Ein Knastbesuch

Was Gefängniswärter in Stadelheim erleben

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Die JVA Stadelheim in München verändert jeden, der einmal in ihr war. Egal ob Häftling, Wächter oder Besucher. So geht es hinter den Mauern zu.

Schlüssel ins Schloss, zweimal drehen, Türe auf. „Riechen Sie das? Hinter jeder Tür riecht es anders“, sagt Brigitte B., Justizvollzugsbeamte in der JVA München Stadelheim, als sie in einen dieser Gänge tritt, die überall auf dem 14 Hektar großen Gelände gleich aussehen. Es riecht nach getragener Kleidung und alter Bausubstanz. „Es riecht nach Mensch“, sagt ihr Kollege Alexander S. Freiheit jedenfalls riecht anders.

Er zieht die Türe zu, Schlüssel ins Schloss, zweimal drehen. Dicht. Stadelheim ist eine permanente Luftschleuse. Erst hinten die Türe zu, bevor vorne die nächste aufgeht. Die Luft kommt zwar durch, aber sie muss immer an den Gitterstäben vorbei. „Gesiebte Luft“ nennen das die Häftlinge. Und immer klimpert der Schlüsselbund.

Stadelheim, das ist Bayerns größte Justizvollzugsanstalt – eine eigene Welt, abgeschottet von der pulsierenden Landeshauptstadt, die rund um das 1894 eröffnete Gefängnis gewachsen ist. Hinter sechs Meter hohen Mauern sitzen rund 1350 Häftlinge ihre Strafe ab oder warten auf ihren Prozess.

Die erste Nacht verbringen Häftlinge zu zweit

Die Freiheitsstrafe ist der größtmögliche Einschnitt. Nur eine Stunde Besuch pro Monat. Nichts mehr übrig vom Leben außer ein paar Bildern, der Armbanduhr und dem Ehering. Jeden Tag sind spätestens um 20 Uhr die Zellen zu. Dann bleiben knapp neun Quadratmeter Lebensraum. Die einzigen Verbindungen nach draußen: Ein Blick aus dem vergitterten Fenster und – wer sich die Mietgebühr leisten kann – das Flimmern aus dem Fernseher. Wenn die Glotze der letzte Strohhalm ist, dann ist die Freiheit am Ende.

Wächter über die Türen: Brigitte B. und Alexander S.

„Die erste Nacht ist meist die schlimmste“, sagt Brigitte B. Seit 18 Jahren arbeitet die 48-Jährige in der JVA Stadelheim, als eine von rund 400 uniformierten Beamten. Ihr zwei Jahre jüngerer Kollege Alexander S. schon seit 1993. Unzählige Häftlinge haben sie kommen und gehen sehen. Manche mehrfach. Ihre Nachnamen und Wohnorte möchten die beiden Justizvollzugsbeamten nicht in der Zeitung lesen. Man weiß ja nie, ob nicht doch irgendein Ehemaliger einen Groll gegen seine damaligen Aufseher hegt. Manche grüßen Jahre danach an der Bushaltestelle. Andere wechseln die Straßenseite.
Die ersten Nächte verbringen die Inhaftierten im sogenannten Zugangsbereich. In der Regel zu zweit in einer Zelle. „Das hat sich gerade bei Suizidgefährdeten bewährt“, sagt Alexander S., als er die Tür zu einer dieser Zellen aufsperrt. Raum 24 ist noch frei an diesem Tag. Viel zu sehen gibt es darin nicht. Ein karges Stockbett mit zwei Matratzen, abgetrennte Toilette, ein kleiner Tisch, das war’s. Während Alexander S. spricht, lugen aus den kleinen, geöffneten Luken in den Türen der Nebenzellen immer mehr Köpfe hervor. Keiner der Insassen sagt ein Wort. Viele von ihnen haben die erste Nacht heute noch vor sich. Und die kann Männer brechen.

Das Wegsperren verändert nicht nur die Häftlinge

Denn sobald sich der Schlüssel im Schloss gedreht hat, bleibt nur die Stille. Nichts ist so laut wie die Stille. „Dann kommen die Gedanken“, sagt Alexander S. Vor wenigen Stunden war noch alles in Ordnung. Aber jetzt sind da nur noch Fragen. Was wird aus dem Arbeitsplatz, der Familie, der Freundin? Die weiß oft noch nicht mal, warum ihr Liebster an diesem Abend nicht nach Hause kommt. Und was wird aus einem selbst? In der Zelle bleibt das große Nichts. Da verschwindet der Boden ganz schnell unter den Füßen. „Ich habe hier viele Männer weinen sehen“, sagt Alexander S. „Sehr viele.“

Aber das Wegsperren verändert nicht nur den Häftling, sondern auch denjenigen, der Tag für Tag den Schlüssel umdreht. „Draußen nimmt jeder Freiheit als Selbstverständlichkeit hin“, sagt Brigitte B. In Stadelheim hat sie gelernt, ihre Freiheit zu schätzen. „Ich bin froh, wenn ich abends rauskomme“, sagt Alexander S.

Aber ein bisschen Stadelheim nimmt auch er immer mit nach Hause, ob er will oder nicht. „Suizide, Bedrohungen oder das Leid mancher, das kann man nicht einfach hinter den Mauern lassen.“ Denn auch wenn Häftlinge nie zu Freunden werden, so entwickelt sich für den ein oder anderen doch Empathie.

Aber das Verhältnis vom Häftling zum Beamten ist ein schwieriges. Zu viel Nähe zum Vollzugsbeamten – schon gilt der Insasse unter den Häftlingen als „31er“, angelehnt an Paragraph 31 des Betäubungsmittelgesetzes, laut dem der Täter seine Strafe durch „freiwilliges Offenbaren“ mildern kann. Verrat ist ein Kapitalverbrechen im Knast. Dort wo die Ehre eines der letzten Dinge ist, an die man sich klammern kann – neben dem Gitterstab.

Der Geruch von Freiheit

Auch die Beamten wahren eine gewisse Distanz. „Man entwickelt ein gesundes Misstrauen“, sagt Alexander S. Am wichtigsten: viel miteinander sprechen. Doch selbst da gibt es Grenzen. Etwa 60 Prozent der Häftlinge sind Ausländer, aus über 80 Nationen. Da liegt das größte Konfliktpotenzial in der Sprache. Wo Verständigung nicht funktioniert, fehlt auch Verständnis.

Ist die erste Nacht überstanden, beginnt sich das Zahnrad zu drehen. Bei jedem ein bisschen anders. Erster Kontakt zur Außenwelt. Arbeit in der Verpackerstation. Einen Brief schreiben, wie geht das noch? Gerichtsprozesse. Scheidungsunterlagen. Kaffee und Kippen als Gefängniswährung. Zimmerkontrollen. Weihnachten mit dem Tölzer Knabenchor und vielen Tränen. Drogen. Das Silvesterfeuerwerk, das man nur hört und nicht sieht. Einsame Geburtstage. Streit. Arrest. Hafterleichterungen.

Und irgendwann: Der Entlassungstermin. Eine Mischung aus Erleichterung und Unsicherheit in den wenigen verbleibenden Tagen im Bau. Dann ein letztes Mal: Schlüssel ins Schloss, zweimal drehen, Türe auf. Aber keiner sperrt mehr zu. Ein tiefer Atemzug: Ungesiebte Luft. Der Geruch von Freiheit.

Als Brigitte B. den Autor in der Zelle einschloss, dachte er kurz, sie sperrt nicht mehr auf. Es waren lange 30 Sekunden.

Dominik Göttler, 27, Volontär beim Münchner Merkur

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

Dominik Göttler

Dominik Göttler

E-Mail:Dominik.Goettler@merkur.de

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