Terror-Warnung in der Landeshauptstadt

Chronologie: Münchens Nacht der Angst

Terrorwarnung, München
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Schwer bewaffnete SEK-Beamte sicherten stundenlang den Hauptbahnhof ab. Entwarnung gab’s erst um 3.45 Uhr.

München - Ein Jahreswechsel zwischen Hoffnung und Bangen. An Silvester 2015 kam der Terror nach München. Die Nacht der Angst im Minutenprotokoll.

Als um Mitternacht die Feuerwerke in den Münchner Nachthimmel steigen, schicken in der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums nicht wenige Beamte ein Stoßgebet zum Himmel. Dass noch einmal alles gut gehen möge. Dass dieses grauenhafte, von gleich zwei Geheimdiensten beschriebene Szenario an der Stadt und ihrer Bürger vorbeiziehen möge. Terror-Alarm in München!

Gespenstisch: Ein Großaufgebot der Polizei riegelte den Pasinger Bahnhof ab.

Bereits vor einer Woche warnte ein amerikanischer Dienst vor einer Anschlagsserie in der Landeshauptstadt. Am Silvesterabend kommt eine ähnliche, nunmehr allerdings beängstigend konkrete Warnung vom französischen Geheimdienst: Fünf bis sieben, teilweise namentlich bekannte Syrer und Iraker (siehe Text unten) planen um Mitternacht offenbar zeitgleich Anschläge mit Kalaschnikows und Sprengstoff. Der Hauptbahnhof und der Pasinger Bahnhof sind explizit genannt. Unter den IS-Terroristen sind angeblich zwei Selbstmordattentäter, die sich in den Bahnhöfen in die Luft sprengen und möglichst viele Menschen in den Tod reißen sollen. Die anderen sollen Helfer sein, denen man zutraut, dass sie das Feuer auf anrückenden Hilfskräfte eröffnen könnten. Ein Alptraum-Szenario.

Innenminister Joachim Herrmann und die gesamte Führungsspitze der Münchner Polizei verlassen ihre privaten Silvester-Feiern. Teilweise mit Blaulicht werden Beamte von Streifenwagen zuhause abgeholt und ins Präsidium gebracht. Andere bayerische Präsidien und die Bereitschaftspolizei schicken Verstärkung. 500 Polizisten zusätzlich bewachen die Straßen. Beide Bahnhöfe werden von den schwer bewaffenten SEK-Beamten aus Nord- und Südbayern geräumt und bewacht. „Unter diesen Umständen konnten wir es nicht mehr verantworten, die Bevölkerung im Unklaren zu lasen“, sagte Polizeipräsident Hubertus Andrä.

Um 22.37 Uhr werden zunächst die Medien informiert, wenig später lösen die städtischen Behörden die offizielle Warn-App Katwarn aus. In der Integrierten Leitstelle auf der Feuerwache 3 treffen die Leiter der Feuerwehren ein. Über Funk werden sämtliche Einsatzkräfte eindringlich darauf hingewiesen, auf die Eigensicherung zu achten.

Die Nacht der Angst hat begonnen – das tz-Protokoll:

Nachts vor der gesperrten Schmankerl-Zeile im Hauptbahnhof: Polizisten patrouillieren mit einem Hund. Der ganze Bahnhof wurde nach Sprengstoff-Depots abgesucht.

Silvesterabend, 23 Uhr: Innerhalb weniger Minuten hat sich die offizielle Terrorwarnung in der Stadt wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Überall diskutieren Menschen auf der Straße mit dem Handy in der Hand, auf dem im Sekundentakt neue Nachrichten eingehen. Fernzüge werden zum Ostbahnhof umgeleitet, U- und S-Bahnen halten nicht mehr an den Bahnhöfen. Besorgte Eltern rufen ihre Kinder in den Clubs und auf privaten Feten an. Viele setzen sich ins Auto und holen ihre Sprösslinge selbst ab. Bei der Polizei laufen die Telefone heiß. Veranstalter wollen wissen, ob sie ihre Feiern absagen müssen.

23.45 Uhr: In der Innenstadt gibt es so gut wie keine Taxis mehr. Viele wollen einfach nur noch heim – darunter vor allem auch junge Leute, die einfach nur noch Angst haben. Auch die U-Bahn kommt vielen nun bedrohlich vor. Sie brechen zu Fuß auf. Innerhalb weniger Minuten hat der drohende Terror Zehntausenden in der Innenstadt die Silvesterfreude zunichte gemacht.

Mitternacht: Die Stadt hält den Atem an. Manch einer fragt sich bei den lauten Kanonenschlägen: Ist das wirklich nur Feuerwerk? Die Bahnhöfe gleichen Festungen. Sprengstoffhunde suchen jeden Winkel ab. Blaulicht überall. Die Polizei kontrolliert nonstop Autofahrer, Fußgänger, Radler.

1 Uhr: Erstes Aufatmen im Polizeipräsidium und in der Integrierten Leitstelle. Alles ist bislang relativ ruhig geblieben. Die Böllerei hielt sich in Grenzen – vermutlich auch eine Folge des schlechten Wetters. Dichter Nebel hüllt die Stadt mittlerweile ein. Unter diesen Umständen könnte kein Hubschrauber fliegen.

1.45 Uhr: Innenminister Joachim Herrmann und Polizeipräsident Hubertus Andrä geben im Präsidium eine erste Pressekonferenz. Beide wirken blass, äußerst angespannt und spüren die Last der Verantwortung.

Terror-Warnung in München - Bilder

Terror-Warnung in München - Bilder

2.30 Uhr: Die Innenstadt leert sich zusehends. Der Nebel verleiht der Neujahrs-Szenerie etwas Gepenstisches. Selbst auf der Feiermeile entlang des Altstadtrings stehen nur noch kleine Gruppen vor den sonst immer dicht umlagerten Clubs. Überall suchen Menschen Taxis. Auf den Straßen liegt der übliche Silvestermüll herum – doch sichtlich weniger als in früheren Jahren.

3.45 Uhr: Die Bahnhöfe werden wieder freigegeben. Auch die Züge fahren bald wieder wie gewohnt. Das Polizeipräsidium ist noch immer hell erleuchtet. Viele Beamte arbeiten die Nacht durch. Der Präsident wird sich später bei ihnen für ihre „geniale Einsatzbereitschaft“ bedanken. Auch in der Integrierten Leitstelle, die im Fall der Fälle einen gewaltigen Feuerwehr- und Rettungsdienst-Einsatz gestemmt hätte, entspannt sich die Lage bis zum Morgen.

11.30 Uhr: Im Polizeipräsidium stellt sich Hubertus Andrä erneut den Fragen der Journalisten. „Das war kein Fehlalarm. Wir mussten handeln“, betont er mehrfach. Auch in den nächsten Tagen werden rund 100 Polizisten zusätzlich auf den Straßen präsent sein.

13 Uhr: Über Katwarn vermeldet die Landeshauptstadt offiziell das Ende der Terrorwarnung. Ab sofort herrscht wieder die abstrakte Terrorgefährdung, die auch schon vor dieser denkwürdigen Nacht galt.

Alle aktuellen Informationen und Neuigkeiten zu der Terror-Warnung in München bekommen Sie in unserem Live-Ticker

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Dorita Plange

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