Münchnerin ist todkrank

So tapfer nimmt Nina Abschied vom Leben

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Nina und ihr Mann Karl-Heinz.

München - Nina Zacher (45) leidet an ALS und wird bald sterben. Auf Facebook lässt die todkranke Münchnerin Bekannte und Freunde an ihrem tapferen Abschied vom Leben teilhaben. 

Der Facebook-Post, in dem Nina Zacher ihren Tod ankündigt, „gefällt“ 2130 Menschen. „Es ist so weit …“ steht da, es folgt ein langer Text. Nina Zacher, 45 Jahre alt und seit 2012 unheilbar an ALS erkrankt, hat ihn selbst verfasst. Vier Stunden lang hat sie dafür mit einem kleinen Stift im Mund auf die Tastatur ihres Smartphones getippt. Ist auf dem glatten Display abgerutscht, hat ein T statt eines R erwischt, weil diese Buchstaben direkt nebeneinanderliegen auf der Tastatur. Hat ganze Sätze wieder gelöscht, umformuliert, neu geschrieben. 2730 Zeichen hat Nina sich so abgerungen, 2730 Mal unbeugsamer Wille. Deswegen haben die Menschen „gefällt mir“ geklickt. Nicht, weil ihnen gefällt, dass Nina Zacher stirbt. Sondern weil sie bewundern, wie Nina mit dem Tod umgeht.

"Es ist soweit … Seit etwa drei Wochen kann ich endgültig weder essen noch trinken. Ich kann nur noch an Flüssigkeiten 'nippen' und noch max. eine Speichelmenge schlucken. Ich wiege nicht mal mehr 45 Kilo auf 1,78 Meter."

Nina Zacher postet das am 4. Februar um 12.46 Uhr. Sie weiß, dass ihre Zeit gekommen ist. „Wir rechnen nicht mehr in Monaten, auch nicht in Wochen“, sagt ihr Mann Karl-Heinz (46) eine Woche später am Telefon. „Wir rechnen in Tagen.“ Er hat auf Lautsprecher geschaltet, seine Frau sitzt im Rollstuhl neben ihm und lauscht. Die Kinder – 4, 7, 12 und 14 Jahre alt – sind nicht zu Hause. „Wir gehen offen mit ihnen um“, sagt Karl-Heinz. „Sie verarbeiten das auf ihre Weise.“

"Was jetzt kommt, kann sich jeder halbwegs gebildete Mensch denken und wie es mir damit geht, sollte ebenfalls klar sein. Es ist wirklich grausamer als ich mir das Ende (…) vorgestellt habe. Warum ich das in absolut vollem Umfang erleiden muss, ist mir ein Rätsel und wie zäh ich immer noch durchhalte ebenfalls."

Verstecken, einigeln, ihre Krankheit verschweigen – das war nie eine Option für Nina Zacher. Sie will Menschen aufrütteln, anderen ALS-Patienten Kraft und Halt geben. Den Tod als großes Tabu unserer Zeit in die Facebook-Timelines der Menschen bringen – und damit in deren Kopf. „Meine Frau war auch vor der Krankheit sehr extrovertiert“, sagt Karl-Heinz. „Diese Offenheit hat sie beibehalten.“

"Ich sitze hier hilflos und bewegungslos, wie dauerhaft in Fesseln gelegt, möglichst tapfer um die letzte so wertvolle Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, bei völlig wachem Geist aber fast unfähig zu sprechen."

„ALS gilt als schmerzfreier Tod. Das ist Schwachsinn“, sagt Karl-Heinz. Nina Zacher hat unfassbare Schmerzen. Die Krankheit lässt ihre Muskeln verkümmern, Gelenke erstarren, der ganze Körper krampft. Ohne Morphium-Pflaster geht es längst nicht mehr. Nina ist vollständig gelähmt, das Sprechen fällt schwer, sie verbringt ihre Tage im Bett oder im Rollstuhl. Aufstehen, anziehen, essen, waschen – nichts geht mehr ohne Hilfe. Ihr Mann sagt: „Der eigenen Frau täglich beim Sterben zusehen – das ist eine harte Prüfung.“

"Ja auch wenn man bald sterben wird, steht die Welt leider nicht still, nicht einmal für kurze Zeit. Die ganz normalen Probleme, Schule etc. gehen schonungslos weiter. Der Wahnsinn des Alltags tobt weiter als wenn gar nichts wäre, während ich langsam verhungere und immer schwerer Luft bekomme."

Nur noch einmal schlafen und ein Jahr der Verluste, des Abschieds und endlosen Niederlagen geht für mich in einem Körper...

Posted by Nina Zacher on Mittwoch, 30. Dezember 2015

Beim Frühstück und Abendbrot mit den Kindern am Tisch sitzen – es gibt sie noch, die schönen Erlebnisse in Ninas Leben. „Die Frage ist dann: Wie viel davon hält man aus?“, sagt Karl-Heinz. Körperlich und psychisch. Immer im Hinterkopf, dass hinter der nächsten Ecke der Tod lauert. Jemand räuspert sich, krächzt: „Loslassen fällt unheimlich schwer.“ Nina Zacher ist noch da. Irgendwann muss sie loslassen – und die Familie muss sie loslassen. Dass Maschinen und Schläuche sie am Leben halten, hat Nina schon vor Jahren ausgeschlossen.

"Gerade jetzt, wo ich noch dazu weiß, wie es sich anfühlt, wäre es irgendwie schizophren, wenn ich mich für solch ein Leben entscheiden würde, das ein jeder von Euch doch insgeheim auch so sehr fürchtet. Ein Leben in totaler Abhängigkeit (…) Im gesellschaftlichen Abseits der fassungslosen, erschrockenen Blicke der meist unsensiblen und respektlosen Mitmenschen ausgeliefert sein – von einer Maschine beatmet …"

Eine harte Lektion, die Nina Zacher lernen musste: Freundschaften sind vergänglich, besonders wenn Krankheit und Tod Thema werden. „Wenn es hart auf hart kommt, trennt sich die Spreu vom Weizen“, sagt Karl-Heinz. „Viele Freunde brechen weg.“ Nur wenige bleiben übrig. „Sehr wenige“, ergänzt Nina.

"Der Tod macht mir mittlerweile – und nach allem, was ich in den letzten vier Jahre erleben und ertragen musste – gar keine so große Angst mehr. Denn das langsame Sterben, das ich jetzt erlebe, ist das eigentlich Schreckliche."

Nina plant jetzt ihre Beerdigung. Sie weiß schon, welches Lied gespielt werden soll. Die Band Saitenverhältnisse hat einen Song von Sarah Connor gecovert. Eine Freundin, Mirijana Leitl, singt. Der Titel des Songs: Das Leben ist schön.

Der Song wird am 19. Februar veröffentlicht. Der Erlös geht an das Palliativ-Team, das Nina betreut. „Behütet leben und sterben“, IBAN: DE95 7025 0150 0010 5466 04, Kreissparkasse München Starnberg, BIC: BYLADEM1KMS

Liebe Botschaften für todkranke Nina: "Du bist so stark"

Seit Wochen verfolgen Menschen in Deutschland die Facebook-Botschaften der todkranken Nina Zacher. Vor allem auf ihre letzte bekommt sie herzliche Nachrichten zurück.

tz-Interview mit Brigit Reindl, Leiterin Soziale Arbeit im Christopherus-Hospiz

Was wünschen sich Todkranke?

Birgit Reindl: Wenn die Zukunft begrenzt ist, ändern sich oft die Prioritäten. Der eine möchte noch ins Disneyland, der andere will einfach nur noch einmal die Sonne auf der Haut spüren. Aber keiner will einsam sein. Jeder will bis zum Ende als Mensch wahrgenommen werden.

Manche Sterbenskranke wollen aber am Ende ihres Lebens niemanden mehr sehen.

Reindl: Auch diesen Wunsch sollten Sie respektieren. Signalisieren Sie aber auch, dass Sie da sind. Schreiben Sie zum Beispiel einen Brief oder rufen Sie an und fragen Sie, ob er Sie sehen möchte. Viele Menschen wenden sich aus Unsicherheit von einem Sterbenskranken ab. Allein sein zu müssen ist das Schlimmste für jemanden, der begrenzt Zeit zu leben hat.

Manche wissen wohl einfach nicht, was sie machen und was sie sagen sollen …

Reindl: Bleiben Sie einfach authentisch als Person. Das Schwierigste kommt sowieso, wenn man nicht mehr mit dem Rollstuhl zusammen rauskann, wenn das Reden schwerfällt. Dann, wenn man zusammen schweigt und die Hand hält. Für jene, die einen geliebten Menschen gehen lassen mussten, ist es ein Geschenk, wenn sie bis zum Ende dabei sein konnten. Denn Abschiednehmen ist für beide Seiten ganz wichtig.

Stichwort ALS:

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) tötet nach und nach die Nerven, die Muskeln steuern. Die Krankheit lähmt Arme, Beine, Zunge – später die Atmung. Geistig bleiben die Patienten voll da. Die Ursachen sind unbekannt, die Krankheit ist wenig erforscht. In Deutschland leiden etwa 7000 Menschen an der unheilbaren Nervenkrankheit.

Tobias Scharnagl

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