Alternativ Leben in München

„Mehrgenerationenplatz“ in Forstenried: Vision wird Wirklichkeit

Packen kräftig an: Enzio Ziegler, Martin Feldner und Katrin Frische (v.l.). Im Hintergrund: Das Grundschulgebäude.

Was als mutige Idee begann, hat sich zum Vorzeigeprojekt gemausert: Der Mehrgenerationenplatz Forstenried. Entstanden ist ein kleines lebendiges Dorf – das so ganz anders ist als vieles, was derzeit in München entsteht.

Noch ist es ein Pflänzchen, das aber stetig wächst und Blüte um Blüte treibt. Ein Projekt, das es so kein zweites Mal in München gibt. „Es dürfte sogar in ganz Deutschland einmalig sein“, sagt Enzio Ziegler über den Mehrgenerationenplatz. Ziegler ist Vorstandsmitglied der Freien Waldorfschule und Lehrer für Eurythmie und Religion.

Die Freie Waldorfschule hat initiiert, was derzeit auf dem 20 000 Quadratmeter großen Areal an der Züricher Straße und der Drygalski-Allee entsteht. Das frühere Eon-Grundstück war eine Schotterbrache, nur das Fürstenrieder Frühlingsfest und der Christbaumverkauf brachten zeitweise Leben. Ansonsten stand die Frage im Raum: Was tun mit dem Areal? Der Förderverein hatte eine Vision: Eine Siedlung zu schaffen, die sich nicht nur architektonisch abhebt, sondern auch in der Art des Zusammenlebens: Miteinander und Füreinander.

Synergie aus Bildung und Wohnen

Ungewöhnliche Farben und Formen bestimmen die Architektur. Und viel Holz. 

Der Förderverein der Waldorfschule kaufte das Areal 2009, im Jahr darauf standen bereits die ersten Klassenzimmer der neuen Waldorfschule. 2011 lobten der Förderverein und die Münchner Genossenschaft Wogeno, die mit ins Boot stieg, einen Wettbewerb für den Platz aus. Die Architekten von „Bogevischs Buero“ aus München und Grabner + Huber Landschaftsarchitekten aus Freising machten das Rennen. Bildung und Wohnen, so das Ziel, sollen eine größtmögliche Synergie bilden.

Inzwischen sind ein weiteres Schulgebäude mit Cafeteria, ein Kinderhaus, 70 Wohnungen, ein Schulgarten und ein Abenteuerspielplatz dazugekommen. Die Architektur lebt von ungewöhnlichen Formen. Viel Holz und warme Farben prägen das Bild.

"Wir sind ins kalte Wasser gesprungen"

Katrin Frische fand die Idee verlockend, als sie 2010 von Elmshorn nach München zog und nach einer neuen Schule für ihre Kinder suchte. Als sie damals von den Plänen für den Mehrgenerationenplatz hörte, zögerte sie nicht lang: „Wir sind ins kalte Wasser gesprungen.“ Die Entscheidung hat sie nie bereut. Ihre drei Kinder gehen auf die Waldorfschule und sind glücklich dort. „Für uns ist der Mehrgenerationenplatz ein Stück Heimat geworden“, sagt Frische. Besonders schön finden alle vier den Dorfcharakter. Und die kurzen Wege. Mehrere Generationen unter einem Dach, dieses Konzept funktioniere gut, erzählt die 46-Jährige. Kleine Konflikte habe es allerdings schon gegeben. Weil zum Beispiel Kinder zu laut spielten und durch die Laubengänge tobten. „Es gab dann Diskussionen, ob wir eine Hausordnung brauchen.“ Frische lehnt so etwas ab. Sie setzt eher auf das Prinzip Freiheit und Verantwortung.

Momentan wohnen zehn Eltern- und Lehrerfamilien, Senioren und eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien in der Anlage des Mehrgenerationenplatzes. Außerdem gibt es Wohngemeinschaften für Blinde und Sehbehinderte sowie Kinder und Jugendliche, die heilpädagogisch-psychotherapeutisch betreut werden müssen. Begrünte Dachterrassen, Gemeinschaftsräume und eine Werkstatt sind Treffpunkte für alle und sollen das Miteinander fördern.

300 Schüler besuchen Waldorfschule im neuen Schuljahr

Grünflächen und Beete gliedern die Anlage. Zäune sucht man vergebens.

Zum Miteinander kommt das Füreinander. Das Besondere ist die Selbstverwaltung. Die Initiative liegt ganz in der Hand der Eltern, des Kollegiums von Schule und Kinderhaus und der Hausbewohner. Sie arbeiten in unterschiedlichsten Arbeitskreisen zusammen. Auch die Bauherrenvertretung erfolgt durch ehrenamtlich tätige Eltern und Bewohner. Im Baukreis sitzt zum Beispiel Martin Feldner aus Gräfelfing. Sein Sohn besucht die 7. Klasse der Waldorfschule. „Jeder Arbeitskreis ist wichtig“, sagt der Ingenieur. Jeder könne dort gleichberechtigt beim Aufbau und der Gestaltung des Mehrgenerationenplatzes mitwirken.

Die Waldorfschule hat im neuen Schuljahr 300 Schüler in neun Klassenstufen. „Interessenten können sich mit dem Sekretariat in Verbindung setzen, in einzelnen Klassen gibt es noch freie Plätze“, sagt Ziegler. Bis 2020 soll die Waldorfschule weiter ausgebaut werden – bis zur 13. Klasse, so dass Schüler die Mittlere Reife oder das Abitur machen können.

Keine Zäune - das Dorf soll offen bleiben

Der nächste Bauabschnitt steht unmittelbar bevor, die Pläne hat das Architekturbüro Johann Müller-Hahl aus Landsberg erarbeitet. Errichtet wird neben weiteren Klassenzimmern eine Einfach-Turnhalle. Zum Jahresende 2017 soll sie fertig sein. Danach folgt das Mittel- und Oberstufengebäude. Ein flexibles Raumkonzept soll vielfältige Lehr- und Lernsituationen ermöglichen. Zuletzt entsteht noch ein Veranstaltungszentrum mit einem Musiksaal, zwei Eurythmieräumen, einem Foyer, einem geräumigen Theatersaal und Dachterrassenanlage. Das Theater wird eine professionelle Bühne und rund 480 Besucherplätzen in Parkett, Hochparkett und Galerie haben.

Eines soll es sicher nicht geben auf dem Mehrgenerationenplatz: Zäune. Das neue Dorf soll offen bleiben. Nicht nur intern vernetzt, sondern auch mit der Umgebung, mit den Menschen im Viertel verknüpft. Etwa durch öffentliche Frühlings- und Herbstmärkte. „Davon lebt der Mehrgenerationenplatz“, sagt Ziegler. Es bestehen auch Überlegungen, dass Sportgruppen aus der Nachbarschaft und örtliche Turnvereine die Turnhalle in freien Zeiten nutzen können.

Auch vom Theater soll das Viertel profitieren. Es werde später einmal für externe Veranstaltungen offen stehen, erklärt Ziegler. „Wir wollen uns Kultur ins Haus holen.“ Angedacht sei auch, entlang der Drygalski-Allee die öffentlichen Grünanlagen so zu gestalten, dass sie von Schülern und Bürgern genutzt werden können. Zum Beispiel zum Gartenbau und zum Spielen, für Feste oder Ferienaktionen. „Auch dadurch wollen wir uns noch mehr in das Stadtviertel integrieren.“

Informationen über den Mehrgenerationenplatz in Forstenried gibt es im Internet auf www.waldorfschule-muenchen-suedwest.de und www.wogeno.de

Brigitta Wenninger

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