Zwei Wochen nach Unfall

Bruder von Tram-Opfer Julia (✝15): Hört auf meine Bitte!

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Julias Bruder Tobias am Unglücksort.

München - Vor zwei Wochen kam Julia bei einem tragischen Tram-Unfall ums Leben. Nun kehrt ihr Bruder an den Unglücksort zurück - und spricht eine Warnung aus.

Zwei Polizisten und der Herr vom Kriseninterventionsdienst klingelten am Abend des 2. März gegen 18.30 Uhr an der Tür der Familie B. aus Untermenzing. Sie kamen mit einer furchtbaren Nachricht. Der schlimmsten, die man einer Familie überbringen kann. Tochter Julia (15) war am Nachmittag in Laim von einer Tram erfasst und tödlich verletzt worden. Sie war auf dem Weg zu ihrem Fitnessstudio gewesen, hatte Kopfhörer und Kapuze getragen und noch dazu leider ihr Handy in der Hand gehabt. So hörte sie das Klingeln der stadtauswärts fahrenden Tram-Linie 19 nicht. Die Ärzte versuchten wirklich alles. Doch am Ende konnten sie Julia nicht mehr retten.

Keine drei Wochen sind seither vergangen. Verzweiflung, Trauer, Wut sind noch immer ständige Begleiter derer, die Julia liebten. Doch einer hat die innere Erstarrung abgeschüttelt und will kämpfen gegen den weit verbreiteten Handy- und Kopfhörer-Wahn im Straßenverkehr. Es ist Tobias (19), Julias großer Bruder, der seine Stimme erhebt: „Ich bitte Euch, denkt doch mal einen Moment nach. Wenn ich nur einen Menschen retten könnte vor solch einem Unfall, dann würde sich jede Mühe lohnen. Dann hätte der Tod unseres Julchens wenigstens noch so etwas wie einen Sinn.“

Tobias wäre gern bereit, die Polizei in die Schulklassen zu begleiten oder auch Kampagnen mit Automobilverbänden zu starten zum Thema Ablenkung von Fußgängern, Rad- und Autofahrern im Straßenverkehr. Allein in München sind in der letzten Woche zwei weitere junge Leute (17 und 23 Jahre) von Auto bzw. Tram erfasst und schwer verletzt worden. Beide hatten Kopfhörer getragen.

Seit Julchens Tod hat Tobias die Kopfhörer beiseite gelegt: „Auch in unserem Freundeskreis bewegt sich zumindest draußen niemand mehr mit Kopfhörern.“ Am Freitag traf er sich mit der tz an der Unfallstelle. Auf vier Spuren tost der Verkehr um die durch eine gefährliche Kreuzung getrennten, weit auseinanergezogenen Haltestellen „Am Lokschuppen“. Die Trams nähern sich beidseits mit hohem Tempo der Fußgängerfurt über die Gleise, an der nur kleine Schilder („Tram hat Vorfahrt“) auf die Gefahr hinweisen. „Hier fehlt eine Ampel, oder wenigstens ein Blinklicht,“ findet Tobias. Zudem ist der Verkehrslärm so groß, dass das Klingeln der Tram hier auch ohne Kopfhörer leicht überhört werden kann.

Inmitten dieses Gewühls biegen sich im Fahrtwind rote Rosen und Julias Bild, das Freunde an der Unfallstelle angebunden haben. Im Wartehäuschen lesen Passanten gerührt die liebevollen Abschiedsbotschaften der Freunde. „Ich möchte gern, dass meine Schwester nicht wie ein dummes, kleines Mädchen dasteht. Diese Kreuzung birgt so viele Gefahren,“ sagt Tobias.

Die Polizei hat ihm Julias Handy zurückgegeben. Es funktioniert noch. „Wir fanden darauf lauter süße Selfies und einen Film, bei dem sie sich selbst aufnahm beim Oliven naschen. Sie lachte, sie hatte Spaß. So war sie. So werden wir sie immer in Erinnerung behalten.“

Dorita Plange

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