, Fahrverbote oder Sperrung einzelner Straßen – all das ist Sache des Bundes. Die Möglichkeiten der Stadt seien begrenzt, sagt ein Sprecher des Referates für Umwelt und Gesundheit. Gleichwohl will (und muss) die Stadt natürlich handeln. „Wir setzen entschlossen auf den Ausbau des ÖPNV, des Rad- und Fußverkehrs, des CarSharings, des Parkraum-Managements – und ganz besonders setzen wir auf die Verkehrswende in München mit der gezielten Förderung der Elektromobilität“, sagt Referentin Stephanie Jacobs. „Hierzu gehört auch die Anschaffung von

E-Fahrzeugen für den städtischen Fuhrpark und den Fuhrpark der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG).“ Dafür gibt es sogar Applaus von der Oppositionsbank. „Das geht schon in die richtige Richtung“, sagt Grünen-Vize Dominik Krause. „Doch nach eigener Aussage der Stadt wird man damit wegen der geringen Menge der Fahrzeuge keine signifikante Verbesserung der Luftqualität erreichen.“ Der grüne Verkehrspolitiker Paul Bickelbacher ergänzt: „Was wir brauchen, ist ein Umsteuern vom fossil betriebenen Individualverkehr zu umweltfreundlichen Verkehrsarten wie ÖPNV, Rad- und Fußverkehr.“ Die Grünen planen daher ein Paket an Änderungs-Anträgen.

Feinstaub in München: Das droht durch den Bürgerentscheid

Das Bürgerbegehren rollt an.

Das Bündnis für saubere Luft hat am Mittwoch das Bürgerbegehren ins Leben gerufen. 24 Organisationen beteiligen sich. Ziel ist es, dass bis zum Jahr 2025 rund 80 Prozent des Individualverkehrs mit öffentlichen Verkehrsmitteln und emissionsfreien Fahrzeugen abgewickelt werden. Derzeit beträgt diese Quote etwa 65 Prozent. Um das zu erreichen, könnte es beispielsweise eine City-Maut geben. Das wird seit Jahren in London praktiziert. Dort zahlen Autofahrer Geld, um in die Innenstadt einzufahren. Oder aber die Stadt München weitet die Umweltzone aus. Damit könnte sich auch Referentin Stephanie Jacobs anfreunden: „Das wäre das zielführende Mittel, um die Grenzwerte nachhaltig einzuhalten. All diese Vorschläge, aber auch Fahrverbote oder Streckensperrungen, bedürften jedoch einer Entscheidung im Bund. Der Stadt sind da die Hände gebunden. Das Umweltministerium geht derweil davon aus, dass etwa eine Einhaltung des Stickoxid-Grenzwertes an der Landshuter Allee erst nach 2030 möglich ist, am Stachus ab dem Jahr 2025.

Feinstaub in München: Das sagen die Anwohner

Vittorio Neymon (Rentner, 70) und Jutta Neymon (Sekretärin, 61), München: Uns fällt die schlechte Luft schon seit langem auf. Wir haben sogar in den 90er-Jahren eine Messung beim Frauenhofer Institut durchführen lassen, da wir Angst hatten, dass unsere Kinder den Schadstoffen ausgesetzt sein würden. Selbst zu dieser Zeit war die Luft schon belastet. Heutzutage ist es durch immer mehr Verkehr natürlich noch viel schlimmer geworden. Die Stadt hat zwar hier an der Landshuter Allee einen Tunnel gebaut, der ein wenig hilft, aber trotzdem ist es noch ein echtes Problem. Früher war die Straße hier noch eine echte Allee, mit Bäumen und Bänken an der Straßenseite! Das ist Vergangenheit, jetzt sind hier nur noch Autopisten. Den Lärm hört man Tag und Nacht. Früher haben wir immer noch am Sonntag Morgen auf unserem Balkon gefrühstückt, das geht jetzt leider nicht mehr.

Melanie Burg (31), Autovermieterin, Pasing: Ich rieche die schlechte Luft hier an der Frauenstraße nur in der früh, wenn ich zur Arbeit komme, und am Abend, wenn ich nach Hause fahre. Zu diesen Zeiten ist der Verkehr natürlich besonders schlimm. Wenn es wärmer ist, merkt man es auch eher. Aber ansonsten rieche ich keinen Schmutz in der Luft. Ein größeres Problem ist eigentlich der ständige Lärm, der hier von großen Fahrzeugen und LKWs verursacht wird. Wir könnten deshalb zum Beispiel die Tür zu unserem Laden nie auflassen.

Rosa Lechner (68), Rentnerin, München: Die Stadt tut zwar schon viel gegen Luftverschmutzung. Sowohl Tunnelbau als auch das U-Bahn- und S-Bahn-Netz entlasten die Umwelt. Trotzdem kann man jeden Tag die Abgase der Autos in der Luft riechen. Bei den hunderten von Autos, die hier jeden Tag auf der Tegernseer Landstraße vorbei rasen, frage ich mich, wie viele Autos wohl jeden Tag in München produziert werden. Irgendwie müssen diese ja verkauft werden.

Sascha Karowski, Maik Hackemann

Rubriklistenbild: © Grafik: KVR, RGU, Green City / tz

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