Wir fragen prominente Helfer

Tod in der Bank: Hat München mehr Herz als Essen?

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Anstatt ihm zu helfen, stiegen mehrere Kunden sogar über den sterbenden Mann. 

München - Weil ihm niemand half, starb in Essen ein Rentner in einer Bank. Kann das in München auch passieren? Wir haben Experten gefragt. 

In einer Bank in Essen liegt ein Rentner auf dem Boden – und keiner hilft ihm. Im Gegenteil: Mehrere Kunden steigen einfach über ihn hinweg. Der Mann stirbt. Ist so etwas in unserer Weltstadt mit Herz ebenso möglich? Wir fragten Experten – Psychologen, Helfer, Geistliche. 

„Es ist beschämend“

Paul Breitner (65), Bayern-Scout und Helfer der Münchner Tafel: „Das ist in ganz Deutschland möglich und in vielen anderen Ländern. Weil wir immer mehr nur auf uns selbst schauen und uns die Anderen wurst sind. Es ist beschämend. Das Thema Courage spielt eine immer geringere Rolle bei der Erziehung, und Nächstenliebe in Rat und Tat verschwindet immer mehr aus unserem Leben. Die alten Römer prägten den Spruch: Tempora mutantur, die Zeiten ändern sich. Nichts ist falscher: Homines mutantur, die Menschen ändern sich. Wenn ich bei der Münchner Tafel mithelfe, dann spüre ich eine immer größere Dankbarkeit der Hilfsbedürftigen – klar, weil die Hilfsbereitschaft immer stärker nachlässt. Nicht umsonst wird jeder, der hilft statt zuzuschauen, mittlerweile als kleiner Held gefeiert.“ 

Nichts zu tun ist der größte Fehler

Dr. Alfred Schallerer (49), Notarzt vom Chirurgischen Klinikum München Süd: „Die Angst, etwas falsch zu machen, ist unbegründet. Denn es gibt nichts Falscheres, als nichts zu tun. Unabhängig davon, ob das Opfer bewusstlos ist oder nicht, ist der persönliche Zuspruch sehr wichtig – dass jemand da ist. Mittler­weile hat jeder ein Handy, um einen Notruf abzusetzen. Wenn Sie selbst mit so einer Situation überfordert sind, schnappen Sie sich weitere Menschen und sagen Sie: „Helfen Sie mir!“ Dadurch verteilt sich die Last auf mehrere Schultern, man bildet eine Schicksalsgemeinschaft – und fühlt sich nicht mehr allein gelassen.“ 

Trend zur Rücksichtslosigkeit

Christian Springer kritisiert, die Menschen hätten Angst, selbst aktiv zu werden. 

Christian Springer (51), Kabarettist und Orienthelfer: „Ich bin fassungslos. Ich denke, es ist unser Trend zur Rücksichtslosigkeit, zu Karriere, Geld und Status. Da stören Menschen, die Hilfe brauchen. Das hat nichts mit Stadt oder Land zu tun. Zudem haben immer mehr Menschen Angst, selber anzupacken: Der könnte ja schmutzig sein oder betrunken oder nur so tun – oder versteckte Kamera. Aber ich bin absolut dagegen, das Sterben dieses Menschen hunderttausendfach im Internet zu zeigen! Unbedingt wegklicken!“

„Kann auch in München passieren“

Pfarrer Schießler appelliert an die Barmherzigkeit gegenüber der Mitmenschen. 

Rainer Maria Schießler (56), Pfarrer: „Ich finde das vernichtend. Erinnern Sie sich an die Geschichte vom barmherzigen Samariter: Sogar der Priester geht vorbei. Helfen bedeutet Mut haben, gegen die Konventionen verstoßen, Risiken eingehen. Man überschreitet beim Helfen Grenzen. Jesus hat sich denen gewidmet, die Außenseiter, Ausgestoßene waren.

Das, was in Essen passiert ist, kann natürlich auch in München passieren. Warum sollen die Essener schlechter sein als die Münchner? Das Wegschauen ist überall denkbar – von ­Timbuktu bis Helsinki.“

„Die Anderen werden schon helfen“

Jo Groebel (65), Medienpsychologe und Chef des Deutschen Digital Institut: „Es spielen sich drei Vorgänge ab, die zu so einem Drama führen. Zum einen das Prinzip der abgeschobenen Verantwortung nach dem Motto: Die Anderen werden schon helfen. Zum zweiten gibt es auch in Deutschland mehr und mehr Menschen, die auf der Straße liegen. Das kannte man früher etwa vor allem aus den Vereinigten Staaten. Man assoziiert damit oft einen Obdachlosen, der etwa seinen Rausch ausschläft. Motto: Wird schon nicht so schlimm sein.

Dazu gesellt sich mittlerweile eine dritte Komponente: die der medialen Abstumpfung. Es gibt so viel Leid und Grausamkeit auf der Welt, dass sie zwar nicht zu mehr Aggressivität führt, aber zu immer weniger ausgeprägter Empathie. Das, was da in Essen passiert ist, ist eine Mischung aus allem.“

Ein Psychologe erklärt: Hinter Ignoranz steckt Angst

Wie haben Sie die Szene wahrgenommen?

Stephan Lermer, Psychologe: Ich war entsetzt. So ein Verhalten ist für anständige Menschen nicht nachvollziehbar.

Man konnte nicht direkt sehen, dass der Mann stirbt. Aber, dass jemand am Boden liegt, der Hilfe braucht.

Stephan Lermer weiß, warum manche Menschen Angst davor haben, zu helfen. 

Lermer: Im öffentlichen Raum ist ein liegender Mensch eine Irritation und etwas Ungewöhnliches: ein Betrunkener, ein Obdachloser – oder ein Verletzter. Das löst einen Reflex aus. Aber man fühlt sich nicht bedroht. Deshalb könnte man die Person gefahrlos ansprechen und fragen, ob sie vielleicht nur ausgerutscht ist. Wenn sie nicht reagiert, muss man den Notruf wählen oder der Bank Bescheid geben, die Mitarbeiter sind dafür geschult. Es ist die Pflicht jedes Bürgers, dass er Hilfe gibt oder Hilfe ruft.

Die Leute sind aber nicht nur vorbeigegangen, sondern auch drübergestiegen.

Lermer: Das ist menschenunwürdig und jenseits aller Anständigkeit.

Was fühlt jemand, der so handelt?

Lermer: Diese Menschen werden sich gesagt haben: „Das geht mich nichts an.“ Oder: „Ich will keinen Ärger haben.“ Sie haben den Mann ignoriert. Die Aussage bei der Polizei war ihnen wohl zu anstrengend. So ein Verhalten ähnelt einem Kind, das sich die Augen und die Ohren zuhält, um zu verdrängen.

Wie kann es dazu kommen?

Lermer: Der Zeuge denkt an den Zeitverlust, an seine Termine oder dass er seinem Chef sagen muss, dass er später kommt. Das Gefühl kann sein: ‚Ich handle mir hier nur Ärger ein.‘

Dann steckt Angst hinter der Ignoranz?

Lermer: Ja. Die Angst zeigt sich, wenn wir Unangenehmes vermeiden. Studien belegen, dass ein Einzelner in solchen Situationen eher hilft, weil sonst niemand da ist, der helfen könnte. Und je mehr Menschen eine Situation beobachten, desto weniger helfen. Sie denken: Das können auch andere machen. Oder sie glauben, andere hätten mehr Zeit und Kompetenz. Zudem gibt es Ängste, etwas falsch zu machen oder sich zu blamieren. Man nennt das „Genovese-Syndrom“. Die Verantwortung wird weitergeschoben.

Wäre so ein Vorfall in München anders gelaufen?

Lermer: Das kann ich mir gut vorstellen. Zu uns kommen viele intelligente und hochqualifizierte Menschen. Ihnen ist klar, sie würden durch Kameras und über ihre Bankkarte entdeckt werden, wenn sie nicht helfen.

Was spricht noch dafür?

Lermer: Wir haben in Bayern, im Vergleich, andere Quoten: weniger Scheidungen, mehr Organspender. Mehr Menschen sind an der Kirche orientiert, wir haben christlich geprägte Werte und aufgrund des dörflichen Charakters eine stärkere soziale Kontrolle. Es gibt aus meiner Sicht eine ausgeprägte Kultur der Anständigkeit.

thi, wei, m.b.

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