Streik! Ein U-Bahnfahrer redet Klartext

U-Bahnfahrer und DGL-Ortsgruppenvorsitzender Ricardo Uhlmann (46) will so nicht mehr arbeiten: „Die Umstände verderben mir immer mehr die Freude."
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U-Bahnfahrer und DGL-Ortsgruppenvorsitzender Ricardo Uhlmann (46) will so nicht mehr arbeiten: „Die Umstände verderben mir immer mehr die Freude."

München - Ganz München muss am Dienstag Früh ohne Tram und U-Bahn auskommen, die Busse fahren nur im Notverkehr.

Grund: Die 2840 Mitarbeiter der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG wollen mit einem Warnstreik 9,5 Prozent mehr Gehalt durchsetzen.

Das große Chaos ist also programmiert. Die Straßen werden verstopft sein, die S-Bahn rechnet mit einem riesigen Andrang. Deshalb sollen zwischen 9 Uhr und 15.30 Uhr auf der Stammstrecke 36 zusätzliche Züge fahren. Damit können 36 000 Fahrgäste mehr zwischen Pasing und Ostbahnhof transportiert werden, als an einem normalen Werktag.

Auch auf die Münchner Taxifahrer wartet viel Arbeit. Am Montag Nachmittag nahm die Taxizentrale schon keine Reservierungen mehr an. „Das Kontingent von 1200 Vorbestellungen ist ausgebucht. Das ist das Doppelte wie an normalen Tagen“, so der Chef der Taxi München eG Hans Meißner zur tz.

„Es dürften alle 3300 Münchner Taxis im Einsatz sein“, so Meißner weiter. „Kein Taxler wird in die Waschanlage oder Werkstatt fahren.“ Ob die Chauffeure den großen Reibach machen, ist fraglich. Meißner: „Bei dem Stau wird es kaum schnell voran gehen.“

Viele Berufstätige werden mit dem eigenen Auto zur Arbeit kommen. Parkplätze sind rar in der Innenstadt. Doch wer glaubt, Polizei und Verkehrsüberwachung drücken ein Auge zu, liegt falsch – es gibt keine entsprechenden Anweisungen.

Vom Streik ausgenommen ist das MVG-Kundendienstzentrum am Marienplatz – der Zeitkartenverkauf dort läuft wie gehabt. Einen Anspruch auf Rückvergütung wegen ausgefallener Züge gibt es allerdings nicht.

Verhandlungsführer auf Seiten der kommunalen Arbeitgeber ist übrigens der Personalchef der Stadtwerke München, Reinhard Büttner. Er ist selbst Mitglied der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wie auch der Verhandlungsführer der anderen Seite, Frank Riegler. Der verspricht aber: „Wir schenken uns nichts.“

We.

Darum haben wir mehr Geld verdient

So hart ist unser Job bei der MVG: Ein U-Bahnfahrer redet Klartext

Neuneinhalb Prozent mehr Lohn sind zuviel? Da lachen die MVG-Angestellten nur. Ricardo Uhlmann (46), seit 18 Jahren U-Bahnfahrer,schildert in der tz, was er für seinen Job opfert und was er tagtäglich leistet. Seine 10 Gründe, warum die Forderung gerechtfertigt ist:

…weil wir arbeiten, wenn andere feiern – aber nicht feiern können, wenn wir frei haben: Ich verdiene netto 1600 Euro plus höchstens 100 Euro an Zuschlägen. Wir kommen meist zu spät heim oder müssen mitten in der Nacht wieder raus. Ich habe in 18 Jahren nie an Weihnachten frei gehabt.

… weil wir als einzige immer weniger bekommen: Die Fahrpreise sind in den letzten 15 Jahren um 50 Prozent gestiegen, die Geschäftsführer haben sich 2008 eine Gehaltserhöhung von 50 Prozent genehmigt – und wir verdienen netto so viel wie vor 15 Jahren.

… weil wir teils bis zu 14 Stunden am Tag für die Arbeit unterwegs sind: Bezahlt werden 8,5 Stunden – aber oft geht viel mehr Zeit drauf. Beispiel: Schicht ist etwa von 16 bis 20 Uhr, dann bis zu drei Stunden unbezahlte Pause, dann wieder Schicht bis Betriebsschluss, am Wochenende um 2.30 Uhr. Dazu kommen lange Anfahrtswege, weil wir unterschiedliche Einsatzorte haben.

… weil der Druck immer größer wird: 2007 wurde der Turnus von „vier Tage arbeiten, zwei Tage frei“ geändert. Jetzt sind es mal „fünf Tage, zwei frei“, dann „vier Tage arbeiten, einer frei“ usw. Der Zeitplan wird immer enger: Wenn wir Fahrgäste noch einsteigen lassen, die die Rolltreppe runter rennen, holen wir die Verspätung nie wieder rein. Der Bahnsteig-Spiegel ist vorrangig da, damit wir nicht aus dem Zug steigen brauchen und Zeit verlieren. Neuerdings prüft man, Wendezeiten (wenn wir an der Endhaltestelle umdrehen müssen), als Pause zu berechnen. …

… weil wir nicht mal Zeit zum Bieseln haben: Auch die Wendezeiten werden kürzer: Es sind vier bis sechs Minuten minus Verspätung. Das heißt: Wir müssen uns das Bieseln bis zu fünfeinhalb Stunden verkneifen.

… weil wir fast nie das Tageslicht sehen: Im Fahrerhäuschen ist es fast immer dunkel, Licht darf nur im Stand an sein. Esssen und Musik sind auch tabu.

… weil der Job sehr anstrengend ist: Viele mögen denken: Das bisserl ins Mikro quatschen und Hebel drücken … Aber wir brauchen höchste Konzentration: Der Blick muss immer auf Gleise und Bahnsteig gerichtet sein – und das beim ständigen Hell-Dunkel-Wechsel.

… weil wir uns anpöbeln lassen müssen: Alltäglich ist, dass Fahrgäste an die Scheibe spucken oder uns beschimpfen. Wenn wir nach Schicht-Ende Betrunkene wecken müssen, werden diese auch mal handgreiflich. Tram- und Busfahrer haben es noch schwerer: Die haben keine Scheibe, werden manchmal bedroht.

… weil die Familie leidet: Schichtdienst – und das auch noch so unregelmäßig. Wir müssen uns ständig auf neue Dienstzeiten zwischen 4.10 Uhr morgens und 2.30 Uhr in der darauffolgenden Nacht einstellen. Da kann man mit der Familie oft nur über Zettel kommunizieren. Viele machen das nicht mit: Die Scheidungsrate bei uns liegt bei 75 Prozent.

…weil die Gesundheit leidet: Viele von uns haben wegen der wechselnden Arbeitszeiten Schlafstörungen oder Magenprobleme.

Nina Bautz

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Psychologe: So gehen Sie heute richtig mit Ärger um

Mensch, ärger’ dich nicht – das ist beim Streik leichter gesagt als getan. Rainer Schors, leitender Oberarzt der Abteilung für Psychosomatik im Klinikum Harlaching, kennt Wege aus dem Ärger.

Herr Dr. Schors, was ist Ärger?

Rainer Schors:Ärger resultiert entweder aus einer Kränkung oder wenn eine Erwartung enttäuscht wird. Dabei ist in diesem Falle die Enttäuschung, dass die U-Bahn nicht fährt, eigentlich gut: Denn ein Ent-Täuschen bringt einen näher an die Wirklichkeit, von der Täuschung – dass die MVG immer für mich da ist – weg. Genau hier liegt die Chance: Indem man die Realität anerkennt und die freiwerdende Energie konstruktiv nutzt.

Wie mache ich das, wenn der Tag schon so ärgerlich startet?

Rainer Schors:Jeder hat die Freiheit, diese Ärger-Energie wie Benzin für einen Molotowcocktail oder aber für den Maschinenantrieb zu verwenden. Für den richtigen Umgang gibt es drei Möglichkeiten: Ablenkung, etwa durch schöne Gedanken oder positive Musik – das baut aber nur wenig ab. Besser ist ein körperlicher Abbau der Energie – durch Laufen oder Radeln. Das Wirkungsvollste ist, wenn ich mich entscheide, mich nicht zu ärgern und die Lösung direkt beim Problem suche: Ich muss mir die Vorteile vorsagen, die es bringt, zu laufen – etwa, dass ich besser beobachten kann. Beim Radeln der Kalorienabbau. Beim Autofahren, dass ich mehr Platz habe als in der U-Bahn usw. Wer sich nicht ärgern will, findet eine positive Seite. Garantiert.

Und wenn ich den Ärger runterschlucke?

Rainer Schors: Dann treibt die Energie ihr Unwesen im Körper, irgendwann explodiert der Molotowcocktail: Es drohen langfristig Magengeschwüre, Bluthochdruck und Zahnprobleme wegen Kieferknirschen. Aber es liegt ja an Ihnen, ob es so weit kommen muss …

Nina Bautz

Quelle: tz

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